Diverses Die apathische Republik

Klaus Schweinsberg, Herausgeber

Klaus Schweinsberg, Herausgeber

Ganz Deutschland wartet. Dass es Sommer wird. Die Fußball-WM beginnt. Und der Aufschwung endlich kommt. Bis dahin versinkt ein ganzes Land in Langeweile. Und seine Eliten bemühen sich, die Lethargie durch Ausweichhandlungen zu kaschieren, die inzwischen seltsamste Formen annehmen.

Gerade mal 180 Tage in der Regierungsverantwortung, wissen CDU und SPD nichts Besseres zu tun, als alle ihre Kräfte auf Programmdebatten zu konzentrieren. Beide Parteien gönnen sich nun allen Ernstes fast volle zwei Jahre für interne Grundsatzdiskussionen. In der Union feilt eine 60-köpfige (!) Kommission daran, Sätzen wie „Wir wollen dazu beitragen, weltweit für Recht und Demokratie einzutreten“ noch mehr intellektuelle Strahlkraft zu verleihen. Und auch die Sozialdemokraten kauen lustvoll an der Sublimierung der Idiotien ihres Berliner Programms.

Während sich die politische Klasse in die innere Emigration begibt, steigen die Wirtschaftslenker ins Flugzeug. Um sich in Bombay und Shanghai am pulsierenden Kapitalismus zu berauschen, der die Tristesse und Weltfremdheit der Tarifverhandlungen zu Hause – zumindest zeitweilig – vergessen macht.

Anzeige

Wo aber kommt sie her, diese merkwürdige, fast unheimliche Stimmung, die unser Land erfasst hat – irgendwo zwischen Eskapismus und Apathie? Ist es das so unbestimmte wie unbehagliche Gefühl, am Vorabend einer großen nationalen Krise zu stehen? Ist es die Erschöpfung nach zehn Jahren unablässiger Diskussion über Reformen, die uns in Wahrheit nicht von der Stelle gebracht hat? Oder spüren die Menschen einen nahenden Umbruch, der sich von außen in unser Land drängt?

Wahrscheinlich von allem etwas. Deutschland wirkt kraftlos. Und wird so zum Spielball äußerer Einflüsse. Die USA und Russland setzen uns beliebig wechselseitig politisch unter Druck. Wirtschaftlich sind nicht wenige ehemalige Weltmarktführer im Dax zu wohlfeilen Übernahmekandidaten für hungrige Investoren aus dem Ausland heruntergekommen.

Für Merkel und die wirtschaftliche Elite des Landes ist es höchste Zeit, endlich aus der Deckung zu kommen. Was hindert sie eigentlich daran? Selten war ein Kabinett so professionell besetzt wie die Truppe um Angela Merkel. Und noch nie zuvor waren deutsche Unternehmen so wettbewerbsfähig wie derzeit.

Das Einzige was ihnen noch fehlt, ist der unbedingte Glaube an den eigenen Erfolg. Und der Mut, sich dazu offensiv zu bekennen.

 

Klaus Schweinsberg, Chefredakteur

Diskutieren Sie mit mir in meinem Blog >>

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): *Captcha loading...