Diverses Die Provence des Paul Cézanne

Ein Kloster aus dem 17. Jahrhundert schmiegt sich an den Felsen, vom Gipfel aus lässt sich in der Ferne das Mittelmeer erahnen, es duftet nach Lavendel, Rosmarin und Pinien - so oder so ähnlich muss ein Schlüsselerlebnis des jungen Paul Cézanne gewesen sein, als er "seinen" Berg erkundete, das grandiose Kalksteinmassiv Sainte-Victoire. Das Gebirge wurde für ihn Ausdruck glücklicher Jugend. 2006 wird häufig daran gedacht werden, denn Cézannes Todestag jährt sich zum 100. Mal.

Wie besessen sollte Cézanne später, als großer französischer Maler und Wegbereiter der Moderne, das schroffe weiße Kliff im Meer provenzalischer Farben auf Leinwände bannen. Dutzendfach in Öl, aber auch als Aquarell oder bloße Skizze verewigt er die zwölf Kilometer lange Kalksteinscholle bei Aix-en-Provence aus diversen Perspektiven – für eine Nachwelt, die seine Meisterwerke endlich erkennt. Picasso erhebt ihn zur „Vaterfigur“, „eine Art Gott der Malerei“ sieht Henri Matisse in ihm.

Die Liebe zu seinem legendären Hausberg treibt ihn etliche Male dazu, Staffelei, Pinsel und Farben im Atelier zu lassen und sich als Wanderer auf den Weg zu den Anhöhen unter dem Gipfelkreuz „Croix de Provence“ zu machen. Vielleicht hat er sein Skizzenbuch dabei. Doch die Sicht von oben ist eigentlich nicht seine Perspektive. Cézanne malt eigenwillige Strukturen der Montagne Sainte-Victoire, die man später kubistische Vorahnungen nennen wird. Was er malen will, sieht er am besten vom Arc-Tal aus und am Rand der Straße von Tholonet. Da ist jenes magische Massiv, das manchmal einem Pyramiden-Querschnitt gleicht. Und ringsherum rote Erde, die Weinberge und Zypressen einer Provence mit ihrer gleich bleibenden, griechisch anmutenden Harmonie.

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Nach der Arbeit oder dem Wandern flaniert der Maler dann gern auf dem Cours Mirabeau seiner Heimatstadt Aix – also auf dem prächtigsten Boulevard im Herzen der Provence. In gediegener Ordnung reihen sich hier vornehme Hotels und Bürgerhäuser aneinander und bilden so ein Spalier für die lange Promenade, die von einem Brunnen zum nächsten führt. Aix-en-Provence ist die Stadt des Wassers, der Thermalquellen, aber daran denkt Cézanne nicht. Unter dem grünen Dach der doppelten Platanenreihe strebt er seinem Stamm-Café zu, dem „Deux Garcons“, wo sein Freund, der Schriftsteller Emile Zola, vielleicht schon wartet.

Cézanne ist der berühmte Sohn der vor mehr als zwei Jahrtausenden von den Römern neu gegründeten späteren Hauptstadt der Provence. Der Vater des am 19. Januar 1839 geborenen Paul, ein Hutmacher und dann auch Bankier, sträubt sich lange und mit allen erdenklichen Mitteln gegen den Hang seines Sprösslings zur Malerei. So wie sich seine Geburtsstadt lange schwer damit getan hat, den Rang dieses weltbekannten „Botschafters der Provence“ zu erkennen. Im April 2006 tut Aix ein Stück mehr Buße. Zum 100. Todestag des zu Lebzeiten wenig geschätzten Malers wird eine Bronzestatue enthüllt. Cézanne blickt „seinem“ Berg entgegen, ein Werk des Niederländers Gabriel Sterk.

Im Oktober 1906 überrascht ein Gewitter den trotz des starken Regens unermüdlich auf freiem Feld malenden Cézanne. Der 67-Jährige zieht sich eine schwere Lungenentzündung zu und stirbt in der Nacht zum 23. Oktober in seiner Wohnung in der Rue Boulegon.

Seine Bilder, nicht nur die von der „Sainte-Victoire“, hängen in den großen Museen der Welt von New York bis Sankt Petersburg und erzielen auf den Kunstauktionen Schwindel erregende Preise. „Cézanne in der Provence“, unter diesem Titel würdigt ihn das Musée Granet in Aix in Zusammenarbeit mit der National Gallery of Art in Washington von Juni bis September 2006. Cézanne hat 44 Ölbilder und 43 Aquarelle von dem Hausberg hinterlassen, daneben aber auch die weltbekannten „Badenden“ sowie eine Reihe wichtiger Stillleben und Selbstporträts.

Das ehemalige Atelier ist heute ein Museum

Sein Atelier mit Garten nahe der Les Lauves genannten Anhöhe nördlich von Aix hat ein amerikanischer Cézanne-Liebhaber in den fünfziger Jahren gerettet und als kleines Museum zugänglich gemacht. Bevor er das Atelier kaufte, hatte Cézanne vergeblich versucht, das mysteriöse Schwarze Schloss, das Chateau Noir, am Fuße des Gebirges zu erwerben – gemalt hat er es ebenso oft wie den geerbten elterlichen Landsitz Jas de Bouffon. Wie es im provenzalischen Umland von Aix ausschaut, wissen Museumsbesucher: So hängt beispielsweise eine Fassung seiner „Steinbrüche von Bibémus“ im Folkwang-Museum Essen, die Brücke „Pont des Trois Sautets“ im Cincinnati Art Museum.

Vor einem lohnenden Ausflug zu den weiter entfernten „Landschaften Cézannes in der Provence“ lädt Aix-en-Provence dazu ein, zunächst auf den Spuren des Malers in der Bäder- und Festivalstadt zu verweilen. So bietet sich im Jahr des 100. Todestages ein markierter Rundgang von Cézannes Geburtshaus in der Rue de l’Opéra bis zur letzten Adresse an. Spritztouren in die Landschaft um Aix schließen Vauvenargues mit dem unzugänglichen „Chateau Picasso“ ein. Der größte Meister des 20. Jahrhunderts liegt unweit von Les Cabassols hinter der Schlossmauer begraben. Picasso soll gescherzt haben, den Sainte-Victoire-Riesen erwerben zu wollen, weil dieser doch bisher Paul Cézanne „gehörte“.

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Zu Cézannes Lieblingsplätzen auf dem Land gehört das kleine Städtchen Gardanne 17 Kilometer südöstlich seiner Heimatstadt. Er hat dem Ort bereits 1885 ein frühkubistisch anmutendes Ölbild gewidmet, auf dem sich rote Hausdächer den flachen Hügel hinauf bis zu einer Kirche mit hohen Türmen hin staffeln. Cézanne, der die Verstädterung hasste, wäre entsetzt über den Anblick, den sein damaliges Refugium ein gutes Jahrhundert später bietet. Seine Kirche gibt es so nicht mehr, ringsherum floriert Industrie und verschandelt die Landschaft. Doch ein Ausflug lohnt für eingefleischte Cézanne-Fans, auf die ein Cézanne-Pfad mit reproduzierten Werken auf emaillierter Lava wartet.

Nahezu ebenso stark hat der „Zahn der Moderne“ auch an dem Küstenstädtchen L’Estaque genagt, wo Cézanne am Kirchplatz wohnte und einige seiner schönsten Pleinair-Werke gemalt hat. Sicher, auch auf seinen Bildern taucht schon mal der Schornstein einer Ziegelei oder eine Eisenbahnbrücke auf. Der Blick über die Bucht von Marseille auf das Chateau d’If und die Kalksteinfelsen mit ihrer kargen südlichen Vegetation der Kiefern und Olivenbäume regte Maler damals an. Braque und Picasso machten den Ort dann als Künstlertreff richtig bekannt. Heute ist L’Estaque kaum mehr als ein gesichtsloser Industrievorort von Marseille, an dessen Strand auch keine Fischerboote mehr liegen.

„Wie ein großer Teich liegt das Meer da, wie ein See, der bei schönem Wetter tiefblau schimmert“, diese Huldigung Cézannes an „La grande bleue“ gilt heute wie damals. Der Künstler, den geologische Gebirgsschichten ebenso faszinierten wie Häuser in Reih und Glied, war ein barocker Sonderling, der nicht zuletzt die Verstädterung und den Mammon verabscheute. Gern zog er sich auf das Anwesen Belleville seines Schwagers auf einem Hügel südwestlich von Aix zurück. Cézanne wollte völlig ungestört malen und niemanden sehen.

Ständiger Wanderer zwischen der Provence und Paris mit einem Hang – wie Vincent van Gogh – für das hübsche Auvers-sur-Oise nördlich der Metropole, zog es den menschenscheuen Maler immer wieder in den Süden des strahlenden Lichts und der ganz besonderen Blautöne. Während andere sich für die prächtigen Farben von Lavendel, Sonnenblumen und Mohn begeisterten, suchte der unbeirrbare Neuerer Cézanne in der Kulturlandschaft seiner Heimat bizarre Strukturen und den Schlüssel für die Kunst der Zukunft. „Ich male, wie ich sehe, wie ich fühle“, hat er sich einmal zu erklären versucht.

Ein Jahrhundert nach dem großen Sohn des Landes bringen zwar Tausende von Malern im französischen Süden ihre oft so heillos verkitschten provenzalischen Farben auf Leinwand und an die Touristen. Die Provence jedoch wartet auf den Künstler mit einer Vision à la Cézanne fürs 21. Jahrhundert.

Die Provence des Paul Cézanne

Reiseziel:

Die Region Aix-en-Provence-Marseille liegt im Südosten Frankreichs.

Anreise und Formalitäten:

Der Flughafen Marseille-Marignane ist der am meisten auch von Deutschland aus angeflogene in der Region. Zugfahrten mit dem Hochgeschwindigkeitszug TGV führen auch nach Aix und nach Marseille. Auch in Zeiten offener Grenzen sol
lte der Personalausweis im Gepäck sein.

Reisezeit und Klima:

Spätestens mit dem ausbrechenden Frühling beginnt auch die Reisezeit für den Süden und Südosten. In einem heißen Sommer bringt allein ein Ausflug ans Mittelmeer etwas Abkühlung. Besonders angenehm ist es in der Provence im Frühherbst, also nach der Festspielzeit und in etwa zum Zeitpunkt der Weinlese.

Unterkunft:

Es gibt ein immer breiteres Angebot an Hotels und Pensionen fast aller Klassen. In der Festspielzeit ist frühzeitiges Buchen angeraten. Ein solides Preis-Leistungs-Verhältnis und oft auch ein ansprechendes Restaurant bieten die Häuser der Gruppe „Logis de France“ mit einem oder mehreren Kaminen als Gütezeichen.

Weitere Informationen:

Maison de la France

Postfach 10 01 28

60001 Frankfurt

Tel.: 0190/57 00 25

Fax: 0190/57 90 61 (jeweils 62 Cent pro Minute)

(Quelle: dpa)

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