Diverses Die schwierige Beziehung zur Börse

Das Verhältnis von deutschen Mittelständlern zur Börse ist kompliziert. Dabei kann die Verbindung von Mittelstand und Aktienmarkt durchaus eine Erfolgsgeschichte sein.

Thomas Berger hat es getan. Er ist Vorsitzender der KTG Energie AG in Hamburg. Die Firma baut und betreibt mit ihren 36 Mitarbeitern Biogasanlagen in Deutschland und Litauen. Das Geschäft brummt: Im vergangenen Jahr legte der Umsatz um die Hälfte auf 21,5 Mio Euro zu; der Gewinn stieg von 100.000 auf 800.000 Euro. Und es soll weiter nach oben gehen, kündigt CEO Berger an: „Wir wollen unsere Kapazitäten bei der Stromerzeugung bis 2014 verdoppeln.“ Das nötige Kleingeld fürs beschleunigte Wachstum besorgte Berger sich auf dem Kapitalmarkt: Seit dem 29. Juni 2012 können institutionelle Investoren und Privatanleger die Anteile des Biogasproduzenten an der Frankfurter Börse kaufen. 13,8 Mio. Euro spülte der Börsengang in die Kassen des Unternehmens. Auch die Aktionäre können sich freuen. Für 2013 stellt Berger eine Dividende von acht Prozent des Ausgabekurses in Aussicht.

Börsenflaute

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Doch die KTG Energie AG steht mit ihrer Strategie, Geld an der Börse einzusammeln, unter den Mittelständlern ziemlich alleine da. Denn in der Größenordnung von bis zu 100 Mio. Euro Umsatz und 500 Mitarbeitern ziehen die einen Börsengang fast überhaupt nicht mehr in Betracht. Gerade einmal zwei solcher Unternehmen nutzten in diesem Jahr die Gelegenheit, sich durch die Ausgabe von Aktien mit Eigenkapital zu versorgen. 2007 hatten sich immerhin noch acht mittelständische Unternehmen auf den staatlich regulierten Aktienmarkt gewagt. Noch einmal deutlich mehr waren es im Freiverkehr, wo die Transparenzanforderungen an die Unternehmen geringer sind und der nur von der Börse kontrolliert wird. In diesem Jahr gab es in beiden Segmenten jeweils nur eine neue AG mittlerer Größe.

Im Moment, so eine Sprecherin der Deutschen Börse, gäben die Unternehmen lieber Anleihen aus, um an frisches Geld zu kommen. Die niedrigen Zinsen erleichterten eine Fremdfinanzierung und machten eine Eigenkapitalerhöhung über die Börse unattraktiv. Außerdem wirke sich die Euro-Kkrise natürlich negativ auf die Börsengänge aus. „Das betrifft eigentlich alle Unternehmen, aber ganz besonders kleine und mittlere.“

Für Große zu klein

Neben den schwierigen Marktbedingungen haben die Mittelständler auch ein strukturelles Problem auf dem Aktienmarkt: Für institutionelle Investoren mit den richtig großen Portemonnaies sind sie eine Nummer zu klein. Investmentbanken oder Versicherungen hätten an ihnen vor allem aus einem Grund kein Interesse, sagt Hartmut Korn vom Institut Deutsche Mittelstandsfinanzierung: „Will ein Investor schnell eine große Position Aktien verkaufen, weil er sinkende Kurse befürchtet, dann kann er das bei einem großen Unternehmen mit vielen Aktien in Sekundenschnelle tun.“ Schließlich gäbe es dafür immer ausreichend Käufer. „Bei einem kleinen Unternehmen mit wenigen Aktien bleibt er dagegen wahrscheinlich länger auf seinen Aktien sitzen.“

Attraktiv werden Unternehmen für große Investoren daher erst, wenn sie 200 bis 400 Mio. Euro Marktliquidität bieten. Zum Vergleich: Die KTG Energie AG verfügte bei ihrem Börsengang über handelbare Aktien im Wert von gerade mal 21,1 Mio. Euro. Für Mittelständler bedeutet das beim Börsengang einen schwierigen Balance-Akt. Einerseits können sie wegen der fehlenden Großinvestoren nicht zu viele Aktien emittieren. Andererseits müssen es aber genug sein, damit die verbleibenden Investoren die Papiere gut handeln können.

Die KTG Energie AG ging ihren Börsengang vorsichtig an: Bei der Erstnotierung waren nur 1,5 der insgesamt sechs Millionen Aktien frei handelbar. Den Rest behielt die Muttergesellschaft, die KTG Agrar. Geschäftsführer Berger: „Mit der Aktienausteilung haben wir versucht, beiden gerecht zu werden: Der Muttergesellschaft, die eine Rendite will, und den Investoren, die viele handelbare Aktien wollen.“

Vertrauen verspielt

Neben der schwierigen Marktlage und dem mangelnden Interesse der Großinvestoren existiert für Mittelständler, die an die Börse wollen, noch ein weiteres Problem: Die Privatanleger haben ihr Vertrauen in kleine Werte verloren. „Viele leiden noch immer unter dem Scheitern des Neuen Marktes im Jahr 2000“, sagt Mittelstands-Fachmann Korn.

Und auch in den vergleichsweise fetten Jahren 2005 bis 2007 verspielten gerade kleine Firmen das Vertrauen der Privatanleger. Viele Unternehmen, die damals an die Börse gingen, zahlten ihren Aktionären nie eine Dividende und werden mittlerweile nur noch für Cent-Beträge gehandelt. Die Wachstumsstory erwies sich als Utopie, die erhofften Gewinne wurden nie erwirtschaftet, die Kurse brachen ein und die Anleger verloren ihr Geld.

Passiert ist das vor allem den Unternehmen, die sich in Segmenten mit geringer Kontrolle an die Börse wagten. Etwa dem First Quotation Board der Deutschen Börse, in dem die geringsten Transparenzanforderungen herrschen. Ursprünglich sollte es kleinen und mittleren Unternehmen erleichtern, Geld an der Börse einzusammeln. „In Wahrheit hat es aber dazu geführt, dass Unternehmen an den Markt gingen, die dazu noch nicht reif waren“, sagt ein Analyst einer großen Investmentbank. Auch Betrüger nutzten die Freiräume im First Quotation und ergaunerten das Geld der Anleger, ohne überhaupt ein Geschäft zu betreiben, wie die „FAZ“ im Februar berichtete. Die Deutsche Börse zog deshalb die Reißleine und schloss das gefloppte Segment zum 15. Dezember. Doch die Image-Schäden sind eingetreten, die Privatanleger skeptisch.

Mittelständler misstrauisch

Aber auch die Mittelständler selbst misstrauen dem Aktienmarkt. Viele Unternehmer haben Angst davor, dass ihr Lebenswerk an der Börse unter Wert verramscht wird. Oder sie fürchten, dass durch die an der Börse geforderte Transparenz die Konkurrenten zu viele Unternehmensinterna erfahren. Thomas Berger kann diese Vorbehalte nicht verstehen. „Man muss doch sowieso jedem seine Zahlen offen legen, von dem man Geld haben will – egal ob Bank oder Börse.“

Dass gerade kleinere Unternehmen enorm von einem Börsengang profitieren können, glaubt auch Mittelstands-Experte Hartmut Korn. Denn ein börsennotierter Mittelständler habe es leichter, Geld von Investoren zu bekommen. „Die Investoren, also Beteiligungsgesellschaften, die ihr Geld in Mittelständler steckten, wollen in der Regel nach vier bis sieben Jahren mit einem hübschen Gewinn wieder aussteigen.“ Dafür sei die Börse das geeignete Vehikel, weil sie hier ihre Anteile leicht wieder verkaufen können.

Erfolgsgeschichten

Genau diese Überlegung spielte auch beim Börsengang der SMT Scharf AG eine zentrale Rolle. Die Firma aus Hamm stellt Transportsysteme für den Bergbau her und war 2007 größtenteils im Besitz zweier Investmentgesellschaften. Sie brachten die Firma mit rund 250 Mitarbeitern vor fünf Jahren an die Börse und verkauften dort ihre Anteile zu attraktiven Preisen. Das Unternehmen selbst nahm durch die Ausgabe neuer Aktien 11,7 Mio. Euro ein. Das Geld investierte es unter anderem, um neue Märkte in Russland und China zu erschließen. Auch wenn das Kapital von der Börse dafür nicht unbedingt nötig gewesen sei, habe sich der Schritt voll rentiert, sagt Vorstand Christian Dreyer: „Durch den Börsengang konnten wir unseren Export schneller entwickeln.“ Der Umsatz stieg von rund 50 Mio. Euro vor fünf Jahren auf über 100 Mio. Euro im laufenden Jahr; der Gewinn machte einen Satz von 6 auf 11 Mio. Euro im Jahr 2011.

Gut für das Unternehmen, gut für die Anleger: Wer beim Börsengang eine Aktie zu 9,50 Euro gekauft hat, konnte seinen Einsatz mit Dividende und Kurssteigerungen mittlerweile mehr als verdoppeln: Auf 25,25 Euro (Stand: 14. Dezember 2012, Aktienkurs: 21,20 Euro). Eine beispielhafte Erfolgsgeschichte. Und Christian Dreyer ist sich sicher, dass so etwas auch heute noch möglich ist. „Dass sich im Moment so wenige Mittelständler an den Aktienmarkt trauen, verstehe ich nicht. Wenn ich ein Unternehmen an die Börse bringen wollte, dann würde ich es jetzt tun.“

Der Handel mit Wertpapieren ist in zwei Segmente unterteilt: Den gesetzlich regulierten Markt und den nur von der Börse kontrollierten Freiverkehr. Im gesetzlich regulierten Markt müssen die gelisteten Unternehmen höhere Transparenzanforderungen erfüllen als im Freiverkehr. Dafür ist die Gebühr für ein Listing im regulierten Markt für Unternehmen teurer.

An der Frankfurter Wertpapierbörse teilte sich der Freiverkehr 2012 in drei, der regulierte Markt in zwei Unter-Segmente:

Prime Standard

Der Prime Standard gehört zum gesetzlich regulierten Markt und ist das Börsensegment mit den höchsten Transparenzanforderungen. Unternehmen, die hier gelistet sind, müssen die Anforderungen des General Standards erfüllen. Zusätzlich sind sie unter anderem dazu verpflichtet, einmal im Quartal auf Deutsch und Englisch über ihre Geschäfte zu berichten und mindestens einmal pro Jahr eine Analystenkonferenz zu veranstalten. Eine Listung im Prime Standard ist Grundvoraussetzung für eine Aufnahme in die DAX-Indizes. Die SMT Scharf AG ist im Prime Standard gelistet und wird auch im SDAX geführt. Die Börsengebühren betragen 10.000 Euro im Jahr.

General Standard

Der General Standard ist ebenfalls ein Segment des regulierten Marktes. Zu den gesetzlichen Anforderungen, die die Unternehmen erfüllen müssen, gehört unter anderem die Veröffentlichung von Jahresabschlüssen und Ad-hoc-Mitteilungen. Die müssen aber im Gegensatz zum Prime Standard nicht auch auf Englisch veröffentlicht werden. Ein Listing im General Standard kostet pro Jahr 7500 Euro. Die Deutsche Börse empfiehlt dieses Segment kleinen und mittleren Unternehmen.

Entry Standard

Der Entry Standard ist ein Segment des Freiverkehrs. Hier gelistete Unternehmen unterliegen nicht den gesetzlichen Bestimmungen, sondern werden von der Börse selbst kontrolliert. Um in den Entry Standard aufgenommen zu werden, muss eine Gesellschaft unter anderem seit mindestens zwei Jahren bestehen und über ein Grundkapital von mindestens 750.000 Euro verfügen. Die gelisteten Unternehmen müssen einen Jahresabschluss und Unternehmenskennzahlen veröffentlichen. Im Entry Standard sind viele mittelgroße Unternehmen gelistet, etwa die KTG Energie AG. Eine Listung im Entry Standard kostet 5000 Euro jährlich.

First Quotation Board

Das First Quotation Board war ein Segment des Freiverkehrs an der Frankfurter Wertpapierbörse. Hier konnten sich Unternehmen listen lassen, die zum ersten Mal an einer Wertpapierbörse gehandelt wurden. Es sollte vor allem mittleren Unternehmen den Gang an den Aktienmarkt erleichtern, weil die Zulassung noch leichter zu bekommen war als im Entry Standard. Allerdings war das Segment weder bei Investoren noch bei Unternehmen besonders beliebt. Stattdessen nutzten Betrüger den leichten Zugang und sammelten unter anderem Geld mit Firmen, die gar kein Geschäft betrieben. Die Börse stellte das Segment deshalb zum 15. Dezember 2012 ein.

Second Quotation Board

Das Second Quotation Board war ebenfalls ein Segment des Freiverkehrs mit genauso geringen Transparenzanforderungen wie im First Quotation Board. Im Gegensatz zum First Quotation Board wurden hier aber nur Unternehmen geführt, die bereits an einer anderen Börse gehandelt wurden, also meist ausländische Aktien. Das Second Quotation Board existiert mittlerweile unter der Bezeichnung Quotation Board.

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