Diverses Die neue Macht in der Autobranche

Mit dem Einstieg bei Continental als dominierender Großaktionär verschiebt Schaeffler die Kräfteverhältnisse der weltweiten Autozulieferbranche: Zusammen erwirtschaftet der Verbund einen Jahresumsatz von über 35 Milliarden Euro - und steigt zum weltweit drittgrößten Autozulieferer auf.

Starker Verbund: Gemeinsam haben Schaeffler und Continental nach dem Einstieg des Familienunternehmens beim Autozulieferer 216.000 Mitarbeiter. Nicht mehr weit vor dem fränkischen Familienkonzern liegen – nach direktem Umsatz mit Autoherstellern gerechnet – nun nur noch Bosch aus Stuttgart und Denso aus Japan. „Da entsteht ein neuer Riese, auf den Rivalen schon achten müssen“, sagte Robert Heberger von der Privatbank Merck Finck.

Mit einer größeren Einkaufsmacht und möglichen Einsparungen könne der Preisdruck auf Wettbewerber steigen, stellte Heberger fest. „Zudem ist vor allem Continental in zukunftsträchtigen Marktsegmenten wie Sicherheitstechnik oder bei klimaschonenden Antrieben bereits gut aufgestellt“, sagte er. Für Schaeffler sind gerade diese modernen Technologien interessant. Hier verbindet sich die Mechanik des Autobaus immer stärker mit der Elektronik, einer Stärke Continentals. So können beispielsweise Sensoren mögliche Gefahren wie feuchte Straßen erkennen und automatisch die Geschwindigkeit abbremsen. Mit elektronischen Motorsteuerungen lassen sich der Schadstoffausstoß senken und Benzin sparen.

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Derartige Elektronik kann Schaeffler mit seinen Wälzlagern und Kupplungen derzeit kaum bieten. Ein Branchenkenner bezeichnete Schaefflers Geschäft deshalb spöttisch als „vor allem Heavy Metal“, eine Bezeichnung in der Autobranche für das eher anspruchslose und margenschwache Geschäft mit Blech- und Stahlteilen. „Strategisch ist es für Schaeffler jetzt mit Continental möglich, sich langfristig vom Verbrennungsmotor zu lösen und in Richtung Elektronik zu gehen“, erklärte ein Analyst, der nicht genannt werden will, weil seine Bank im Übernahmepoker als einer von vielen Beratern fungierte.

Augenmerk auf Motor und Getriebe

Schaeffler verspricht sich von Continental deshalb vor allem die Expertise, um die eigenen Produkte elektronisch aufzuwerten und mit Continental-Entwicklungen zu verbinden. Dann könnte Schaeffler vom Teilelieferanten zum Komponentenentwickler für die Autoindustrie aufsteigen und damit höhere Gewinnmargen einstreichen. Besonderes Augenmerk will Schaeffler dabei auf den Antriebsstrang legen, also vor allem auf Motor und Getriebe.

Wie das funktionieren könnte, machte das Unternehmen am Donnerstag an einem Beispiel für alternative Antriebe deutlich. So entwickelt Schaeffler demnach derzeit Elektromotoren und eine Mechanik für Radnabenmotore als Ersatz oder als benzinsparende Ergänzung für Verbrennungsmotoren. Conti arbeitet an der nötigen Hard- und Software für die Steuerung. Wenn die Teile aufeinander abgestimmt zu einem System entwickelt würden, dann erwartet Schaeffler, dass die Motoren leichter und energieeffizienter werden.

Ungünstige Rahmenbedingungen?

Neben dem Vorteil der sich ergänzenden Produkte sehen Experten aber gleichwohl Schwächen und Gefahren für den neuen Zuliefergiganten. So sei Schaeffler als privater Familienkonzern wenig transparent, was eine Einschätzung der Finanzkraft erschwert, sagte ein Berater. „Und die Bilanzstruktur wird durch den Conti-Einstieg sicher sehr strapaziert.“

Als Nachteil sieht Analyst Heberger von Merck Finck auch den Abgang von Conti-Chef Manfred Wennemer, der gegen den Schaeffler-Einstieg gekämpft hatte. Wennemer hatte den Konzern in den vergangenen Jahren auf Wachstum und Rendite getrimmt. Sein Rückzug sei für Conti halbwegs verkraftbar, wenn zumindest einer seiner bisherigen Mitstreiter und Vorstandskollegen Alan Hippe oder Karl-Thomas Neumann die Nachfolge antreten werde. „Eine schlechte Nachricht wäre es, wenn neben Wennemer auch noch einer der beiden Kronprinzen ginge, weil er nicht Chef wird“, so Heberger.

Eine nicht im Konzern vernetzte und in der Autoindustrie unerfahrene Konzernführung könnte angesichts der ungünstigen Rahmenbedingungen für die weltweite Autoindustrie zur Belastung werden. „Die Konjunktur schwächt sich ab, die Preise für Benzin sind hoch, und vor allem der US-Automarkt steckt in der Krise. Bislang hat Continental sich angesichts dieser Probleme aber gut geschlagen“, stellte Heberger dem bisherigen Vorstand ein gutes Zeugnis aus. Allerdings gibt es noch Baustellen, die bei Conti durch die Eingliederung der für 11,4 Milliarden Euro gekauften Siemens-Tochter VDO entstanden sind.

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