Diverses Die Hypochonder-Nation

Trotz Gesundheitsfonds und Praxisgebühr: Ein Arztbesuch bleibt für viele Deutsche so selbstverständlich wie der Einkauf im Supermarkt. An explodierende Kosten im Gesundheitswesen denkt dabei kaum jemand. Weshalb diese Haltung auch der Politik egal ist, analysiert der impulse-Chefredakteur Gerd Kühlhorn in seinem Kommentar.

Die angeblich so fleißigen und strebsamen Deutschen haben sich in aller Stille zu einer Nation der Wehleidigen, der chronisch Kränkelnden und bis zur Hysterie sich steigernden Hypochonder entwickelt. Über die Woche gesehen geht jeder vierte Bürger mindestens einmal zum Arzt. Am berüchtigten blauen Montag sitzt jeder 12. Deutsche in einem Wartezimmer, Tendenz steigend.

In nur drei Jahren stieg die Zahl der Arztkontakte um mehr als acht Prozent, trotz Praxisgebühr. An dieser Mentalität, sich zum Arzt zu flüchten, wenn das Zipperlein plagt (oder auch nur plagen könnte), ändert der gerade gestartete Gesundheitsfonds nichts. Der Fonds wird die insgesamt zur Verfügung stehenden Mittel für Gesundheit neu verteilen, so dass wir alle die Geldflüsse noch weniger verstehen. Er wird alles noch ein wenig bürokratischer machen, nur sein Kernziel wird er nicht erreichen: die explodierenden Ausgaben im Bereich Gesundheit zu drosseln.

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Die Politik ist darüber gar nicht traurig, denn sie hat längst erkannt: In Wahrheit will die Mehrheit der Bevölkerung dies auch gar nicht. Der Arztbesuch ist Teil unseres sozialen Lebens. Das Recht, teuerste Medizin und Apparate einzusetzen, um bei jedem Schnupfen auch einen Hirntumor vorsorglich ausschließen zu können, klagen Patienten tagtäglich hunderttausendfach wie selbstverständlich ein. Gibt es doch vielen endlich einmal das Gefühl, ernst, vielleicht sogar wichtig genommen zu werden, wenn hochkarätige Fachärzte und deren Mitarbeiter sich ausführlich um ihr Wohlergehen kümmern.

Das mag denn auch in der freien Entscheidung jedes Einzelnen verbleiben – nur sollte jeder, der das gesamte Repertoire unseres gewaltigen Gesundheitswesens in Anspruch nimmt, dann auch im Rahmen seiner Leistungsfähigkeit an den Kosten beteiligt werden. Das schafft keine Zwei-Klassen-Medizin – sondern eine gute Versorgung, die auch künftig für alle bezahlbar bleibt.

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