Diverses Die Pleite nach der Pleite

Unternehmer müssen oft mit ihrem Privatvermögen für Firmenkredite bürgen. Kommt es zur Insolvenz, ist nicht nur der Betrieb zerstört - auch dem Chef und seiner Familie droht das finanzielle Aus. Lässt sich die Katastrophe verhindern?

Es ist spürbar, Wolfgang Krebs ist
stolz auf diese Zahl, auch wenn er
sie nüchtern vorträgt: 300 000. So
viele Christbaumkugeln konnte Krebs &
Sohn in Rosenheim täglich produzieren.
„Kein anderes Unternehmen weltweit“,
schwärmt er, „hatte modernere Anlagen.“
Krebs sitzt auf dem heimischen
Sofa, die Hände hinter dem Kopf gefaltet,
und geht in Gedanken durch die Fabrikhalle
der 1947 von seinem Vater gegründeten
Firma. Er wirkt für einen Moment
entspannt, wie entflohen.

Entflohen aus seiner Gegenwart. Denn
Krebs & Sohn ist pleite. Krebs hat fast
sein komplettes Privatvermögen verloren,
weil er sich überreden ließ, mit
seinem
Geld die letztlich gescheiterte
Sanierung
zu unterstützen.

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„Ich fühlte mich finanziell abgesichert“

Was für eine Wendung. Krebs hatte
das Traditionshaus in den 90er-Jahren zu
einem hoch rentablen, international aufgestellten
Unternehmen geformt. Sein
Einkommen von umgerechnet etwa
350.000 Euro im Jahr steckte er fast
vollständig
in die Firma. „Ich fühlte mich
finanziell abgesichert und dachte, die
Risiken
im Griff zu haben.“

Nun hat er bereits neun Jahre Kampf
hinter sich, mit Insolvenzverwaltern,
mit Bankern, Sanierern, Richtern, gegen,
wie er es nennt, „die geballte Wucht
eines kranken Systems“. Sie hindere
ihn daran, sich eine neue Existenz
aufzubauen.

Vom einstigen Wohlstand fast nichts übrig

Von seinem einstigen Wohlstand ist
fast nichts übrig. Er muss für Kredite in
sechs- oder siebenstelliger Höhe – die
exakte Summe ist strittig – geradestehen.
Lediglich die alte Firmenzentrale
besitzt er noch. Doch der 10 000-Quadratmeter-
Bau steht auf Betreiben der
Gläubiger unter Zwangsverwaltung.
Krebs sieht alle seine Bemühungen, den
Komplex einträglich zu vermieten, sabotiert.
Ein möglicher Verkauf sei bislang
an den Banken gescheitert. Der Erlös
dürfte indes kaum reichen, um seine
Schulden zu tilgen.

Immerhin, seine Frau Petra hält als
erfolgreiche
Psychotherapeutin die Familie
über Wasser. Doch das Paar hat vier
schulpflichtige Kinder – da bleibt nichts,
um Wolfgang Krebs’ Schulden zu bezahlen.
„Vielleicht“, sagt er, „werde ich
Privatinsolvenz anmelden.“

Ein typischer Fall. Hinter jeder fünften
der gut 125 000 Insolvenzen, die Privatpersonen
im Jahr 2008 angemeldet haben,
steht ein gescheiterter Unternehmer.
Und selbst wenn das Aus des eigenen Betriebs
nicht in die amtlich testierte persönliche
Pleite führt, sind die finanziellen
Folgen für das tägliche Leben oft katastrophal.
„Geraten Familienunternehmen
in Schwierigkeiten, führt dies in aller
Regel
auch zu einer Krise in der Familie
selbst“, sagt Tom Rüsen, Direktor des Instituts
für Familienunternehmen an der
Privaten Universität Witten/Herdecke.

Der familiäre Notstand hat häufig zwei
Hauptgründe: Erstens wollen die Entrepreneure
die Schieflage ihres Unternehmens
oft nicht wahrhaben. „Die Krise
wird verdrängt, bis es zu spät ist“, sagt
Rüsen. Zum anderen erwischt es die
Unternehmer
häufig völlig unvorbereitet.
In der Finanzplanung der Familie ist die
Firmenpleite einfach nicht vorgesehen.

Die gute Nachricht: Auch wenn der Absturz
ins finanzielle Nichts mitunter schicksalhaft
wirkt, kann eine frühzeitige, konsequente
Vorbereitung die private Pleite
nach der Firmeninsolvenz verhindern.

Strategien für mehr Sicherheit

Wer in seine private Finanzplanung die Möglichkeit einer Firmeninsolvenz einbezieht, hat gute
Chancen, sich selbst und die eigene Familie vor Geldnöten zu bewahren. impulse erklärt
drei Maßnahmen, die bei strikter Umsetzung einen hohen Grad an Absicherung bringen:

Familie und Unternehmen trennen
Banken fordern meist privates Hab und Gut als Sicherheit oder aber dass Ehefrau, Kinder
oder andere Verwandte für Firmenkredite bürgen. Unternehmer sollten jedoch stets darauf
achten, dass Gläubiger auf ein notwendiges Minimum ihres Vermögens keinesfalls zugreifen
können. Haften Gesellschafter persönlich für Schulden des Unternehmens, sollten Eigenheim
und andere Wertträger frühzeitig an den Ehepartner oder andere nicht an der Firma
beteiligte Personen übertragen werden. Um im Streitfall, etwa der Scheidung, nicht alles zu
verlieren, ist ein finanzieller Ausgleich vertraglich zu regeln. Zu beachten ist, dass der Insolvenzverwalter
Schenkungen, die weniger als zehn Jahre vor der Pleite lagen, anfechten kann.

Firmenvermögen sichern
Um wertvolle Aktiva der Firma im Pleitefall zu retten, bietet sich eine Betriebsaufspaltung
an. Unternehmenseigene Maschinen oder Immobilien werden dann in einer gesonderten
Gesellschaft gebündelt. Kommt es zur Insolvenz, ist diese Ausgründung nicht betroffen.
Das Vermögen sollte aber nicht als Sicherheit für Kredite der Not leidenden Firma dienen.

Altersvorsorge schützen
Folgt auf den Konkurs der Firma auch die private Insolvenz oder muss ein Bürge für Firmenkredite
aufkommen, sind nur wenige Sparformen sicher. Ein gesetzlicher Schutz besteht für
Investments, die in einer Rentenzahlung münden, wie die staatlich geförderte Rürup-Rente,
oder private Rentenversicherungen. Größere Summen lassen sich mit einer Lebensversicherung
aus Liechtenstein schützen, in die auch komplexe Vermögen eingebracht werden können.
Die Policen sind, wenn sie im Fürstentum abgeschlossen wurden, nicht pfändbar. Der
Abschluss lohnt jedoch erst bei Vermögen ab 250.000 Euro, da die Gebühren hoch sind.

Wie groß der Aufklärungsbedarf ist,
weiß Attila von Unruh. Der 48-Jährige
aus Ruppichteroth bei Köln, der selbst ein
Insolvenzverfahren
durchläuft, gründete
2007 den Gesprächskreis Anonyme Insolvenzler.
Täglich bekommt er 40 bis 50
E-Mails von Ratsuchenden. Zu den monatlichen
offenen Runden in Köln, München
und Hamburg kommen von Mal zu
Mal mehr Menschen; etwa jeder Zweite
ist ein gescheiterter Unternehmer. Und
angesichts der anrollenden Insolvenzwelle
– mehr als 35 000 Firmenpleiten erwartet
die Wirtschaftsauskunftei Creditreform
für das Krisenjahr 2009 – dürfte
sich die Zahl weiter erhöhen.

An einem trüben Märzabend in einem
Hamburger Bürokomplex unweit der Elbe
ist die Krise bereits präsent. In einem
engen Raum sitzen vier Männer und vier
Frauen gemeinsam mit von Unruh unter
grellem Neonlicht an einem Tisch. Sie berichten
von der Angst, durch die Insolvenz
ins soziale Abseits zu geraten, davon,
dass mit Hartz IV ein Neubeginn
nicht möglich sei. Ein hoch verschuldetes
Handwerkerpaar ist den Tränen nahe.
„Wir müssen etwas machen“, sagt die
Frau. Doch sie fühlen sich wie gelähmt.
Aus der Runde kommen Ratschläge. Entscheidend
aber ist, dass sie nun wissen:
Sie sind nicht allein.

Auch Margrit Reichel* geht regelmäßig
zu den Anonymen Insolvenzlern. Inzwischen
eher zum Zuhören und um Mut
zu machen, denn sie hat ihr Insolvenzverfahren
abgeschlossen, hat die sogenannte
Restschuldbefreiung. In die
Schuldenfalle geriet sie 1998, als der
Sportartikelvertrieb ihres Mannes nicht
mehr lief, weil er krank wurde. Da auch
Frau Reichel die Kreditverträge unterzeichnet
hatte, war sie mitverantwortlich
für den Berg von Miesen, insgesamt
175.000 D-Mark. Als ihr Mann kurz darauf
verstarb, hielten sich die Banken an
sie allein. Ihr Gehalt bei einem Chemiekonzern
reichte nicht aus für den Schuldendienst,
die Privatinsolvenz war unvermeidlich.

Das Problem: Banken fordern private Bürgschaft

Der Frankfurter Rechtsanwalt und
Insolvenzberater
André Gabel hat bereits
über 100 Unternehmer in ähnlichen
Situationen
beraten. Das Problem ist
stets dasselbe: Die Banken fordern bei
Firmenkrediten in aller Regel eine private
Bürgschaft. Oft soll auch der Ehepartner
in den Kreditvertrag einsteigen. „Die
Banken gewinnen dadurch letztlich
kaum zusätzliche Sicherheiten. Meist
geht es nur darum, ein weiteres Druckmittel
in der Hand zu haben“, weiß
Anwalt
Gabel.

Wenigstens diese Sorge hat Starlet
Verona
Pooth zurzeit wohl nicht. Die
Schulden ihres Mannes Franjo in Millionenhöhe
muss sie nicht bezahlen. Und
das, obwohl der mit seiner Elektronikfirma
Maxfield spektakulär in die Pleite
rutschte. Doch offenbar sind die Finanzen
von Frau und Herrn Pooth strikt
getrennt.
Und so kann sich das Paar mit
seinem Sohn San Diego weiterhin den
gewohnten Jetset-Lifestyle leisten. An
Veronas Vermögen kommen Franjos
Gläubiger nicht ran.

„Handwerklich gut gemacht“, findet
das Jens Heinneccius. Der Chef des Hamburger
Finanzberaters Eleatis, der die
Vermögen zahlreicher Unternehmer verwaltet,
sieht im Fall Pooth daher „ein Beispiel
für geschickte Krisenvorsorge“.

*Name von der Redaktion geändert

Doch die kluge Vermögensteilung bewahrte
den Maxfield-Gründer nicht davor,
töricht anmutende Fehler zu machen,
als es eng wurde. So versuchte
Franjo Pooth offenbar, einen Banker zur
Vergabe von Krediten zu bewegen, indem
er ihm eine Heimkinoanlage im
Wert von 8800 Euro schenkte. Und erstellte den Insolvenzantrag erst im
Januar
2008. Tatsächlich soll die Firma
bereits im September 2007 pleite gewesen
sein. Pooth wäre gesetzlich verpflichtet
gewesen, binnen drei Wochen einen
Insolvenzantrag zu stellen.

Das Amtsgericht Düsseldorf verurteilte
den Pleitier unter anderem wegen
Insolvenzverschleppung
und Vorteilsgewährung
im März zu einem Jahr Gefängnis
auf Bewährung. Außerdem muss er
100.000 Euro Strafe zahlen.

Die Hoffnung auf den großen Auftrag

Peter Kranzusch vom Bonner Institut
für Mittelstandsforschung (IfM) kennt
den Hauptgrund, warum Unternehmer
oft zu spät die Reißleine ziehen: „Sie
klammern sich an die Hoffnung, dass
morgen der große Auftrag kommt, der
die Firma rettet.“

Bleibt er aber aus, droht nicht nur ein
Verfahren wegen Insolvenzverschleppung;
der Staatsanwalt untersucht auch
andere Versäumnisse. Häufig sind die
Unternehmer mit den Sozialabgaben für
die Angestellten oder der Umsatzsteuer
im Rückstand. Nicht selten stellt deshalb
das Finanzamt oder die Krankenkasse
der Beschäftigten den Insolvenzantrag –
Ermittlungen wegen Betrugs folgen.

Geschäftsführer in der Pflicht

Für die Nachforderungen haftet dann
nicht mehr das Unternehmen, sondern
der Geschäftsführer persönlich. Die kleine
Spedition von Henrik Carstensen* aus
Hessen etwa zahlte drei Monate vor der
Pleite keine Beiträge mehr zur Renten-,
Kranken- und Arbeitslosenversicherung
eines Angestellten, insgesamt rund 1000
Euro. Zur Verantwortung zog das Gericht
Carstensen als alleinigen Firmeninhaber.
Das Urteil: Zahlung der säumigen Sozialabgaben
plus 3000 Euro Strafe.

Ein Prozess oder das bis zu sieben
Jahre
dauernde Insolvenzverfahren sind
aber mitunter nur das Vorspiel eines sehr
viel längeren Dramas. Denn oft ist die gesamte
Altersvorsorge verloren. Zwar sind
Versicherungen oder Sparpläne, die im
Alter als Rente ausgezahlt werden, seit
2007 gesetzlich geschützt; kein Gläubiger
kann sie pfänden. Doch die sogenannte
Kapitallebensversicherung, die
auf einen Schlag ausbezahlt wird, fällt
nicht unter diesen Schutz. Vor allem Insolvenzler
über 50 haben oft keine anderen
Rücklagen für den Ruhestand.

Bank kassiert Lebensversicherung

Auch der ehemalige Christbaumkugelfabrikant
Wolfgang Krebs verlor seine Lebensversicherungen,
in die er rund eine
Million Euro eingezahlt hatte. Die Bank
hat sie einkassiert. Seine Chance, noch
ausreichend fürs Alter sparen zu können,
ist gering.

Für viele gescheiterte Unternehmer,
glaubt Gesprächskreisgründer v. Unruh,
heißt die Folge Altersarmut: „Da kommt
ein riesiges Problem auf uns zu.“

*Name von der Redaktion geändert

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