Diverses Die Piraten der Straße

Der Schaden durch Transportdiebstahl geht in die Milliarden. Nur selten kapern die Diebe Schiffe, meist rauben sie die Ware von Parkplätzen, Baustellen oder aus Lagern. Samt Lkw. Wie die Täter vorgehen - und wie Unternehmer sich schützen können.

Ein Schnitt. Ein Griff. Eintausend Euro.
Keine zwei Minuten braucht ein
Dieb, um an der Raststätte ein paar
Flaschen Wein vom Hänger abzuziehen.
Kommt der Fahrer aus der Kaffeepause
zurück, ist die Überraschung groß.

Ungewöhnlich? Mitnichten. Was sich
Außenstehende bereits als reichlich exotischen
Diebstahl vorstellen, entlockt
Transportprofis allenfalls ein müdes Lächeln.
Ferdi Hilgers jedenfalls regt sich
über die paar geklauten Flaschen Wein
schon lange nicht mehr auf. „Diebstahl?
Ach, das doch nicht“, meint der Transporteur
und muss sich nicht besonders
mühen, cool zu wirken.

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„Die haben die LKW einfach vom Hof gefahren“

Was den
Chef des gleichnamigen
Logistikunternehmens
aus Monheim am
Rhein in Rage bringt, ist momentan
ein Problem ganz anderen Kalibers.
Professionelle Einbrecher haben vor wenigen
Wochen erst zwei Laster voll mit
Aluminiumprofilen vom Hofgelände des
Unternehmens gestohlen. Es war der
fünfte Diebstahl dieser Art in eineinhalb
Jahren. Insgesamt liegt der Schaden
schon bei etwa 200.000 Euro. „Die haben
die Lkw einfach nachts vom Hof gefahren“,
sagt Hilgers.

Eines macht ihm
besonders zu schaffen: „Vermutlich hat
ein Mitarbeiter die Diebe reingelassen.“
Denn das Hoftor war vorher und nachher
verschlossen. Die Polizei konnte die
Täter bisher nicht erwischen. Auch im
jüngsten Fall macht sich Hilgers keine
großen Hoffnungen. „Die schmelzen das
Aluminium wohl ein und verkaufen es
weiter. Das bekommt doch keiner mit.“

Spurlos verschwunden: Waren im Wert von 8,2 Milliarden

Frachtdiebstahl dieser Art gehört auf
deutschen Straßen und in den Lagern der
Republik längst zum Alltag: Nicht die
Piraten
am Golf von Aden machen den
hiesigen Transporteuren zu schaffen. Sondern
die Diebe vor der Haustür. Wie hoch
der Schaden insgesamt ist, weiß niemand,
da längst nicht alle Vorfälle öffentlich
werden. Aber allein die europäische Polizeibehörde
Europol ermittelte für 2007,
dass Waren im Wert von 8,2 Milliarden
Euro spurlos auf Europas Straßen verschwanden.
Jeder sechste Lkw-Fahrer hat
danach bereits einen Überfall erlebt. Und
die Zahlen werden in Zukunft weiter
steigen.

Für 2009 erwarten Experten der
Transport Asset Security Association
(Tapa) ein neues Rekordjahr. „Erstens
sind zusehends mehr hochwertige Güter
unterwegs. Der Diebstahl lohnt sich also
immer mehr“, sagt Tapa-Chef Thorsten
Neumann, in dessen Organisation sich Logistiker,
Hersteller und Strafverfolgungsbehörden
zusammengefunden haben, um
die wachsende Straßenkriminalität zu bekämpfen.
„Zweitens wissen wir, dass in
wirtschaftlich schlechten Zeiten
die Kriminalität steigt.“

Elektrogüter besonders gefährdet

Als
besonders gefährdet
gelten
Elektronik-
und Konsumgüter,
die sich schnell
absetzen lassen. Aber die Täter klauen
auch alles mögliche andere: So kam
vor ein paar Jahren in Fechenheim bei
Frankfurt ein Laster mit Milchbrötchen
abhanden – Fracht und Gefährt blieben
verschollen. Im März dieses Jahres stahlen
Diebe in Düren einen Tiertransporter
mitsamt 200 lebenden Hennen, Flugenten
und Perlhühnern.

Es sind solche klassischen Landtransporteure,
die besonders häufig Opfer von
Diebstählen werden. Das ergab auch eine
Studie, die die Unternehmensberatung
Miebach Consulting im Mai veröffentlichte:
„Die größten Sicherheitsprobleme
treten mit Abstand im Straßentransport
auf“, bestätigt Klaus-Peter Jung, der die
europaweite Logistikstudie leitete. Mehr
als 70 Prozent der befragten Unternehmen
klagten darin über Sicherheitsprobleme
im Straßenverkehr. Zum Vergleich:
Bei Seefracht waren lediglich 30
Prozent besorgt. Weiteres Ergebnis:
Überfälle ereignen sich längst nicht nur
in Osteuropa oder Südamerika. Sondern
auch vor der Haustür im vermeintlich
sicheren
Deutschland.

Rainer Lingnau erlebte zuletzt eine besonders
dreiste Nummer: Am helllichten
Tag stahlen Diebe ihm eine Zugmaschine
von einem Parkplatz in Travemünde.
Der Fahrer saß nur für ein paar Minuten
im Schnellimbiss nebenan. „Da muss ihm
jemand den Schlüssel geklaut haben“,
sagt Lingnau, Inhaber der Spedition Otto
König aus Wetter bei Dortmund. „Wie
genau das passiert ist, weiß bis heute keiner.“
Die Zugmaschine jedenfalls hätte
nicht einmal eine Stunde auf dem Parkplatz
stehen sollen, der Fahrer hatte den
Auftrag, sie an Bord einer Fähre nach
Schweden zu bringen. Von dort aus transportiert
die Spedition Kleidung für Kaufhäuser
nach Deutschland. Der Laster war
nicht mal beladen.

Sicherheitstechnik auf Rädern

Kameras, Sensoren und Funktechnik haben in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte gemacht. Wer hier investiert, kann seine Waren
auf dem Weg zum Ziel lückenlos verfolgen. Und weiß dann zumindest, ob und wo etwas abhandenkommt. Die besten Frachtverfolger:

Tracking and Tracing

Unter den Schlagworten Tracking (Verfolgen)
und Tracing (Überwachen) fassen Sicherheitstechniker
alle Hilfsmittel zusammen,
die den Weg einer Ware vom Hersteller zum
Kunden nachvollziehbar machen. Dazu
zählen neben Strichcodes derzeit vor allem
RFID-Funketiketten, teilweise kombiniert
mit Satellitenortungstechnik nach dem
GPS-Standard. Beim Einsatz der RFID-Technologie
senden spezielle Transponder, die
an Containern, Paletten oder Lastern haften,
über Funk Nummerncodes an Lesegeräte.
Damit können Versender dann an jedem
Verladepunkt ohne großen Aufwand kontrollieren,
ob die Ladung angekommen ist.

GPS-Geräte dagegen arbeiten mit Satellitentechnik
und versenden auch während
der Fahrt in regelmäßigen Abständen
Nachrichten über ihren Aufenthaltsort. Je
nach Sicherheitsstufe erfahren Kunden
so beispielsweise alle acht Stunden oder
auch viertelstündlich per SMS, über
Internet oder Kartenanbieter wie Google
Earth, wo ihre Fracht gerade steckt.
Die neuesten Systeme erkennen auch,
wenn ein Lastwagen die festgelegte Route
verlässt, jemand die Tür zum Frachtraum
öffnet oder einen Auflieger abkoppelt. So
viel Überwachung geht jedoch ins Geld:
Je nach Ausstattung kostet die Technik zwischen
300 und 2000 Euro pro Lkw.

Leitstelle

Wer bereit ist, noch mehr zu investieren,
schließt Verträge mit Sicherheitszentralen
ab. Dann lösen die Meldungen über unvorhergesehene
Ereignisse direkt Alarm in
deren Leitstelle aus, die zum Beispiel die
Polizei einschaltet oder mit sogenannten
Interventionspartnern vor Ort ist. Für diese
Verträge sind je nach Umfang der Überwachung
mehrere Tausend Euro pro Jahr fällig.

Videoüberwachung

Wer ständig sehen will, was im Lager oder
auf dem Lkw passiert, kann zusätzlich
Kameras installieren. Auch hier übernehmen
Sicherheitszentralen die Sichtung. Weiteres
Extra: Über Gegensprechanlagen können
Unternehmen oder Sicherheitsleitstellen
sogar direkt mit Einbrechern reden und sie
so abschrecken.

Elektronische Schlüssel

Vor allem im Lager schützen elektronische
Schlüsselsysteme vor Einbruch. Unternehmen
können mit Chipkarten oder Fingerscan-
Technik steuern, welche Mitarbeiter
zu welchen Bereichen Zutritt haben. Sind
Schließsysteme an Videotechnik gekoppelt,
ist sogar eine automatische Freund-Feind-
Erkennung möglich. Solch aufwendige
Aufrüstung verschlingt allerdings schnell
hohe fünfstellige Summen.

Aktiver Warenschutz

Während Überwachungstechnik eher der
Ermittlung dient als dem Diebstahlschutz,
macht manch günstige Technik Dieben
das Leben schwer: Hartschalenauflieger
lassen sich nicht aufschlitzen wie Planen.
Ist die Ware mit Folie umwickelt, kann
ein Gelegenheitsdieb sich nur noch schwer
mal eben von einer Palette bedienen.

Für Tapa-Chef Neumann ein typischer
Vorfall. „Sobald ein Fahrzeug steht, ist es
immer gefährdet“, warnt der Sicherheitsexperte.
Seine Vereinigung sammelt Daten
von gemeldeten Überfällen europaweit.
Daraus ergibt sich ein klares Muster:
Die Profis schlagen meist an Transferstellen
zu, also überall dort, wo die Ware auf
ein anderes Transportmittel umgepackt
oder in ein Lager eingeräumt wird. Gelegenheitsdiebe
wiederum brechen häufig
auf unbewachten Parkplätzen Lkw-Anhänger
auf und stehlen Kleinigkeiten.

In
den meisten Fällen gehen die Verbrecher
aber organisiert vor. „Die Täter wissen in
der Regel genau, an welchem Tag welche
Ware ankommt. Sie kennen die Abläufe
in den Unternehmen“, sagt Neumann.
Mitarbeiter, Partnerfirmen oder Zöllner
geben, zum Teil mit Absicht, oft aber
auch unbewusst, Informationen an Betrüger
weiter. Oder sie werden sogar
selbst
zu Tätern: 70 bis 80 Prozent der
Überfälle beruhen auf Insiderwissen,
weiß Neumann.

Der Schutz vor dem Diebstahl beginnt
daher mit Aufklärung der eigenen Transportmannschaft
über die Maschen der
Täter: Das gilt für Spediteure genauso
wie für Gelegenheitsfahrer. Häufig geben
sich die Diebe als Empfänger der Ladung
aus, fangen die Transporter kurz vor dem
eigentlichen Ziel ab und lassen die Ladung
dann unter irgendeinem Vorwand
in eigene Container umladen. Versicherungsexperten
berichten auch von Fällen,
in denen Betrüger gemütlich Kaffee
mit dem Fahrer trinken, während ihre
Komplizen den Hänger ausräumen. Andere
verkleiden sich als Polizisten oder
Zollbeamte und täuschen Kontrollen vor.

Ein weiterer Trick, vor dem Ermittler
warnen, sind kostenlose Stripshows,
die häufig dazu gedacht sind, Fahrer für
ein paar Stunden wegzulocken. Mittlerweile
gehen einige Diebe sogar so weit,
Scheinfirmen zu gründen, die Aufträge
an Speditionen vergeben. Sobald die Ware
geliefert wurde, sind die angeblichen
Auftraggeber verschwunden.

An Kreativität und Dreistigkeit sind
die Betrüger offenbar kaum zu überbieten.
Aber nicht immer gehen die Täter so
raffiniert vor. Oft nutzen sie auch rohe
Gewalt: Fahrer, die aus dem Lkw aussteigen
oder im Führerhaus schlafen, werden
in Ost- und Südeuropa häufiger mit
Waffen bedroht. Kaum ein Logistiker gibt
dies öffentlich zu, denn den Kunden wird
eine vermeintlich sichere Warenankunft
verkauft. Aber hinter vorgehaltener Hand
können fast alle Frachtdienstleister solche
Vorfälle bestätigen.

Wach-Mannschaft: Wie man seine Mitarbeiter schult

Auch Unternehmer, die nicht viel Geld für
Sicherheitstechnik ausgeben wollen,
können den Frachtraub im eigenen Haus
eindämmen. Indem sie das Verhalten
ihrer Transporteure so ändern, dass Diebe
weniger Chancen bekommen:

Dunkle Ecken meiden Gelegenheit macht
Diebe. Übersetzt für den Warentransport
heißt das: Wer auf unbewachten Parkplätzen
übernachtet und dort auch noch aus
seinem Lkw aussteigt, liefert die Ware und
das Fahrzeug möglichen Dieben schutzlos
aus. Sicherer: Pausen an bewirtschafteten
Raststätten einlegen. Die
höchste Sicherheitsstufe bieten
überwachte Parkplätze,
Verzeichnisse führen die Logistikverbände.
Dort kostet der
Stellplatz etwa 30 Euro
pro Nacht. Allerdings sind
diese Parkplätze in
Deutschland noch selten.

Gefährdete Strecken meiden Manche
Straßenabschnitte sind bereits berühmt
dafür, dass Diebe dort immer wieder zuschlagen.
Dazu zählen beispielsweise viele
Strecken rund um Paris. Solche Straßen
sollten Unternehmer bei der Routenplanung
möglichst außen vor lassen und lieber ein
paar Kilometer Umweg in Kauf nehmen.

Im Konvoi liefern Wer sich mit anderen
Lieferanten abspricht und im Treck durch
fremde Gebiete tourt, erreicht zwei Ziele:
Erstens kann man sicherstellen, dass die
Lkw nie unbewacht sind. Zweitens erhöhen
Gruppenreisen den Druck
auf Fahrer, die bei wertvoller
Fracht an Bord
womöglich
selbst
schwach werden. Aus
demselben Grund setzen
viele Spediteure wechselnde
Zweierteams
ein.

Fragen stellen Wenn sich während des
Transports plötzlich Lieferziele ändern,
sollten Fahrer stets im Unternehmen nachfragen,
ob das abgesprochen ist. Auch
geschickte
Fragen nach Details zur Sendung
können Trickdiebe entlarven.

Stammkunden nutzen Wer Stammkunden
beliefert, kann gemeinsame
Sicherheitsvorkehrungen treffen. Außerdem
kennen die Fahrer die Örtlichkeiten. Die
Betrugsgefahr ist so deutlich geringer. Im
Zweifel Neukunden zunächst über Stammadressen
beliefern.

Lecks schließen 70 Prozent aller Frachtdiebstähle
beruhen auf Insiderwissen. Unternehmen
können sich schützen, indem sie
vor der Einstellung eines Fahrers prüfen, ob
der Bewerber vorbestraft ist. Alle Mitarbeiter
sollten zudem lernen, wie sie bei Gefahr
reagieren. Und wissen, dass sie niemals über
die Ware auf dem Hänger sprechen dürfen.

Die Spedition Otto König hatte da
Glück im Unglück: Der Fahrer hatte seine
Tankkarte im Wagen vergessen. Und
obwohl Unternehmer Lingnau sie natürlich
sofort sperren ließ, versuchten die
Diebe kurze Zeit später, Diesel nachzutanken
– in England. „Unsere Zugmaschine
muss da gewerblich genutzt worden
sein“, vermutet Lingnau. „Die Diebe haben
sie jedenfalls regelmäßig gefahren.“
Drei Wochen nach dem Diebstahl teilte
die Polizei der Spedition mit, dass die
englischen Kollegen den Lkw gefunden
hätten. Per Schiff kam die Zugmaschine
zurück in die Niederlande, wo Lingnau
sie selbst abholte. 4000 Kilometer mehr
auf dem Tacho und ein paar kleinere
Schäden, das war alles, was das Fahrzeug
davongetragen hatte. Die Reparaturen
zahlte schließlich die Versicherung.

Weniger Glück haben Chefs, wenn Transporter
auf dem eigenen Hof aufgebrochen
werden und die gesamte Ladung
weg ist. „Die Ware sehen wir nie wieder“,
sagt Lingnau. Er fühlt sich den Dieben
gegenüber wehrlos: „Ich kann Lkw und
Hof abschließen. Aber was soll ich sonst
noch machen?“ Für aufwendige Sicherheitstechnik
fehlt das Geld.

Auch sein
Kollege Ferdi Hilgers ist angesichts der
Diebstähle einigermaßen ratlos. Er
kommt inzwischen aber auch nicht mehr
um neue Schutzmechanismen herum. Zu
hoch sind die Schäden durch Diebstähle,
sodass die Versicherung die Prämien bereits
erhöht hat – und technische Hürden
fordert. Hilgers rüstet gegen die Aluminiumdiebe
auf: Überwachungskameras
sichern die Lkw auf dem Hof. Mit einem
elektronischen Schließsystem kann er
zudem bestimmen, welcher Mitarbeiter
wo auf dem Firmengelände Zutritt hat.

Technologien nutzen

Wer entsprechend viel investiert, kann
mittlerweile ein riesiges Angebot an
Technologien nutzen, um seine Fracht
auf dem Weg zum Kunden zu überwachen.
So können Unternehmen wertvolle
Ladung per GPS-Ortung rund um die
Uhr am Bildschirm verfolgen. Spezielle
Geräte lassen sich so programmieren,
dass sie erkennen, wenn jemand Türen
öffnet, Hänger abkoppelt, den Stromstecker
zieht oder die geplante Route verlässt.
Sicherheitsfirmen wie ADT, Bosch
Sicherheitssysteme oder Securitas Alert
Services unterhalten eigene Leitstellen,
die die Signale auswerten.

Allein bei
Bosch in Magdeburg sitzen mehr als 1100
Mitarbeiter, die bei Alarm die Polizei vor
Ort verständigen können. Und das europaweit,
denn hier spricht man auch
Kroatisch, Estnisch oder Russisch. „In der
Anfangszeit hat die Polizei das noch für
einen dummen Scherz gehalten, aber
mittlerweile rückt sie sofort aus, wenn
wir einen möglichen Überfall melden“,
berichtet Bosch-Sicherheitstechniker
Peter
Eisenhuth. Bei besonders hochwertigen
Gütern setzen einige Transporteure
sogar sogenanntes „Emergency-Routing“
ein. Die Lieferanten legen dazu vorab
den Weg so fest, dass der Lkw stets in der
Nähe eines Dienstleisters fährt, der bei
einem Überfall schnell vor Ort ist.

Minikameras und Schrumpffolie

Manche GPS-Systeme können Dieben sogar
den Benzinhahn abdrehen. Dazu unterbrechen
die Überwacher auf Knopfdruck
den Kontakt zum Tank, sodass der
Lkw bald stehen bleibt. Ein solches System
besitzt zum Beispiel die Compass Holding
GmbH, ein Logistiker aus Düsseldorf, der
sich auf sichere Transporte spezialisiert
hat.

Compass-Fahrer müssen sich außerdem
immer per Chipkarte im Führerhaus
anmelden, sonst schlägt in der unternehmenseigenen
Sicherheitsleitstelle die
Technik sofort Alarm. Zusätzlich überwacht
Compass die Frachtinnenräume
mit Minikameras. „Sicherheit kostet zwar
Geld, aber lohnt sich auch“, sagt
Geschäftsführer
Michael Wortmann. Seit
ihrer Gründung im Jahr 2002 ist die Firma
noch nie überfallen worden.

Unternehmer, die nicht in derart aufwendige
Technik investieren, können
sich aber auch mit einfachen Methoden
vor manch einem Diebstahl schützen. So
lassen sich Transportpaletten mit schwarzer
Schrumpffolie umwickeln. Dann erkennen Diebe nicht, welche Güter sich
dahinter verbergen. Zweitens kommen
sie kaum noch an einzelne Stücke heran –
die Folie lässt sich nämlich nicht zerreißen
oder schnell abwickeln. Mehr Schutz
als eine einfache Plane bietet auch ein
Kastenwagen mit harter Schale. Und wer
besonders große Angst um die Ware hat,
kann Fahrer auch von bewaffneten
Sicherheitsleuten
begleiten lassen.

Dem Diebstahl durch das Verhalten
der eigenen Leute vorzubeugen, kostet
kaum Geld – und senkt die Risiken oft
noch mal so gut wie teure Technik. „Fahrer
müssen sich bewusst sein, welche
Tricks es gibt. Dann fallen sie auch nicht
darauf rein“, sagt Tapa-Chef Neumann.
Seine Vereinigung bietet Mitgliedern
Schulungen und Verhaltenstrainings an.

Compass-Chef und Tapa-Mitglied Wortmann
erklärt eine der Grundregeln der
Organisation: „Fahrer müssen in jedem
Fall mit uns Kontakt aufnehmen, wenn
es Planänderungen gibt. Wir rufen den
Kunden dann an und klären, ob es dabei
mit rechten Dingen zugeht.“ Zudem empfiehlt
der Verband, eine Verschwiegenheitspflicht
einzuführen. „Fahrer sollten
nicht beim Kaffee über den tollen neuen
Laptop reden, den sie gerade fahren.“

Frachdiebstahl auch Führungsthema

Weil ein Großteil der Überfälle auf
Insiderwissen
beruht, hält Experte Jung
von Miebach Consulting Frachtdiebstahl
auch für ein Führungsthema: „Zufriedene
Mitarbeiter betrügen ihre Unternehmen
weitaus weniger.“ Bei der Compass Holding
vertraut man allerdings nicht nur auf
gute Stimmung, sondern prüft Mitarbeiter
knallhart, bevor sie eingestellt werden:
Polizeiliches Führungszeugnis, Schufa-
Auskunft und Erkundigungen über Zolloder
Drogenvergehen gehören zum Standard.

„Außerdem sehen wir es gern, wenn
unsere Fahrer noch andere Verantwortlichkeiten
haben“, sagt Wortmann. Heißt
im Klartext: Besonders gern stellt man
hier verheiratete Familienväter
zwischen
30 und 50 Jahren ein.
„Hundertprozentige Sicherheit
kann es trotz
aller Sicherheitsvorkehrungen nie geben“,
sagt Wortmann. „Kriminelle sind uns immer
noch einen Schritt voraus.“

Kein Sorglospaket

Kommt es trotz aller Vorkehrungen zum
Diebstahl, schützen Versicherungen die
Unternehmen vor Schäden. Jeder Hersteller,
der Waren transportiert, und jeder
Logistikunternehmer kann dazu neben
Haftpflicht- und Kaskopolice, die für
Schäden an den Fahrzeugen aufkommen,
Transportwarenversicherungen abschließen.
Kommt Fracht abhanden, ersetzt
die Versicherung den Wert. Wie
hoch die Prämien für die Firmen sind,
hängt von vielen Variablen ab: der Art
des Gutes, der Transportstrecke und den
Wegen. Manche Versicherungen schließen
den Transport durch ehemalige
GUS-Staaten aus. Bei der Art
des Gutes wiederum entscheidet
nicht nur der Wert,
sondern auch die Verwertbarkeit
als Diebesgut.

Durch Sicherheitsstandards Prämien senken

Um Prämien zu senken, können Unternehmer
besondere Sicherheitsstandards
einführen. Auch wenn die Versicherer
ungern konkret über Kosten reden, versprechen
sie hier doch Rabatte. „Wer
Fahrer schult, die Ladung per GPS überwacht
und nur mit bekannten Kunden
Geschäfte macht, muss weniger zahlen“,
sagt Uwe Lübben, Spezialist für Transportverkehrshaftung
bei der ESA Cargo
& Logistics GmbH der Allianz.

Manche
Assekuranzen fordern diese Sicherheitsstandards
allerdings auch ein. Wer etwa
Digitalkameras im Wert von einer Million
Euro von Deutschland nach Frankreich
transportiert, muss die Ware in der
Regel im festen Kastenwagen fahren, einen
zweiten Fahrer mitnehmen und darf
nur überwachte Parkplätze anfahren.
Dann liegen die Prämien je nach Versicherer
bei etwa 750 bis 1200 Euro für die
Strecke, wie Gothaer und Zurich Versicherung
angeben.

Wer sich allein darauf verlässt, dass
der Versicherer schon zahlen wird, kann
aber schnell Probleme bekommen. Weist
die Assekuranz Fahrern fahrlässiges Handeln
nach, muss der Unternehmer den
Schaden womöglich selbst tragen, warnt
Rechtsanwalt Jens Hinrich Weber. Der
auf Transportrecht spezialisierte Jurist
aus Köln kennt viele solcher Fälle, denn
er vertritt regelmäßig Versicherungen
vor Gericht, wenn es um die Haftung
nach Überfällen geht.

Weber schildert eine
dieser Auseinandersetzungen: Ein
Fahrer, der nachts in Italien neben einer
Autobahn in der Nähe von Bologna eine
kurze Pause macht, wird überfallen. Auf
dem unbewachten Autobahnparkplatz
halten ihm drei Leute eine Waffe an den
Kopf, legen ihn gefesselt in das Führerhaus
und räumen die Ladung aus.

Das
Gericht entschied, dass es sich hierbei
nicht um ein unabwendbares Ereignis gehandelt
hat. Mit anderen Worten, der
Fahrer habe fahrlässig gehandelt. „Die
Strecke ist bekannt für die vielen Überfälle“,
erklärt Anwalt Weber: „Also musste
der Fahrer damit rechnen, bestohlen
zu werden, sobald er das Fahrzeug verlässt.“
Ergebnis: Der Transporteur musste
trotz Police den Schaden tragen.

Bakschisch für die Sicherheit

Doch selbst wenn die Versicherung zahlt,
kommt sie kaum für den gesamten Ausfall
auf, sagt Compass-Geschäftsführer
Wortmann. „Den Wert der Waren mag
die Versicherung noch zahlen. Aber die
Folgekosten für das bestohlene Unternehmen
sind um einiges höher.“ Polizeibehörden
schätzen, dass der Verlust von
Waren im Wert von einem Euro Kosten in
Höhe von etwa fünf Euro nach sich zieht.

Denn Güter, die verschwunden sind,
müssen neu produziert werden. Der
Diebstahl unterbricht also die gesamte
Logistikkette. „Gerade im Zeitalter von
Just-in-time-Produktionen ist der Schaden
groß“, warnt Wortmann. Und: „Die
verpasste Verkaufsgelegenheit kommt
oft nicht wieder.“ Besonders wenn ein
Transportgut nur zu einem bestimmten
Zeitpunkt einen hohen Wert hat, etwa
aufwendig beworbene Sonderangebote
von Discountern oder Impfampullen.

Mafiamethoden am Zoll

Kein Wunder, dass manch ein Hersteller
bei solch kritischen Transporten mittlerweile
selbst auf nicht ganz legale Methoden
zurückgreift, um die Ankunft der
Ware zu sichern. Ein Insider berichtet
von Fällen, in denen Unternehmen schon
mal Schutzgeld an einschlägige Zöllner
zahlen, damit diese die Ladung unkontrolliert
durchwinken – und nicht Komplizen
kurz hinter der Grenze über die
wertvolle Fracht informieren. „Wenn
man will, dass ein Produkt in jedem Fall
ankommt, kann man das manchmal eben
nur auf Umwegen erreichen“, berichtet
der Experte. „Aber dann erreicht die
Ware
wenigstens auch ihr Ziel.“

1 Kommentar
  • MichaelLuserke 1. Mai 2016 21:10

    Wertes Transportgewerbe ,
    Ich sah am 1.5. im ZDF in Terra express das es Kriminelle gibt die LKWS bei voller Fahrt ausrauben.Dazu habe ich die Idee eine Spiegelkonstrucktion an die LKWS anzuschauiben mit deren Hilfe der Fahrer während der Fahrt den toten Winkel unmittelbar hinter dem LKW sehen kann . Und nun beobachtet der Fahrer solche Täter und wenn die dann grade das Schloß aufschneiden wollen dann färt er mal einen kleinen schlanker oder bremst scharf und gibt dann wider stark gas. Dann vergeht denen schon die Lust. Michael Luserke

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