Diverses „Die Firma geht vor“

Professor Rudolf Wimmer vom Institut für Familienunternehmen in Witten-Herdecke über seine Langzeitstudie zu den Erfolgsfaktoren alteingesessener Familienbetriebe. Gemeinsam mit seinem Professorenkollegen Fritz B. Simon hat Wimmer die Patriarchen von elf Familienfirmen wie C&A oder Haniel an einen Tisch geholt. Zwei Jahre lang traf man sich alle drei Monate für einen Tag zu einem ausführlichen Meinungsaustausch. Die Ergebnisse sind in einer ausführlichen Studie erschienen.

impulse: Herr Professor Wimmer, ist das Prädikat Familienunternehmen für eine Firma Vorteil oder Hypothek?

Wimmer: Beides. Welche Seite im Einzelfall überwiegt, hängt vor allem davon ab, wie alt das Unternehmen ist.

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Was bedeutet das konkret?

In den ersten Jahren ist der Aggregatzustand der Familienfirma geradezu ideal: Schließlich finden Gründer nirgendwo so preiswerte Arbeitskräfte wie zu Hause. Wenn indes die Nachfolge ansteht, können Familienbande zur schweren Belastung werden. Nur jede achte Firma überlebt den Sprung in die vierte Generation.

Also ist die Familienfirma doch ein Auslaufmodell?

Nein, ich würde eher sagen: ein vorübergehender Zustand. Die anderen sieben Firmen gehen ja nicht alle Pleite, sondern werden meist verkauft. Und, auch das haben unsere Untersuchungen ergeben: Ist die vierte Generation erst einmal am Ruder, erweisen sich die Unternehmen im Vergleich zu Publikumsgesellschaften als besonders langlebig und erfolgreich.

Wie halten diese Dynastien ihre Firmen zusammen?

Der zentrale Punkt ist: Sie verhindern, dass sich einzelne Gesellschafterstämme, also die Nachfahren möglicherweise rivalisierender Geschwister, gegenseitig blockieren können.

Und wie ist das gelungen?

Indem die Gesellschafter, als sie noch einstimmige Entscheidungen zu Wege brachten, eine Verfassung beschlossen haben, die alle Folgegenerationen binden. Wichtigstes Ziel: das Überleben des Unternehmens zu sichern. Nehmen Sie beispielsweise Merck mit seinen heute 146 Gesellschaftern.

Deren oberste Instanz ist ein Familiengremium, in das nur hinein gewählt wird, wer auch Stimmen anderer Stämme erhält. Typisch sind auch Firmenbeiräte mit familienfremden Mitgliedern, ohne deren Zustimmung kein Mitglied der Familie in die Geschäftsleitung aufrücken kann. Wer seine Anteile verkaufen will, muss diese üblicherweise zunächst in der Familie anbieten, und zwar oft unter Wert.

Dies allein schützt die Firma doch nicht vor Familienkrisen.

Nein, derlei Konsenszwänge sind aber ein wichtiger Schritt. Die zweite Komponente ist eine Familienkultur, die die gemeinsame Verantwortung für das Unternehmen hochhält und ein ausgeprägtes Wir-Gefühl pflegt: Man ist stolz, Teil dieser Dynastie zu sein.

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So etwas ergibt sich aber nicht von selbst.

Nein, das hat viel zu tun mit den Vorbildern an der Spitze. Aber auch mit gelebten Ritualen wie regelmäßigen Clan-Treffen. Wer in dem Sinne erzogen wird, findet es selbstverständlich, das Wohl der Firma über die Partikularinteressen des Einzelnen zu stellen.

All das erklärt, wie diese Firmen trotz Familie so lange überleben konnten. Nicht aber, warum sie erfolgreicher sind als andere.

Auch hier kommen mehrere Faktoren zusammen. So werden künftige Führungskräfte bewusst jung eingekauft und lange Jahre intern gefördert. Erprobte Konzernmanager sind nur selten willkommen. Auf diese Weise formt man eine uneitle Führungs-Crew, die zur Firma passt und mit den Eigenheiten der Familie umgehen kann …

… und schmort im eigenen Saft …

… möglich. Das ist übrigens typisch für die identifizierten Erfolgsfaktoren: Sie haben oft Kehrseiten, mit denen die Clans eben umgehen müssen.

Was ist mit den Finanzen?

Ein weiterer wichtiger Punkt. In den meisten erfolgreichen Familienfirmen ist die Gewinnentnahme stark eingeschränkt. Devise auch hier: zuerst die Firma stärken. Selbst entnommenes Geld wird auffallend oft reinvestiert, etwa als Gesellschafterdarlehen.

Können die ergiebigen Kapitalquellen der Familie nicht auch Unwirtschaftlichkeit und Ineffizienz schüren?

Auch diese Gefahr besteht. Daher lassen viele ihr Management durch Beiräte überwachen und anspornen. Ein Riesenvorteil von Firmen mit prallvoller Familienschatulle ist übrigens, dass die Chefs gar nicht daran denken, sich von 28-jährigen Analysten scheuchen zu lassen. Denn die kurzfristige Wertentwicklung ist ihnen ziemlich egal.

Mit welcher Konsequenz?

Dass die langfristige Performance der alten Familienfirmen von anderen nur schwer zu toppen ist.

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