Diverses Die Apartheid zwischen Mittelstand und Konzernen

Allenthalben wird über die mangelnde Durchlässigkeit zwischen Politik und Wirtschaft geklagt. Dabei krankt das deutsche System noch an ganz anderer Stelle: Es gibt fast keinen Austausch zwischen dem Führungspersonal von Mittelstand und Großkonzernen.

Nur in den seltensten Fällen stellt
sich die Generation der Unternehmenserben
der Herausforderung, sich
im ungeschützten und unvertrauten
Umfeld eines Großkonzerns zu behaupten.
Und so gut wie nie trauen
sich die Aufsichtsräte der Dax-Konzerne,
gestandene Unternehmer in
ihre Vorstände zu berufen. Obwohl sie
von deren Wissen und gestalterischer
Kraft nur profitieren könnten. Die Führungsriegen in Mittelstand
und Großkonzernen leben strikt
voneinander getrennt in zwei unterschiedlichen
Welten. Das hemmt die
deutsche Wirtschaft ungemein. Und
ist gesellschaftspolitisch schädlich.

Aus mindestens drei Gründen: Auf
Ebene der Firmen schwächt das Nebeneinander
die Kleinen wie die
Großen. Den mittelständischen Unternehmen
gebricht es deshalb in aller
Regel an strategischer Konsequenz.
Den Konzernen hingegen fehlt meist
die unternehmerische Fantasie.
Auf dem politischen Parkett ist
dieser Separatismus ebenso schädlich.
Denn die beiden Lager in der
Wirtschaft bringen es nicht fertig, in
Berlin und in Brüssel mit einer Stimme
zu sprechen. Und minimieren so den Einfluss aller Unternehmen auf die Gesetzgebung.

Anzeige

Schließlich schafft die strikte Abgrenzung
zwischen Mittelstand und
Großindustrie auch ein gesellschaftliches Problem. Da die Konzerne sich
selbst die Chance nehmen, von Eigentümerunternehmern zu lernen, wie man
selbst bei unangenehmen, aber unausweichlichen
betriebswirtschaftlichen
Entscheidungen bei Mitarbeitern und
Mitbürgern Einsicht herbeiführt.

Weil dem so ist, schaut nun die
ganze Unternehmenswelt gespannt
auf das Experiment RWE. Der Energieriese
holt sich mit Jürgen Großmann
einen Vollblutunternehmer, der
aus der Konkursmasse einer Konzerntochter
ein international erfolgreiches
mittelständisches Unternehmen geschmiedet
hat. Er übernimmt einen
Dax-Konzern mit perfektem Controlling,
blendender Investor-Relations-Arbeit und einer vollen Kriegskasse.

Einziges Problem: Seit Jahren fehlt die unternehmerische Vision. Es ist einzigartig in der jüngeren Wirtschaftsgeschichte unseres Landes,
dass das Schicksal eines der führenden
Dax-Konzerne in die Hände eines Eigentümerunternehmers gelegt
wird. Wenn Großmann Erfolg hat,
könnte dies der Anfang vom Ende der
Apartheid zwischen Mittelstand und
Konzernen sein.

src=“/img/premium/Unterschrift_Dr_Schweinsberg.gif“ />

Klaus Schweinsberg, Chefredakteur

Diskutieren Sie mit mir in meinem Blog >>

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): *Captcha loading...