Diverses Die Ich-Maschine

Der Porsche von Lothar Leonhard, Geschäftsführer der Werbeagentur Ogilvy & Mather in Frankfurt am Main

Der Porsche von Lothar Leonhard, Geschäftsführer der Werbeagentur Ogilvy & Mather in Frankfurt am Main© Bert Bostelman für impulse

Zeig mir dein Auto, und ich sag dir, wer du bist. Wie sich der eigene Charakter in der Wahl von Automarke und -modell spiegelt.

Claus Fischer sorgt regelmäßig für Aufsehen, wenn er bei einem Geschäftspartner vorfährt. „Viele Leute sind ehrlich begeistert“, erzählt der Gründer und Mitinhaber des IT-Dienstleisters Technogroup stolz. „Manche sagen dann Dinge wie: Das ist das Auto schlechthin!“ Fischer geht es nicht darum, die Menschen mit seinem Wagen zu beeindrucken. Es macht ihm aber Spaß. Sein silberner Aston Martin DB5 von 1964 ist das klassische Bond-Coupé, jener Sportwagen mit der langen Haube und den rund gewölbten Knopfaugen. Im jüngsten James-Bond-Film „Skyfall“ holt Agent 007 solch ein Schätzchen aus einer versteckten Garage und steuert damit Richtung schottische Highlands.

Für Fischer ist der Oldtimer schlicht authentisch. „Es ist nicht wichtig, ob ein Auto klein ist oder groß, neu oder alt“, sagt der Unternehmer aus Hochheim am Main. „Es ist wichtig, dass ich dazu etwas sagen kann.“ Zu erzählen hat er viel: Wie er den Wagen vor 15 Jahren bei einer Auktion in der Schweiz günstig erstand. Ihn eigenhändig zerlegte, alte Lackschichten hervorholte und alles in den Originalzustand zurückversetzte. „Englische Autos passen zu mir“, sagt Fischer, der auch jedes Jahr auf der Insel Urlaub macht. Früher ist der 52-Jährige Mini Cooper, MG und Jaguar gefahren. Er schätzt Understatement, will wie ein Gentleman wirken. Als „Vernunftauto“ für den Winter hat er sich keine deutsche Chef-Limousine zugelegt, sondern einen Range Rover. „Ich könnte nie einen Ferrari fahren. Der repräsentiert einen ganz anderen Typ Mensch.“

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Trotz Trend zum Carsharing und Spritsparen – das Auto ist immer noch ein Identitätsstifter, ein Ich-Generator, mit dem Chefs zeigen, wer sie sind. Der Wagen sei „ein Persönlichkeitsmarker, der enorm viel aussagt“, sagt der Psychologe Stephan Grünewald, Chef des Kölner Marktforschungsinstituts Rheingold. Exklusiv für impulse hat er Unternehmer in fünf ideal­typische Autofahrer-Charaktere eingeteilt – je nach ihrem Fahrstil, ihrer Einstellung zum Automobil sowie zu anderen Verkehrsteilnehmern. Und nach der Marke und dem Modell, das sie fahren.

Partriarchen rasen nicht

Die beliebtesten Oberklassefahrzeuge – also traditionelle Chefautos – sind keine Exoten wie der DB5 von Claus Fischer. Laut Fuhrparkstatistik der Flottenmarktexperten von Dataforce ist der BMW 7er der beliebteste Firmenwagen im Premiumsegment, gefolgt von Mercedes CLS, Audi A8 und S8, Porsche Panamera und Mercedes S-Klasse. Grünewald würde diese schweren Limousinen allesamt beim Fahrertyp „Patriarch“ vermuten, dem älteren Unternehmer, der lieber gemächlich im Verkehr mitschwimmt als zu rasen.

IT-Unternehmer Fischer ist laut Grünewalds Typologie ein klassischer „Stilist“. Er kultiviert mit seinem Auto das britische Lebensgefühl, will zeigen, dass er von der Ingenieurskunst des einstigen Empire fasziniert ist, die nicht so perfekt und geradlinig ist wie die deutsche. Der fast 50 Jahre alte Aston Martin kommt Fischers Vorliebe fürs Schrauben entgegen: „Wenn es unterwegs Probleme gab, konnte ich das bisher immer noch selbst reparieren.“

Axel Bree ist da vollkommen anders. Wer den Mitinhaber und Geschäftsführer des Taschenherstellers Bree aus Isernhagen bei Hannover nach seinem Auto fragt, sollte nicht zu viel Leidenschaft erwarten. „Ein Auto muss mich von A nach B bringen, alles andere ist mir ziemlich egal“, sagt der 44-Jährige. Er weiß nicht einmal, wie viel Hubraum oder PS der Motor seines Wagens auf die Straße bringt. „Es ist der größte Diesel. Glaube ich.“ Bree fährt VW-Bus, Modell T5, seit 2011. Zuvor besaß er zehn Jahre lang das Vorgängermodell T4. Das einzig Spannende ist die Kombination aus schwarzem Lack und beigefarbenen Ledersitzen.

Der Bus, ein sogenannter Multivan mit Tisch und Klappbank, muss ein Alleskönner sein. Bree fährt mit dem Siebensitzer täglich zur Arbeit, setzt auf dem Weg seine beiden Töchter und noch drei ihrer Freunde in der Schule ab. „Ich bin der Busfahrer“, scherzt der Unternehmer. Bree verleiht sein Auto auch für Dienstreisen zu Messen an Mitarbeiter. „Viele Leute und die Exponate müssen reinpassen.“ Wenn jemand anderes am Steuer sitzt, klappt Bree sich den Tisch hinten hoch und nutzt die Zeit zum Arbeiten.

Und: Für nahezu jede Eventualität hat er passende Hilfsmittel an Bord. Einen Klappspaten – Bree: „Es könnte ja sein, dass ich unterwegs was ausbuddeln muss“ -, ein Regencape und ein bis zwei Windeln. „Meine Kinder sind zwar schon groß, aber vielleicht fährt mal ein Baby oder Kleinkind mit. Dann will ich vorbereitet sein.“ Dass der Unternehmer sich kurz nach der Jahrtausendwende für einen biederen Bus als Geschäftswagen entschied, hatte noch einen Grund: Damals hatten er und sein Bruder die Firma gerade von ihrem Vater übernommen. „In dieser Phase“, erinnert sich Bree, „wollte ich nicht den Eindruck erwecken, ich würde das Erbe leichtfertig für teure Autos ausgeben.“

Psychologe Grünewald diagnostiziert: „Ein typischer „Diplomat“, der nicht anecken will und mit seinem Auto möglichst für alle Lebensbereiche gerüstet sein möchte.“ Bree habe immer schon klassenlose Vernunftautos bevorzugt. Das erste Auto war ein VW Golf, später der japanische Geländewagen Isuzu Trooper, weil Brees Vater auf einem größeren, sicheren Wagen bestand. Es folgten ein Passat und diverse Audi-Modelle. Selbst ausgesucht, sagt Bree, habe er sich erst den Bus. Als Pragmatiker sei er nicht zwangsläufig langsam unterwegs, sondern auch mal „flott“, meint Bree. „Ich fahre den Bus auf freier Strecke aus.“ Das heißt: mit 180 Sachen.

Mit dem Blitz kam die Wende

Lothar Leonhard ist andere Geschwindigkeiten gewöhnt. „Früher bin ich mit meinen Autos auf Autobahnen 260 km/h gefahren“, erinnert sich der Geschäftsführer der Frankfurter Werbeagentur Ogilvy & Mather. Einige hätten seinen Fahrstil als „etwas aggressiv“ beschrieben, sagt Leonhard. Heute fahre er noch „aktiv und zügig“, aber verhaltener. Spätestens seit er vor einigen Jahren geblitzt wurde und für vier Wochen seinen Führerschein abgeben musste, lässt der 70-Jährige es nicht mehr drauf ankommen. „Ich versuche, auf der Autobahn nicht mehr als 20 km/h über dem Limit zu liegen, weil ich dann keinen Punkt in Flensburg kriege.“

Leonhards Auto: ein Porsche 911. Mit dem „typischen Werber-Auto“ hatte er sich lange schwergetan. Erst als er 2007 seine Motorräder verkaufte, stieg er auf die Sportwagen aus Zuffenhausen um, fuhr zuerst Boxter und seit 2009 den 911er, Modell 4S. Der Porsche hat 385 PS. „Und er ist das erste Auto, das ich noch nie ausgefahren habe“, sagt Leonhard stolz.

Das wäre ihm früher nicht in den Sinn gekommen. Leonhard fuhr hochgezüchtete, PS-starke Fahrzeuge – wie die Mercedes-Benz E-Klasse in der AMG-Version. Er freute sich auf jede Autofahrt, gab Gas bis an die Motorgrenze – auch, um Geschäftstermine noch rechtzeitig zu schaffen. Schon damals hätte der Porsche 911 gut zu Leonhard gepasst.

Alle Wagen, die er fuhr, entsprechen dem klassischen „Piloten“ in Grünewalds Typologie – eigentlich. Leonhard ist ein Paradebeispiel dafür, dass das Auto allein nicht unbedingt auf den Fahrer-Typus schließen lässt. Und dass sich Autofahrer im Laufe ihres Lebens verändern. Heute sagt Leonhard: „Das Tollste ist das Langsamfahren. Die Kurvenlage auf der Landstraße genügt mir schon.“ So hat sich der Werber gewandelt, vom lupenreinen „Piloten“ zum „Patriarchen“ im Piloten-Auto.

„Ich bin nicht der typische Porschefahrer“, betont Leonhard dann auch. Den dicken Heckspoiler, den der Vorbesitzer bestellt hatte – der 911er war eine Tageszulassung – ließ er sofort abmontieren. „Der Wagen hat auch keine Kriegsbemalung, das war mir wichtig.“ Leon­hard fühlt sich vor allem wohl im 911er. „Man spürt die Qualität, es gibt keinen Firlefanz, alles ist klassisch und reduziert“, schwärmt er. „Der Wagen fühlt sich an wie ein maßgeschneiderter Handschuh um einen herum.“ Und weil er zurückhaltend fährt, ernte er nur Sympa­thien mit dem Wagen. „Man darf es nicht raus­hängen lassen“, sagt Leonhard. „Also keine durchgezogene Linie überfahren oder aggressiv überholen.“

Ein bisschen Komfort muss sein

Leonhard zeigt nicht nur Züge der Typen „Pilot“ und „Patriarch“, auch ein wenig „Aristokrat“ steckt in ihm. Das ist etwa daran zu erkennen, dass er sein Auto als „privates Refugium“ beschreibt, in dem er auf angenehme Weise von der Außenwelt abgeschirmt sei, sagt Grünewald. Ein bisschen Komfort muss wohl sein. Selbst Stilist und Oldtimer-Fan Claus Fischer hat seinen Aston Martin mit einer Klimaanlage ausrüsten lassen, damit er im Sommer nicht ständig mit offenem Fenster fahren muss. „Das“, sagt Fischer, „ist auf Dauer dann doch zu laut.“

Rheingold-Chef Grünewald selbst erkennt in sich den „Diplomaten“. Der Chef von mehr als 50 Mitarbeitern kommt im C8 von Citroën zur Arbeit, dem Konkurrenten des Familien-Vans Espace von Renault. „Ich habe vier Kinder“, sagt der 52-Jährige, „und die müssen mit ihrem Zeug irgendwo hin.“ Zuletzt packte der Psychologe sieben Leute in seinen Dienstwagen und fuhr mit ihnen in die Alpen zum Skiurlaub. Bleibt abzuwarten, ob er immer noch so pragmatisch denkt, wenn die Kinder erst mal aus dem Haus sind.

Unterm Strich Unternehmer lassen sich in fünf Fahrertypen einteilen: abgeklärter „Patriarch“, gestresster „Pilot“, repräsentierender „Aristokrat“, ästhetischer „Stilist“, pragmatischer „Diplomat“.

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