Diverses Die unkaputtbaren Einzelhändler

Es gibt Geschäfte, die dürfte es nicht mehr geben. Doch diese Krämer leben noch – weil sie nicht nur Kunden, Nachbarn, Lieferanten, sondern selbst die Konkurrenz für sich einspannen

Ein Laden, der aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Dessen Interieur älter ist als die Bundesrepublik, der ohne Internetseite auskommt, der Dinge verkauft, an denen man eigentlich nichts verdienen kann. Ein Laden, dessen Inhaber sich für die Empfehlung einer passenden Schraube eine ­halbe Stunde Zeit nimmt. Ein Laden, der nach den Gesetzen der Betriebswirtschaft längst nicht mehr existieren dürfte. Dennoch gibt es ihn, trotz der großen Ketten, trotz der Rabattschlachten, trotz des Internets. Wer solch eine Zeitkonserve betritt, stellt sich unweigerlich die Frage: Wie in aller Welt schaffen die das?

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Die Antwort ist im Kleinen für jeden Laden unterschiedlich, im Großen jedoch für alle gleich: Wir alle helfen ihnen dabei. Der Nachbar, der Konkurrent, der Lieferant, der Vermieter, der Stammkunde. Das Geschäftsmodell dieser Einzelhändler würde vielleicht in jedem Businessplan zerrissen, aber ihr soziales Gewicht ist ihr großer Trumpf. Diese Kaufleute haben ihr Netzwerk bereits perfektioniert, bevor die Welt auch nur von Facebook gehört hatte.

impulse hat drei Ladeninhaber getroffen, die sich ihr Netzwerk gesponnen haben und davon gut leben können. Die sich dem Zeitgeist der Betriebswirtschaft widersetzen und dafür in ihren Städten berühmt geworden sind. Sie alle eint ein soziales Umfeld, dem sie etwas bieten, das längst verloren zu sein schien.

Der Kümmerer
Uwe Kaspereit, Eisenkrämer

Geschäft:
Eisen- und Haushaltswaren Harms, Hamburg

Produkte:
Schrauben, Schrauben, Schrauben. Aber auch Emailleteekessel, Butterbrotdosen, Tubenausdrücker, Acht-Stufen-Leitern und vieles mehr, insgesamt 4000 Artikel

Gründung:
1933

Besonderheit:
Schubladenwand mit Granatsplitterloch

Etwas kleinlaut kommt der junge Mann in den Laden geschlichen und fängt an zu stammeln. Er sei umgezogen, doch das Türschloss sei ein schlechter Witz. Er brauche ein neues, wisse aber nicht welches, erst recht nicht, wie man das anbringt. „Ich komme vorbei und gucke mir die Tür mal an“, sagt Uwe Kaspereit. Misstrauen keimt auf. „Was soll denn das kosten?“, fragt der junge Mann. „Wieso kosten?“, fragt Kaspereit. „Ich will mir die Tür doch nur angucken.“

Noch vor 15 Jahren gab es im Umkreis von zwei Kilometern sechs Eisen- und Haushalts­läden im Hamburger Stadtteil Hoheluft. Nur Uwe Kaspereit ist übrig geblieben. Die Liebesbeziehungen zwischen ihm und seinen Kunden beginnen immer ähnlich. Entweder die Menschen kommen in den Laden und wollen etwas, von dem sie nicht einmal wissen, wie es heißt: „Haben Sie diese Plastikdinger, wo immer die Drähte einer Lampe drinstecken?“ – „Sie meinen eine Lüsterklemme?“ – „Äh, ja, genau.“ Oder die Kunden wollen daheim ein Bücherregal anbohren, haben aber keinen Schimmer, welche Schrauben sie dafür brauchen. Dann blüht Kaspereit auf: Er kümmert sich, nimmt sich eine halbe Stunde Zeit. Wie breit ist das Regal, wie dick, was soll drauf­stehen, welche Wände?

„Mir ist schon klar, dass ich an diesem Aufwand nichts verdiene, die Schrauben kosten 99 Cent“, sagt Kaspereit. „Aber so schafft man sich Stammkunden. Die kommen wieder und kaufen dann vielleicht keine Schrauben, sondern ein japanisches Fleischermesser.“

120 bis 140 zahlende Kunden hat Kaspereit im Schnitt täglich. Längst erfüllt er mit seinem Laden auch eine soziale Aufgabe im Viertel. Er bringt Bügelbretter nach der Arbeit zu Kunden, die nicht mehr so gut laufen können. Er verleiht seine Schraubenschlüssel an Studenten, deren Fahrräder klappern. Manchmal ruft ein Rentner an und krächzt durchs Telefon: „Herr Harms, ich brauche einen neuen Leifheit.“ Dass seit 28 Jahren niemand mehr im Geschäft arbeitet, der Harms heißt, und die Firma Leifheit Tausende Produkte im Angebot hat, stört Uwe Kaspereit nicht. „Das kriegen wir schon ­irgendwie hin“, sagt er dann.

Andere Kunden wissen und schätzen dieses Engagement, sie unterstützen Kaspereit, wollen auf ihren Eisenkrämer im Viertel nicht verzichten. „Wir profitieren natürlich von unserem Umfeld. Hoheluft, Eppendorf, da sitzt das Geld lockerer als in anderen Stadtteilen“, sagt Kaspereit. „Da geben die Menschen gern Geld dafür aus, dass so ein Laden erhalten bleibt.“
Selbst die Konkurrenz würde es treffen, wenn es Kaspereits Laden nicht mehr gäbe. Für die großen Baumärkte ist der Eisenkrämer natürlich ein kleiner Fisch. Doch wenn ein Kunde im Baumarkt eine Schraube kaufen will, die es dort vielleicht nur im 50er-Pack gibt, schicken die Mitarbeiter die Kunden zu Kaspereit. Dadurch können die Baumärktler wenigstens mit Servicetipps weiterhelfen.

1982 fing Kaspereit im Laden an, übernahm ihn 1988 für 50.000 D-Mark. „Schon damals hieß es, ich werde mich nicht halten können. Doch die Stammkunden bleiben mir treu, und es kommen immer wieder neue hinzu.“ Auch seine Vermieter kennt Kaspereit seit 30 Jahren, die schätzen seine Verlässlichkeit und tragen ihren Teil zum Erhalt des Geschäfts bei: Die Miete liegt allenfalls bei der Hälfte der Nachbargeschäfte, und sein Vertrag, der läuft noch zehn Jahre.

Stadtbekannt ist die massive Schubladenwand des Ladens. Nach dem Krieg hatte die Gründerin Elisabeth Harms einen Karteikartenschrank aus den Trümmern der Hamburger Meldebehörde gezogen. Seitdem lagern darin statt Meldebescheinigungen nun Gewinde, Zierhaken oder Bildernägel. Die Schublade für Thermometer hat sogar noch ein Loch von ­einem Granatsplitter. Der Schrank ist so bekannt, dass manchmal sogar Menschen ins Geschäft kommen, nur um ein Foto zu machen. Auch für diese Kunden nimmt sich Kaspereit selbstverständlich einige Minuten Zeit. Sie ­sollen schließlich noch mal wiederkommen.

Die Frage aller Hausmittelfragen ist für Holger Engelmohr nicht mehr als eine Fingerübung: Wie kriegt man Rotweinflecken aus der wei-ßen Tischdecke? „Mit Weißwein natürlich.“ Prompt kommt in Engelmohr der Wissenschaftler durch. Er verliert sich in Ausführungen über Anthocyane, chemische Formeln, die neutra­lisierende Wirkung des Weißweins. „Am besten“, sagt er, „Sie kommen mit dem schmut­zigen Stoff kurz vorbei oder rufen mich an, wir finden dann schon eine Lösung.“

Es war nie geplant, dass Holger Engelmohr die Drogerie seiner Eltern in Kassel übernehmen sollte. Der Laden besteht seit 1896, das Haus sogar seit 1686, es beherbergte einst die alte Kasseler Oberförsterei. Engelmohr studierte Mineralogie in Göttingen und plante eine akademische Karriere. In seiner Doktorarbeit forschte er irgendwo im Grenzgebiet zwischen Geowissenschaften und Kernphysik. Doch als sein Doktorvater überraschend starb, fand sich niemand mehr, der sein spezielles Thema hätte weiter betreuen können. Engelmohr verließ die Uni und übernahm die elterliche Drogerie. Mit Ende 30 machte er eine Lehre als Drogist und schloss diese in nur zwei Jahren als Jahrgangsbester in Deutschland ab.

So steht Engelmohr seit zehn Jahren hinter seiner Ladentheke, die wie die übrige Einrichtung aus dem Gründungsjahr stammt. Nur die Registrierkasse ist jünger, sie stammt aus den 30ern, wird noch mechanisch betrieben, ohne Strom. Der Verkaufsraum ist vollgestopft mit Kerzen, Seifen, Waschmitteln, Shampoos, den Überblick über seine 14.000 Artikel hat wohl nur Engelmohr selbst. „Aber das ist in Ordnung“, sagt er. „Um Mitnahmeartikel geht es in meinem Laden ohnehin nicht. Die Kunden kommen mit einem Problem, ich muss es lösen.“
Dank seiner Vorbildung in Chemie vergräbt sich Engelmohr in jedes noch so kleine Problem seiner Kunden und zaubert am Ende immer das passende Produkt aus irgendeiner Schublade hervor. Das hat sich in Kassel rumgesprochen. Hobbywinzer kaufen bei ihm die passende Weinhefe, Asthmatiker die gesündesten Kerzen, und Ärzte verlangen nach „Eau de Javel“, einer Chlorbleichlauge, mit der man besonders gut Blutflecken aus weißer Kleidung bekommt. „Ein Arzt hat mir mal erzählt, in einer größeren Drogeriekette hätte man ihm gesagt, dieses Parfüm führe man nicht. Seitdem ist er Stammkunde bei mir.“

Der Tüftler

Holger Engelmohr, Drogist

Geschäft:
Zentgrafen-Drogerie, Kassel

Produkte:
Seifen, Kerzen, Waschmittel, Kämme und Kammreiniger, insgesamt 14.000 Artikel

Gründung:
1896

Besonderheit:
Registrierkasse aus den 30er-Jahren, ohne Strom, aber mit lautem Bing

Engelmohr hat sich eine kleine, aber treue Fangemeinde geschaffen. Ab und zu hört er in seinem Laden Kunden miteinander tuscheln: „Na, du auch hier beim Geheimtipp?“

Der 51-Jährige glaubt, dass die Kunden ihn mit ihren Käufen vor allem aus zwei Gründen am Leben erhalten. Weil er auf viele Probleme eine Antwort weiß und weil er Dinge verkauft, die es fast nirgends gibt: Bürstenreiniger, Bimsstein, Wiener Kalk, Kämme aus irischem Horn, Musgewürz für Pflaumenmus. „Das verkaufe ich zwar nicht oft. Aber wenn ein Kunde so ­etwas braucht, dann muss ich es dahaben.“

Engelmohr lebt von seinen Stammkunden. „Da bin ich ehrlich, das sind vor allem ältere Menschen, die das Gespräch suchen und sich nicht in sterilen Läden mit endlosen Gängen verlaufen wollen.“ Wie zum Beweis schleicht eine alte, krumme Frau mit einer viel zu schweren Handtasche in die Drogerie. Sie will einen neuen Zahnputzbecher kaufen. Engelmohr hat zehn ­Modelle zur Auswahl, vom teuren Acrylbecher (9,99 Euro) bis zum Kunststoffmodell (99 Cent). Nach einigem Ausprobieren und intensiver Beratung entscheidet sich die Dame schließlich zehn ­Minuten später für den 99-Cent-Becher. „Daran verdiene ich natürlich nichts“, sagt Engelmohr. „Aber ich kenne die Dame seit Jahren, die kommt häufig vorbei.“

53 inhabergeführte Drogerien habe es einst in Kassel gegeben, er sei als Letzter übrig geblieben. „Mir ist schon klar, dass ich eine lebende Antiquität bin, aber es macht Spaß.“
Den Preiskampf der großen Ketten kann und will er gar nicht mitmachen. Er ärgert
sich auch nicht, im Gegenteil. Zur Konkurrenz hat Engelmohr ohnehin ein entspanntes Verhältnis. Die Filialleiterin eines großen Drogisten in Kassel kennt er ganz gut – er hat sie selbst ­ausgebildet.

Kurzwaren. Allein schon das Wort scheint der Zeit hinterherzuhinken. Kurzwaren, das sind kleine Gegenstände zum Nähen: Knöpfe, Zwirne, Schnallen, Nadeln. Und bei W. Wächtershäuser legt man großen Wert auf das jahr­zehntelang erfolgreiche Konzept, es bei Kurzwaren zu belassen. Oder wie die Chefin Sibylle Zolles mit einem Motto aus der Computer­sprache sagt: Never change a running system.

In Frankfurt am Main ist der Laden eine Institution – und beinahe konkurrenzlos. „Es gibt zwar noch Kaufhäuser, die Kurzwaren anbieten“, sagt Zolles. „Aber was glauben Sie denn, was die Verkäufer dort sagen, wenn Sie etwa nach einem Reißverschluss fragen? Gehen Sie zu Wächtershäuser!“

Seit 1822 steht der Laden an der gleichen Stelle, mitten in der Stadt, gut anzufahren.
Das schafft Tradition und einen ordentlichen ­Bekanntheitsgrad. Sibylle Zolles hat im Laden ihre Lehre gemacht und ihn 1989 gekauft, der Vorbesitzer wollte jemanden haben, der das Geschäft weiterführt. Was hat sie gemacht, nachdem sie das Geschäft übernommen hatte? „Einmal durchgeputzt, ein paar Wände frisch gestrichen und sonst alles so gelassen, wie es war.“ Warum? „Weil der Laden anders nicht überleben kann.“

Die Kompromisslose
Sibylle Zolles, Handelsfachwirtin

Geschäft:
Kurzwaren W. Wächtershäuser, Frankfurt

Produkte:
Knöpfe in allen Variationen. Dazu Reißverschlüsse, Bänder, Borten, insgesamt 40.000 Artikel

Gründung:
1822

Besonderheit:
keine Wolle, keine Stoffe, kein „Risiko­geschäft“

Wächtershäuser steht für Kurzwaren und nichts anderes. Das schätzen die Kunden. Wächtershäuser steht für Borten, Bänder, Tressen, Posamenten, Besätze, Strasssteine. Und Wächtershäuser steht vor allem für Knöpfe. Knöpfe, Knöpfe, Knöpfe, insgesamt 10.000 Stück, aus Wasserbüffelhorn, Kokosschalen, Glas, Perlmutt, Holz und in allen möglichen Formen und Farben.

Meterhoch säumen Regale voller bunter Röhrchen die Wände im alten Laden, sich hier auf einen Punkt zu konzentrieren fällt schwer, so viel gibt es zu entdecken.
Mit der Zeit kommen auch mal neue Artikel hinzu, Nylonflicken oder Bikiniverschlüsse, aber ansonsten bleibt Sibylle Zolles beim Sor­timent kompromisslos. Es gibt kein Strickzeug und erst recht keine Stoffe. „Wir hatten mal Stricknadeln“, sagt sie, „aber die haben wir ­wieder abgeschafft.“ Denn wenn man die ­Nadeln verkaufe, müsse man auch Wolle anbieten – und zwar sämtliche Wolle. Das könne man nicht stemmen.

Und Stoffe? „Die sind ein Risikogeschäft“, sagt Zolles. „Die Mode, der Geschmack ändert sich laufend, da kommt man nicht hinterher.“ Ganz anders sei ein Knopf, dieser ursolide, uralte Gebrauchsgegenstand. „Bei einem Knopf kommt es nicht auf den Modetrend an“, sagt Zolles. „Wenn der sich nicht verkauft, kann der ruhig auch mal drei Jahre im Geschäft ­liegen bleiben.“

Der Laden läuft gut, zwischen 200 und 250 Kunden kommen täglich. Selbst jetzt an einem gewöhnlichen Vormittag ist der Laden voller Leute. Sie stöbern, schmunzeln, wundern sich. Und sie kaufen. Am Ende verlässt fast jeder Wächtershäuser mit einem kleinen Tütchen
in der Hand, einer Kleinigkeit, mit der etwas ­Größeres erst möglich wird. Denn Nähen ist heute nicht mehr nur eine nützlich-verstaubte Fertigkeit von Großmüttern, sondern auch ein Edelhobby geworden.

Und wem in Frankfurt ein Knopf für 30 Cent fehlt, wer noch 20 Zentimeter Gummiband für die Jogginghose sucht, der landet am Ende bei Wächtershäuser.
Er hat gar keine andere Wahl.

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