Diverses Die Entdeckung der Langsamkeit

Sich auf zwei Beinen fortzubewegen, ist für Menschen das Gewöhnlichste der Welt. Es gibt Wissenschaftler, die behaupten, die Geschichte der Menschheit habe damit begonnen. Wandern aber ist mehr als aufrechtes Gehen. Wandern beginnt im Kopf. Den meisten Wanderern geht es um den puren Genuss - darum, tief durchzuatmen und den Alltagsärger zu vergessen.

In großen Horden durch Feld und Wald zu ziehen, ist dabei längst nicht mehr angesagt – genauso wenig wie Kniebundhose, kariertes Hemd und Liedgut aus der Kaiserzeit. Die Zahl der Wanderer wächst, hat der Deutsche Wanderverband beobachtet. Und auch wenn kaum die Chance besteht, zur angesagten Trendsportart bei Jugendlichen zu werden – das Durchschnittsalter sinkt.

Rainer Brämer hat diesen Wandel gewissermaßen am eigenen Leib erfahren: Seit 15 Jahren beschäftigt er sich wissenschaftlich mit dem Thema. „Damals war Wandern völlig out“, sagt er. „Das Image ist ganz furchtbar gewesen.“ Heute gilt der Leiter der Forschungsgruppe Wandern an der Universität Marburg als gefragte Koryphäe – nicht nur bei Tourismusverbänden, die von den Wanderern nur zu gerne profitieren möchten.

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Brämer nimmt für die „Profilstudie Wandern“ jährlich Befragungen vor, um herauszufinden, was Menschen dazu bringt, die Wanderschuhe anzuziehen. „Das Gesundheitsmotiv hat eindeutig gewonnen“, sagt der Wissenschaftler. Aber den meisten Wanderern geht es nicht in erster Linie darum, den Kreislauf in Schwung zu bringen oder dem Infarkt vorzubeugen.

Das mit weitem Abstand wichtigste Motiv ist der Wunsch, die Natur zu genießen. „Das gaben bei der neuesten Studie 90 Prozent der Befragten an“, sagt Brämer. Und den Experten wundert das auch nicht: Wandern ist der Versuch, dem Alltag, der weder mit Natur noch mit Genuss viel zu tun hat, etwas entgegenzuhalten.

Auszeiten in der Natur

Es ist die Entdeckung der Langsamkeit in einer Arbeitswelt, in der alles immer schneller wird und der Einzelne immer mehr leisten soll.
„Der Zwang zu ständiger Konzentration führt zu Überlastung“, sagt Brämer. „Umso wichtiger werden Auszeiten, bei denen wir mit der Natur wieder ins Lot kommen.“ Sich geruhsam mit quasi natürlicher Geschwindigkeit fortzubewegen, ist ein Beitrag zur mentalen Entschleunigung. „Der Kopf wird dann frei, alle Sinne funktionieren wieder.“

Besonders Kopfarbeiter, die viel am Schreibtisch sitzen, brauchen den Ausgleich zur zivilisationsbedingten Bewegungslosigkeit. Nur so lässt sich erklären, warum Wandern gerade bei den besser Ausgebildeten, die wenig körperlich arbeiten, attraktiv ist. „Jeder zweite Wanderer hat Abitur oder ein Studium absolviert“, sagt Brämer.

Genau die Zielgruppe von Manuel Andrack: Der Partner von Harald Schmidt hat die einjährige „kreative Pause“ seines Chefs genutzt, um 2005 ein Buch übers Wandern zu schreiben. Dessen Titel bringt die aktuellen Trends gewissermaßen auf den Punkt: „Wandern ohne Hut und Stock“. Andrack bevorzugt deutsche Mittelgebirge und Touren, die nicht in Quälerei ausarten: „Mehr als vier Tage am Stück war ich noch nie unterwegs“, erzählt der 40-jährige Kölner. „Die längste Tagesetappe waren mal 50 Kilometer. Und das war eindeutig zu viel.“

Für weniger exzessive Touren schultert Andrack aber regelmäßig den Rucksack, immer abseits des Asphalts. Es sei ein fast sinnliches Erlebnis, sich in der Landschaft zu bewegen. „Was ich allerdings hasse, sind Rundwanderwege. Ich finde es schon gut, eine Strecke hinter mich zu bringen.“

Modischer Anschluss an die Gegenwart

Modisch haben die früher als notorisch altbacken verschrieenen Wanderer längst den Anschluss an die Gegenwart gefunden. „In den Sechzigern waren Wanderklamotten total altmodisch“, sagt Ingo Seifert vom Deutschen Wanderverband in Kassel. „Heute trägt jeder Zweite Jack-Wolfskin-Jacken. Das ist geradezu hip.“ Trekking-Artikel seien Lifestyle-Accessoires geworden.

Von wegen Holzfällerhemd und karierte Kniestrümpfe: Die zeitgemäße wasser- und winddichte Outdoorjacke ist atmungsaktiv, hat versiegelte Nähte und Teflon-Faserschutz, das Fleeceshirt verfügt über etliche Reißverschlusstaschen und weitenregulierbaren Bund. Speziell fürs Wandern entwickelte Sportsocken haben gepolsterte Plüschsohlen, und für längere Touren gibt es Gel-Fußbetteinlagen zur Fußentlastung.

Und wem das alles noch nicht reicht, kann auch technologisch nachlegen: Längst gibt es Wanderer, die Schrittzähler mit LCD-Anzeige einpacken, deren Trekking-Armbanduhr über einen elektronischen Kompass verfügt und die sich bei der Orientierung per GPS von Satelliten helfen lassen. Mit dem Wandersmann aus Vorkriegszeiten hat das tatsächlich nur noch wenig zu tun.

Buchtipps:

Du musst wandern

Ohne Hut und Stock im deutschen Mittelgebirge

Manuel Andrack

KiWi-Verlag

ISBN: 3-46203-488-X

8,90 Euro

Heimatkunde

zu Fuß und allein durch die Provinz

Tobias Zick

Herder-Verlag

ISBN: 3-45128-315-8

14,90 Euro

Deutscher Wanderverband:

www.wanderbares-deutschland.de

(Quelle: dpa)

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