Diverses „Die letzten Stunden von Herculaneum“

In Bremen werden die Besucher des Focke-Museums ab dem 28. Januar 2006 in eine römische Kleinstadt am Golf von Neapel versetzt. Die Ausstellung "Die letzten Stunden von Herculaneum" erzählt die Geschichte des Nachbarortes von Pompeji, der durch den Vesuvausbruch 79 n.Chr. in einer einzigen Nacht verschüttet wurde.

Bereits an der überaus erfolgreichen ersten Station der Ausstellung in Haltern, die in drei Monaten 128.000 Menschen ins Westfälische Römermuseum lockte, konnten sich die Besucher von der Qualität der Kunstwerke, ihrem gut erhaltenen Zustand sowie von den unerwarteten und faszinierenden Ergebnissen neuerer Forschungen aus Archäologie, Anthropologie und Vulkanologie überzeugen. Erst in den letzten Jahren hat die Wissenschaft ein genaueres Bild von den Geschehnissen in den letzten Stunden von Herculaneum zeichnen können.

„Ungefähr 5000 Einwohner zählte die mondäne Küstenstadt am Golf von Neapel. Vor allem begüterte Römer und ihre Sklaven lebten dort, aber auch Handwerker und Ladenbesitzer“, so Dieter Richter von der Universität Bremen. „Man kann sich den 24. August 79 gut vorstellen – ein Sommertag am Golf von Neapel, Fischer ziehen ihre vollbeladenen Boote an den Strand. Eine frische Brise weht vom Meer, während sich die wohlhabenden Römer in den Gärten ihrer luxuriösen Sommervillen entspannen. Niemand ahnt, dass in ein paar Stunden der Vesuv ausbrechen und die ganze Stadt unter einer glühendheißen Lawine aus Asche, Schlamm und Bimsstein begraben wird.“

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Die tödliche Wolke aus dem Vulkan

„Die 400 Grad Celsius heiße Wolke, nicht Gesteinsbrocken oder Schlamm aus dem Vesuvausbruch haben die Menschen damals umgebracht“, erläutert Projektleiter Josef Mühlenbrock aus dem Römermuseum Haltern.

Um der Geschichte des Berges auf die Spur zu kommen, untersucht das Vesuv-Observatorium Neapel auch Ausbrüche aus der jüngeren Vergangenheit. Die Besucher der Ausstellung erfahren anhand von Bildern und Filmen, wie die Vulkanologen heute die Katastrophe des Jahres 79 minutiös rekonstruieren, als die Wolke mit 100 Kilometern pro Stunde die Hänge des Vesuvs hinunter raste.

Neue Erkenntnisse brachte vor allem die Entdeckung von über 300 Skeletten in den Bootshäusern am ehemaligen Strand Herculaneums, auf die italienische Kanalarbeiter 1982 durch Zufall stießen. Dort hatten sich zahlreiche Einwohner der Stadt, die offenbar über das Meer zu fliehen hofften, zusammengedrängt. Gegen ein Uhr nachts fanden sie durch die erste „pyroklastische Wolke“ in Sekunden den Tod.

Knochen und Haare lieferten italienischen und amerikanischen Anthropologen präzise Informationen über Geschlecht, Alter und Ernährung der Menschen, über ihre Krankheiten, ihren sozialen Stand und die Art ihres Todes. Unter ihnen befanden sich Säuglinge, Kleinkinder, junge Leute, Menschen mit unterschiedlichsten Gebrechen. Keiner der Menschen war älter als 60 Jahre.

Schmuckstücke und Ringe, die in der Ausstellung zu sehen sind, geben Auskunft über den sozialen Status ihrer Besitzer, in seltenen Fällen geben sie Namen preis. Etwa 500 Menschen aus Herculaneum sind durch Inschriften namentlich bekannt, einer davon ist Marcus Pilius Primigenius Granianus, ein freigelassener Sklave. In seinem bescheidenen Haus fanden Archäologen eine hölzerne Wiege mit dem Skelett eines Babys auf einer Matratze aus Pflanzenfasern. Die Wiege ist neben Gebrauchskeramik, Möbeln und Gemmen in der Ausstellung zu sehen.

Die Funde aus Herculaneum und Pompeji inspirierten europaweit die Entwicklung eines neuen künstlerischen Stils. Maler, Bildhauer, Architekten und Kunsthandwerker benutzten Abbildungen antiker Kunstwerke und Gebrauchsgegenstände als Vorlagen für eigene Schöpfungen. Wandmalereien aus Herculaneum und Pompeji wurden zu Vorbildern für Wanddekorationen in Schlössern und Bürgerhäusern. Die Wiederentdeckung der antiken Städte am Golf von Neapel wurde die Geburtsstunde des europäischen Klassizismus.

Entlang von zehn Stationen macht der Besucher einen Rundgang durch die versunkene Stadt, von der heute noch zwei Drittel unter einer bis zu 30 Meter dicken Schicht aus verhärtetem Schlamm liegen.

Öffnungszeiten der Sonderausstellung:

Dienstag: 10 bis 21 Uhr

Mittwoch bis Sonntag: 10 – 18 Uhr

Weitere Informationen unter www.focke-museum.de oder unter der Telefonnummer 0421/ 361 – 35 75.

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