Diverses Die im Dunkeln

Die im Dunkeln

Schwarzarbeit sei schädlich und unsozial, behauptet Franz Müntefering im impulse-Interview (siehe Seite 128). Hier liegt der neue SPD-Parteivorsitzende gründlich daneben. Das Gegenteil ist richtig. Das, was Müntefering als Schwarzarbeit bezeichnet, ist in der Regel volkswirtschaftlich nützlich und entlastet das Gemeinwesen. Mehr noch: Ohne die Leistungen der rund sieben Millionen so genannten Schwarzarbeiter wäre unser Sozialsystem längst zusammengebrochen.

Zunächst: Müntefering spricht von Schwarzarbeit, meint in Wahrheit aber die Schattenwirtschaft. Gewiss, jeder sechste Euro wird in Deutschland außerhalb des offiziellen Sozialprodukts erwirtschaftet. Aber ein Blick in die gängige Definition der Schattenwirtschaft enthüllt: Das Gros der 370 Milliarden Euro, die dort umgesetzt werden, entstammt harmlosen Tätigkeiten. Wer seine Wohnung selbst renoviert, die kranke Mutter zu Hause pflegt, dem Nachbarn beim Wechseln der Autobatterie hilft oder die örtliche Jugendmannschaft trainiert, den zählen die Volkswirte zwar zur Schattenwirtschaft – doch er verstößt damit gegen kein Gesetz. Die wirklich kriminellen Machenschaften, die organisierte Schwarzarbeit, steuern nach Expertenmeinung allenfalls 15 Prozent der Umsätze bei.

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Und was wäre, wenn es in Deutschland keine Schattenwirtschaft gäbe? Dann fehlten der Wirtschaft, so errechnete es der renommierte Volkswirt Friedrich Schneider, 220 Milliarden Euro Kaufkraft. Das sind stolze zehn Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts. Der neue Fernseher, das neue Auto, die Ferienreise – ohne am Staat vorbei verdientes Geld würden die wichtigsten Konsummärkte einbrechen.

Die verheerendsten Folgen hätte eine Abschaffung der Schattenwirtschaft indes für die Sozialsysteme. Heute arbeitet jeder sechste Deutsche jenseits des offiziellen Sozialprodukts. Einige, um sich ihre Träume zu erfüllen; aber für nicht wenige ist dieses Zubrot bitter notwendig, um die Familie über die Runden zu bekommen. Wer ihnen das Einkommen nimmt oder durch Abgaben beschneidet, zwingt sie zum Sozialamt. Selbst wenn nur jeder Zehnte der Schattenarbeiter künftig dem Staat zur Last fiele, könnten die öffentlichen Kassen dies nicht mehr verkraften.

Spätestens hier wenden Politiker wie Müntefering ein: Würden alle Abgaben zahlen, könnten die Steuern gesenkt werden. Was für ein törichtes Argument. Welcher Staat hat je – in Form von Steuersenkungen – das Geld an die Bürger zurückgegeben, das sie mehr erwirtschaftet haben?

Mit Schwarzarbeit wehren sich die Bürger gegen die Überregulierung durch den Staat. Dahinter steckt echtes unternehmerisches Gespür.
Sie erkennen die Marktgesetze und handeln danach. Deshalb verstehen Schwarzarbeiter mehr von der Wirtschaft als der SPD-Parteivorsitzende. Zu unser aller Glück.

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