Diverses Die Heuchler

Martin Lesch, 53, kann nicht glauben, was er da hört. In der Mitarbeiterversammlung der Gewerkschaft Verdi in Dresden kündigt Gesamt-Betriebsrat Thomas Voß an: Fünf Prozent des Gehalts jedes Verdi-Mitarbeiters ziehe die Gewerkschaft künftig ein – auf unbestimmte Zeit. Das Geld werde verzinst und später zurückgegeben, frühestens 2008. Ein Zwangsdarlehen.

„Selbst Schlecker, Aldi oder Lidl würden es nicht wagen, das ihren Mitarbeitern vorzulegen“, sagt Lesch – und reicht im April 2004 Klage beim Arbeitsgericht Leipzig
ein. In der Folge rufen rund 70 weitere
Verdi-Mitarbeiter die Arbeitsgerichte
an. Das Zwangsdarlehen können
sie so verhindern, drastische Gehaltskürzungen nicht.

Es klingt paradox: Die Gewerkschaft
Verdi, die für die Rechte der
Arbeitnehmer kämpfen soll, wird von
ihren eigenen Mitarbeitern verklagt.
Und doch steht dieser Fall stellvertretend
für die Situation vieler Angestellter
in arbeitnehmernahen Organisationen.
Es ist in Deutschland Wirklichkeit
geworden, dass Gewerkschaften,
SPD und sogar die Kirchen härter
mit ihren Mitarbeitern umgehen als
selbst große Unternehmen, die unter
gewaltigem Kostendruck stehen.

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Hinzu kommt: Nirgendwo genießen
Beschäftigte so wenig Schutz wie
gerade bei den Gewerkschaften. Denn
ausgerechnet die Gewerkschaftsangestellten
haben keine eigene Interessenvertretung.
Verdi weigert sich, die Gewerkschaft der Gewerkschaftsmitarbeiter (VGB) anzuerkennen. Dass Verdi damit gegen geltendes Recht verstößt, hat Gewerkschaftsboss Frank Bsirske (Foto oben) vom Arbeitsgericht Düsseldorf schriftlich bekommen. Im August 2004 hatte eine Beschäftigte geklagt – und gewonnen.

Verdi ignoriert Gerichtsurteil

Horst-Udo Niedenhoff , Gewerkschaftsexperte beim Institut der deutschen Wirtschaft in Köln: „Verdi vergeht sich am geltenden Recht. Der Vorstand kann den Betriebsrat fast
nach Gutdünken erpressen, weil der
Betriebsrat nicht zum Streik aufrufen
darf. Verdi geht bewusst an den
Schwächeren heran und erreicht Abschlüsse, die neuerdings noch nicht mal die Hälfte von dem betragen, was Verdi selbst bei anderen Unternehmen durchsetzt.“

Dafür begründet Verdi-Sprecher
Harald Reutter die Phobie gegen hausinterne
Gewerkschaften mit „Spiegelfechterei“. Sein Argument: Eine Gewerkschaft der Gewerkschaft bräuchte auch Mitarbeiter. Diese Mitarbeiter müssten auch vertreten werden, benötigten wieder eine Gewerkschaft – und so gehe das immer weiter bis ins Unendliche. Da sei es besser, gleich
einen Schlusspunkt zu setzen.

Den vollständigen Artikel können Sie in der impulse-Ausgabe 03/2005, Seite 28, nachlesen.

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