Diverses Die Ticks der Mode

Passend zu ihrer Prêt-à-porter entwickeln Marken wie Gucci oder Hermès hochkarätige Armbanduhren. Die Designerstücke sind langlebiger als jeder Laufstegtrend. Alex Bohn hält die Zeit an.

Etwas ist anders bei der Präsentation der Gucci-Herrenkollektion in Mailand. Wer mit der Fashioncrowd zu seinem Platz am Laufsteg strebt, horcht auf. Sonderbar still hier. Nichts zu hören vom typischen Geklacker hoher Absätze. Das Geschnatter aufgeregter Moderedakteurinnen klingt wie sanftes Summen. Schwarzer Teppichboden und mit schwarzem Samt bezogene Sitze schlucken die Geräusche. Auch die Wände sind schwarz. Man fühlt sich wie im Innern einer eleganten Hutschachtel. Als die Show läuft, begreift man: Nichts soll ablenken von dieser Präsentation. Sie ist so tiefenscharf inszeniert, dass keine Feinheit untergeht. Neben den schmalen Anzügen in Pastellfarben sieht man jeden Pinselstrich der auf die Lederschuhe gemalten Hibiskusblüten, kann man jede Perle an den bestickten Lederarmbändern erkennen. Sogar der Schriftzug auf dem Zifferblatt der Armbanduhren sticht hervor.

Die Chefdesignerin Frida Giannini, verantwortlich für die Herren- und Damenkollektion, überlässt nichts dem Zufall. Ein Image wie das von Gucci will peinlich genau gepflegt sein. Selbst die Uhren, bei vielen Modefirmen ein Accessoire aus Massenproduktion, sind allerfeinster Provenienz. Deshalb präsentiert Gucci sie nicht nur auf den saisonalen Schauen, sondern auch auf der jährlichen Uhrenmesse in Basel, im Schulterschluss mit Protagonisten der Haute Horlogerie wie Rolex, Patek Philippe oder Jaeger-LeCoultre. Denn im Hause Gucci sind Uhren zweierlei: ein modisches Accessoire, das auf die aktuelle Mode abgestimmt wird. Und Uhrmacherkunst, Präzisionshandwerk.

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Statt ihr Uhrengeschäft durch Lizenzierungen anonymen Großherstellern zu überlassen, besinnen sich auch Marken wie Chanel, Celine, Hermès und Louis Vuitton auf das Schweizer Traditionshandwerk. Albert Bensoussan, Uhrenspezialist bei Vuitton, erklärt: „Niemand braucht heute noch eine Armbanduhr, um zu wissen, wie spät es ist. Ob auf dem Handy oder dem Computer, die Zeit ist allgegenwärtig. Eine Armbanduhr zeigt längst nicht mehr nur die Stunde an. Sie verkörpert ein Stück Lebensart. Deswegen trägt man sie.“

Wer wie der Mann von Louis Vuitton denkt, und das tun viele, der sucht nach einem Produkt mit außergewöhnlichen Eigenschaften. Deswegen vertrauen Kunden auf das Schweizer Know-how. Firmen wie Rolex, die einen eigenen Goldkochofen besitzen oder Uhrmacher beschäftigen, deren Ausbildung fünf bis zehn Jahre dauert, steigen in der Gunst – solange sie ihr Qualitätsversprechen halten.

Gucci lässt seine Uhren seit den 70er-Jahren in der Traditionsstadt der Uhrmacherkunst herstellen, im schweizerischen La Chaux-de-Fonds. In den Werkstätten dort werden Uhrengehäuse auf hundertstel Millimeter genau gefräst, mitunter aus Gold- und Platinbarren, und die Angestellten sitzen hinter Glas in gefilterter Luft, um an den mechanischen Präzisionsmodellen die letzten Kontrollen vorzunehmen. Die Uhren ticken hier sprichwörtlich langsamer als in der Textilbranche. Dennoch sind pünktlich zu den saisonalen Schauen „neue“ Zeitmesser zu sehen. Selbst Klassiker können nämlich mit dem Trend gehen, durch passend zur Modekollektion gefärbte Armbänder zum Beispiel. Und mancher Entwurf ist so zeitlos und zugleich charakteristisch, dass er es mit jeder Kollektion aufnehmen kann. Etwa die Chiodo-Uhr, die mit Guccis Hufeisenform spielt; seit über 30 Jahren verwendet die italienische Marke dieses Zierelement. In der Frühjahr/Sommer-Kollektion der Frauen begleitet das Designerstück Frida Gianninis schmal geschnittene Boy-Suits in Knallfarben ebenso gekonnt wie die weit fallenden Seidenanoraks und die kurzen, sandfarbenen Overalls.

Auch bei Celine sucht man die Nähe zur Haute Horlogerie. „Unsere erste Uhrenkollektion haben wir auf der Baselworld 2008 vorgestellt“, sagt Josephine Verine, Sprecherin des Pariser Damenmodelabels, „zwei neue Kollektionen folgen dieses Jahr.“ Die Uhren der ersten Generation, selbstverständlich in der Schweiz produziert, sind vom Design her klassisch ausgelegt. So trägt das Gehäuse der Chaîne Blason das traditionelle Celine-Wappen, das den verzierten Gliedern der Kettenabsperrung rund um den Eiffelturm nachempfunden ist; das Gliederarmband aus poliertem Stahl wirkt zeitlos modern. Die Uhr harmonierte mit der Mode der letzten Saison – monochrome Kleider mit strenger Silhouette in Grau, Schwarz und Weiß – und passt nun ebenso gut zu der aktuellen, afrikanisch inspirierten Kollektion mit ihren starken Farben von Zitrusgelb bis Touareg-Blau.

Modische Langlebigkeit und ein elitärer Qualitätsanspruch stehen in Häusern wie der ehemaligen Ledersattelmanufaktur Hermès sowie dem des Erfinders stapelbarer Lederkoffer, Louis Vuitton, seit jeher im Vordergrund. Hermès zeigt neue Uhren wie die Cape Cod 8 Jour aus Roségold, die Cape Cod Grandes Heures mit Krokolederarmband und die Clipper Chromo im Rahmen der Catwalk-Schauen. Zu Recht, denn sie fügen sich perfekt ins Stilvokabular ein. Das gilt bei den Herren für die weich fallende Silhouette der farblich gedeckten Frühjahrsmode sowie für den kommenden Winter, in dem das Label seine Liebhaber mit Anzügen in Grellgelb, Kakigrün und Feuerrot herausfordert. Philippe Delhotal, der bei Hermès das Uhrendesign verantwortet, betont die Gemeinsamkeiten: „Jede Kollektion verwendet Details, die aus dem Hermès-Kosmos stammen, beispielsweise die unverwechselbare Typografie der Zifferblätter. Und immer bestimmen Feinheit, Einfachheit und Eleganz unsere Entwürfe.“

Kostbare Uhren, an deren Entwicklung man jahrelang gefeilt hat, auf den schnelllebigen Laufsteg zu schicken – das ist bei Chanel verpönt. Das gute Image könnte Schaden nehmen. Der Konzern achtet penibel darauf, in welchem Umfeld der Kunde Prachtstücke wie das mechanische Herrenmodell J12 Kaliber 3125 aus schwarzer Keramik und Gelbgold oder die schlanke, diamantenbesetzte Damenvariante Première Ceramique aus weißer oder schwarzer Keramik mit Weißgold zu sehen bekommt: ausschließlich auf renommierten Messen wie der Baselworld, wo in der Nachbarvitrine die Fixsterne der Uhrenbranche ausstellen. Nichtsdestotrotz unterstreicht kein Accessoire den Pariser Schick der aktuellen Kostüme und Kleider in Grausilber oder Pastellrosa so souverän wie eine Première Ceramique.

Den New Yorker Designer Michael Kors ficht das eitle Gehabe der Konkurrenz nicht an. Seine Uhren sind Teil seiner Modenschauen, und er ist stolz darauf. „Mir gefällt es, einen Alltagsgegenstand wie die Armbanduhr so aufzuladen, dass sie sich in ein Objekt der Begierde verwandelt.“ Seine jüngste Kollektion spielt mit dem Look der 50er-Jahre. Schön altmodisch sehen die Uhren aus, etwa das Damenmodell 5138 aus Gold und Schildpatt. Technische Präzision? Ist selbstverständlich, findet Kors, aber man muss es nicht übertreiben: „Klassiker, die Jahre überdauern, wird es immer geben. Aber ich versuche, mir möglichst oft etwas Neues einfallen zu lassen, damit man einen Grund hat, einen ganzen Schrank voller Uhren zu besitzen.“

Was nach Maßlosigkeit klingt, ist mit Kors sogar in der Krise möglich. Der Designer lässt seine Uhren vom Unternehmen Fossil herstellen und verkauft sie schon ab 100 Euro. Privat trägt der Amerikaner etwas Teureres. Eine schöne, klassische Rolex.

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