Diverses Die Wissensmanager des Jahres 2005

Zum dritten Mal haben Commerzbank, "Financial Times Deutschland" und impulse vorbild­lichen Umgang mit dem Erfolgsfaktor Wissen prämiert. Die Sieger.

Thomas Rusche (Foto) liegt mit den Personalkosten für seine 25 Geschäfte über dem Branchenschnitt. Doch dies stört den Chef des Premium-Herrenausstatters SØR Rusche keineswegs. Dank aktueller Wissensbilanz kann er genau vorrechnen, warum sich gute Gehälter für service­orientierte Verkäufer auszahlen.

In den Helios Kliniken ist für Francesco De Meo und seine Geschäftsführerkollegen die Evaluation der Leistungen oberstes Gebot. Etwa wo welche Operationsmethoden angewandt werden, Komplikationen häufiger auftreten oder wie lange Patienten im Schnitt stationär behandelt werden. Fast 1,5 Millionen Fälle wurden seit 1999 systematisch ausgewertet. „Diese Transparenz schafft erhebliche Qualitätssteigerungen zum Nutzen der Patienten“, sagt De Meo.

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Die Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) führt weltweit rund 2600 Projekte zur Verbesserung von Lebens- oder Arbeitsbedingungen durch, zunehmend auch für nichtstaatliche Auftraggeber. Lange war das gewaltige Know-how aus den erfolgreich abgeschlossenen Vorhaben auf die Aktenschränke und Festplatten der beteiligten Fachleute ­verteilt. „Manches Rad wurde neu erfunden“, räumt Geschäftsführer Bernd Eisenblätter ein. Heute fließen die Informationen. Eisenblätter: „Aus einer Expertenkultur wird eine Netzwerkkultur.“

Rusche, De Meo und Eisenblätter haben eines gemeinsam. Sie zählen zu der Sorte Firmenchefs, die konsequent auf die Ideen, Erfahrungen, Fachkenntnisse und Kontakte ihrer Leute bauen. Und erhalten dafür die Auszeichnung „Wissensmanager des Jahres 2005“. Zum dritten Mal haben Commerzbank, „Financial Times Deutschland“ (FTD) und impulse einschlägige Initiativen mit Vorbildcharakter identifiziert.

In dem Sinne siegte bei den Unternehmen
bis 500 Mitarbeitern SØR-Chef
Thomas Rusche. Die Auszeichnung
in der Kategorie der größeren
Firmen geht an Helios-Geschäftsführer
Francesco De Meo. Und den Sonderpreis
für den öffentlichen Sektor
erhält Bernd Eisenblätter für die GTZ
– die zwar als privatrechtliche GmbH
organisiert ist, aber zu 100 Prozent
dem Bund gehört. Die feierliche
Preisverleihung fand am 18. Mai in
Berlin statt. Schirmherr des Wettbewerbs
ist Bundeswirtschafts- und Arbeitsminister
Wolfgang Clement.

Steiniger Weg

„Die Tendenz zur ganzheitlich wissensbasierten Unternehmensführung ist bei den aktuellen Bewerbungen
ausgeprägter als im Vorjahr“, resümiert
Professor Klaus North von der
Fachhochschule Wiesbaden, zusammen
mit seinem Karlsruher Kollegen Rudi Studer wissenschaftlicher Leiter des Awards. Dazu
zählen vor allem vier Elemente.

Erstens: klare Ziele. Welches Wissen wird
überhaupt benötigt, wie wird es erlangt
und in die Prozesse eingebunden. Zweitens: offene Kultur. Sind alle bereit, ihr Wissen zu teilen, geht der Chef mit gutem Beispiel voran? Drittens: effiziente Kommunikation.
Funktioniert der Informationsaustausch,
hat zu den wichtigen Quellen jeder Zugang, werden diese von allen genutzt? Viertens: intelligente Technik. Ist die nötige Hard- und Software vorhanden, um das anfallende Wissen zu bündeln, zu vernetzen und
verfügbar zu machen?

Den weitesten Weg hatte hierbei
die GTZ zurückzulegen. 90 Prozent
der 10.000 Mitarbeiter sind auf 131
Länder verteilt. Seit Zeitverträgen engere
Grenzen gesetzt sind, ist die
Fluktuation hoch. Auch dadurch geht
viel Wissen verloren. Seit Ende der
90er Jahre versuchen die GTZ-Verantwortlichen,
per Wissensmanagement
gezielt gegenzusteuern. In der
Eschborner Zentrale, den 67 GTZ-Büros,
den Projekten vor Ort.
„Da haben wir viel Entwicklungsund
Überzeugungsarbeit geleistet,
mit Fallstudien, Vorträgen, Diskussionsforen
und zahlreichen Einzelinitiativen unserer Projekte und Büros“, erinnert sich GTZ-Wissensmanager Jan Schwaab. Schließlich habe jeder für sich in irgendeiner Form
Wissensmanagement betrieben, das
nur leider oft nicht kompatibel gewesen
sei. „Diesen Blumengarten galt es
zu sortieren“, erzählt Geschäftsführer
Eisenblätter, „und zwar nicht mit dem
Mäher, sondern durch geschicktes
Umpflanzen.“

Auf der nächsten Seite erhalten Sie weitere Informationen zum Thema Wissensmanagement.

Gelungen ist dies unter anderem
mit folgenden Kernelementen: Einteilung
der GTZ-Kompetenzen in etwa
100 Produktgruppen wie etwa
„Lokale und regionale Wirtschaftsförderung“ mit je einem verantwortlichen
Produktmanager, der als eine
Art Wissensbroker fungiert. Etwa 20
regionale Fachverbände mit 15 bis 30
Mitgliedern bilden virtuelle Arbeitsgruppen
und sorgen für den Informationsfluss vor Ort und mit der Zentrale.
Ein Dokumentenmanagement
stellt sicher, dass Fach- und Projektinformationen
nicht mehr an mehreren Stellen gehortet werden. Durch all dies seien Informationen schneller verfügbar, weltweit zugänglich, das
Leistungsspektrum exakt beschrieben
und Personalressourcen effizienter
eingesetzt. Eisenblätter: „Die Wissensinseln
wachsen zusammen.“

Bei den Helios Kliniken brachte
das Thema Wissensmanagement
ganz neue Kommunikationsstrukturen,
aber auch neue Herausforderungen.
Alle Aus- und Weiterbildungsangebote
und Forschungsprojekte werden
dort zentral koordiniert. Ein Bildungsportal
und eine virtuelle Bibliothek
sind für die 19.000 Mitarbeiter
des Fuldaer Konzerns zugänglich.
Noch spektakulärer ist aber ein
für den Klinikbereich derzeit einzigartiges
Qualitätsmanagement. „Alle
200 Chefärzte unserer 25 Häuser
können jederzeit und monatlich aktualisiert
nachlesen, wie ihre Abteilungen
dastehen im Vergleich zu entsprechenden
Bereichen anderer Kliniken
der Gruppe.“ Zum Beispiel
wurden 1999 im Schnitt 78,7 Prozent
aller Gallenblasen per schonender
Schlüssellochchirurgie entfernt. 2004
waren es bereits 94 Prozent.

Mehr Patienten gerettet

Von herausragenden Leistungen sollen
die anderen Häuser profitieren,
bei den Negativ-Kandidaten gibt es
Untersuchungen und Gespräche.
„Auffällige Abweichungen werden
untersucht“, sagt De Meo. Ob denkbar
ist, dass Chefärzte wegen anhaltend
schwacher Performance den Job
verlieren? „Das kann im Einzelfall
mal passieren“«, sagt De Meo. Um ein
Vielfaches häufiger sei jedoch der
umgekehrte Fall: „Der interne Wettbewerb
führt zu erheblichen Qualitätssteigerungen.“

Völlig entspannt konnten die 180
Angestellten des Oeldener Textilfilialisten
SØR Rusche die Wissensaktivitäten
des Chefs verfolgen. „Für mich
geht es nicht allein um Fachkenntnisse
und Ideen der Mitarbeiter“, sagt der
zweifach promovierte 42-jährige
Westfale, „sondern auch um das Wissen,
was um das Unternehmen herum
passiert und was auf uns zukommt.“
So widerstand er dem Drängen von
Lieferanten und Bankern, bei exorbitanten
Quadratmeterpreisen beherzt in den neuen Ländern zu expandieren.
Denn: „Premium-Ausstatter
können nur dort gedeihen, wo Straßencafés
mit vielen gut gekleideten
Menschen zum Stadtbild gehören“,
sagt Rusche. Und dies war im Osten
nicht der Fall.

Zudem habe er vorausgesehen,
dass der gelockerte Ladenschluss
die 1a-Lagen beflügeln würde, während Vorstädte und kleinere Orte
veröden. „Für uns weiterer Ansporn,
ausschließlich auf Top-Lagen zu setzen“, erzählt der Inhaber, der langfristige
Mietverträge in erstklassigen Objekten
zum Aktivkapital rechnet. Heute
bescheinigt ihm American Express
die kaufkräftigste Kundenkartei des
deutschen Einzelhandels.

Derart auf den Geschmack ge
kommen,
machte Rusche Nägel mit
Köpfen, als Bundeswirtschaftsministerium
und Fraunhofer Institut Probanden
suchten für ein Pilotprojekt in
Sachen Wissensbilanz. Er bewarb
sich, ist heute unter 15 Projektteilnehmern
der einzige Einzelhändler.

Extreme Diskussionen

In der Firmenzentrale ließ er seine
Führungskräfte zum Beispiel 16 Einflussfaktoren auf den Geschäftserfolg
identifizieren, bewerten und den
Grad der wechselseitigen Abhängigkeiten
bemessen. „Das gab extrem
kontroverse und gruppendynamisch
hochinteressante Diskussionen“, erinnert
sich der sendungsbewusste
Chef. Heraus kamen sperrige Einfluss- und Potenzialdiagramme, aber auch handfeste Ziel- und Maßnahmenkataloge. So hat Thomas Rusche erkannt, dass es der Firma nutzt, wenn er seine Leute Stoffe selbst designen lässt, anstatt nur Fertiges uzukaufen. „Gekonnt
hätten die das schon immer“,
sagt der Unternehmer, „jetzt aber fühlen
sie sich noch mehr einbezogen
und ernst genommen.“ Außerdem
zeige sich, dass die Marke SØR Rusche
eine Menge ungenutztes Potenzial biete,
etwa als Trägermedium für die
Werbung anderer Unternehmen. Erfolgreiche
Ansätze sind bereits vorhanden.
Rusche: „Unser Katalog kostet
uns nicht nur kein Geld, er wirft
sogar einen kleinen Gewinn ab.“

Buchtipp:

Wissensorientierte
Unternehmensführung

Klaus North

Gabler Verlag

ISBN 3-409-33029-1

35,90 Euro

Weitere Informationen zum Thema Wissensmanagement:

Modellprojekts zur Erprobung von Wissensmanagement in kleinen und mittleren Unternehmen

Gesellschaft für Wissensmanagement e.V.

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