Diverses Ehe zu dritt

Mann, Frau, Firma – das gibt es immer öfter. Kann funktionieren, vor allem wenn das Unternehmerpaar Büro und Daheim gut trennt und die richtigen Verträge schließt.

Tempo, Geschäftigkeit. So geht das
im Büropark im Westen Mannheims,
wo sich verglaste Zweckbauten
aneinanderreihen. Hinter den
Fensterfronten: Wirtschaftsprüfer, Programmierer,
Personalvermittler. Mittags
treffen sich die Damen und Herren am
Imbiss. Essen Frittiertes im Stehen. Kurz
nur, schnell, time is money.

„Sehr praktisch“ seien die Büros hier,
beeilt sich Thorsten Braun zu sagen. Er
ist einer der beiden Chefs der Unternehmensberatung
Intevo, die sich für
die Kunden um Liquiditätsmanagement
kümmert. Die Augen stets fest auf das
Gegenüber geheftet, gibt er den jugendlich
frischen Blitzmerker. Dass Intevo in
Mannheim nur nach Bedarf Schreibtische
anmietet oder diesen Besprechungsraum
mit Schallschluckteppich und Flipchart,
sei derzeit einfach „viel günstiger“,
sagt Braun. „Wir sind ja ohnehin die ganze
Zeit beim Kunden.“

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Intevos Co-Chefin Anette Müller wirkt
zerbrechlich in ihrem Businesskostüm,
die dunklen Haare sind zu einem klassischen
Bob geschnitten. Sie lässt ihren
Kompagnon nicht aus den Augen.
Beobachtet.
Nickt ab und zu. Die zwei präsentieren
ihre Firma schlank und effizient,
ganz nach Beraterart: billige Mietbüros
und Laptops.

Schweigen und mit Wohlgefallen registrieren

Doch da ist eine zweite Ebene, die
erst spät sichtbar wird. Braun, der eigentlich
Werber ist, betont ganz eifrig, wie
wichtig Controlling ist. Wie er das von
Müller gelernt hat, der Controllerin. Sie
schweigt, registriert es aber mit Wohlgefallen.
So ist das wohl in guten Ehen.

Braun und Müller sind ein Paar, Anettes
voller Name lautet Müller-Braun.
Weil das so ist, legen sie Wert darauf, ihre
Firma kühl und emotionsfrei wirken
zu lassen. „Es darf keinen Unterschied
machen, ob wir verheiratet sind oder
nicht“, sagt Müller streng. „Wäre unprofessionell.“
Sie führen gemeinsam,
gleichberechtigt, was selten ist. Nach einer
Studie des Instituts für Mittelstandsforschung
werden 73 Prozent der kleinen
und mittleren Betriebe von einer Person
geführt. Die wenigen Chefgespanne bestehen
meist aus Geschwistern oder Cousins,
Klassiker bleibt die mitarbeitende
Ehefrau: Sie übernimmt Sekretariat oder
Buchhaltung, oft ohne Arbeitsvertrag.

Anette Müller hat alle Fäden in der
Hand, selbst wenn sie sich zu Hause um
den zweijährigen Sohn Hugo kümmert.
Mehrmals täglich telefoniert sie mit ihrem
Mann, schaut dabei aus dem Riesenfenster
über ein Rebenmeer runter auf
die Rheinebene. Traumhafter Blick. Egal,
sie telefonieren geschäftlich. Sobald der
Kleine im Bett liegt, setzt sie sich an den
Schreibtisch. Klappt den Laptop auf, geht
die Kennzahlentabellen durch, ignoriert
die Lichter in der Ebene. Hat der Babysitter
Zeit, fährt sie selbst zu Kunden.
Manche wünschen Chefbetreuung.

Intevo ist keine Ausnahme mehr. „Die
gesellschaftliche Rolle der Frauen hat
sich geändert“, sagt Kirsten Baus. Sie leitet
das Institut für Familienstrategie in
Stuttgart, sieht einen zarten Trend im
Mittelstand. Die Unternehmensberaterin:
„Frauen sind immer besser ausgebildet.“
Wenn nach ein paar Jahren Synchronkarriere
das Kind kommt, ist es
zwar bei Chefpaaren fast immer die Mutter,
die zu Hause bleibt. „Aber anders als
früher bestimmen die Chefinnen währenddessen
nicht nur weiter mit, sondern
sie steigen auch wieder ein.“

Checkliste
Häufig sind Unternehmerehen vertraglich
nicht abgesichert. Die wichtigsten juristischen
Baustellen im Überblick:

Gesellschaftervertrag
Bei einer Scheidung sollten die Anteile
des abtrünnigen Partners zu festgelegten
Konditionen zurückgehen. Empfehlenswerte
Regelung: Der Verlassene erhält
ein Vorkaufsrecht. Zieht er es nicht, darf
der Scheidende an Dritte verkaufen.

GF-Ordnung
In einer Geschäftsführerordnung werden
die Kompetenzen im Führungsteam genau
definiert. Arbeitet einer der Partner
in der Firmenleitung, hält aber keine
Anteile,
braucht er einen separaten
Anstellungsvertrag,
sonst steht er bei
einer
Scheidung schlecht da.

Ehevertrag
Je ungleicher die Beteiligungsverhältnisse,
desto wichtiger wird er. Juristen raten
zu Abfindungsmechanismen: Der weniger
begüterte Partner bekommt seinen
Teil des Gewinns aus der gemeinsamen
Zeit – allerdings gestundet, damit die
Firma nicht leidet.

Testament
Kinderlose Ehepartner sollten sich
gegenseitig
als Alleinerben einsetzen,
sonst melden sich die Pflichterben:
Schwiegereltern und Schwäger zum
Beispiel.
Wer minderjährige Kinder hat,
bestimmt, dass der überlebende Partner
sie zunächst vertritt.

Die coolen Berater Anette Müller und
Thorsten Braun zeigen richtig Gefühle,
wenn sie über die Anfänge sprechen. Vor
allem,
als es um schlechte Zeiten geht.
Kurz nach der Gründung war es knapp.
Der Hauptkunde pleite. Auf einen Schlag
fielen 90 Prozent ihres Umsatzes weg.
Anette strahlt ihren Mann an. Erinnert
ihn an Details. „Weißt du noch. Die haben
es mir als Erste gesagt, dann habe
ich dich dazugeholt.“ Er nickt. „Stimmt.“
Beide lächeln. Ja, sie hätten sich aufgerappelt,
Geld bei Freunden und Bekannten
gesammelt, die Firma gerettet. „Wir
haben so viel gemeinsam erlebt“, sagt
Anette Müller. Sie lächelt, die Stimme
wird weich: „Das verbindet.“

Doch sie erlebten damals auch, wie die
Firma Liebe auffraß. Ihr ganzes Einkommen
hing an Intevo. „Wir haben jahrelang
nur über das Unternehmen gesprochen“,
erinnert sich Thorsten Braun.
Als das wieder lief, beschlossen sie, die
Liebe aus der Firma zu halten. Und, soweit
irgend möglich, die Firma aus der
Liebe zu verbannen.

So eine Trennung kostet Kraft, braucht
Selbstdisziplin. Ist aber das Erfolgsrezept
hinter Unternehmerehen. „Man darf
nicht vergessen“, warnt Beraterin Kirsten
Baus, „dass Ehen heute labiler sind als
Geschäftsbeziehungen. Mit dem Geschäftspartner
sollte man sich besser
verstehen
als mit dem Ehepartner.“

Die Firma dominiert das Leben

Margrit Harting, weißhaarig, Mitte 60,
hat sich damit abgefunden, dass die Firma
ihr Leben dominiert. Und achtet doch
auf Abgrenzung. Sie sitzt im Chefbüro
der Harting-Gruppe im ostwestfälischen
Espelkamp, im Blick das üppige Grün der
Bäume rund um den Firmenparkplatz.
In dem 27.000-Einwohner-Städtchen mit Fachwerk und altem Wasserschloss produzieren
Tausende Mitarbeiter Steuermagnete,
Schalter und Steckverbindungen
für Maschinenbauer in aller Welt.
Auf der anderen Seite des Flurs telefoniert
Margrit Hartings Ehemann Dietmar
mit Lieferanten. Ein honoriger Herr, immer
ganz bei der Sache, jeden Tag im
Dreiteiler mit Einstecktuch. Margrit Harting
wirft einen Blick in Richtung ihres
Gatten. Eine Ehe mit dem Inhaber eines
Familienbetriebs
sei keine normale Partnerschaft.
Die Firma ist immer dabei.

Die Hartings pflegen den gleichen
Rhythmus: „Das fängt morgens um 5 Uhr
mit dem Zeitunglesen an“, sagt Dietmar
Harting. „Bis zum späten Abend sind wir
eingebunden. Der enge Kontakt ist uns
sehr wichtig.“ Mehr schlecht als recht
versucht das Paar, die Firma dann und
wann hintanzustellen. „Mir ist wichtig,
dass man auch mal Privatmensch ist,
wenigstens
morgens zwischen fünf und
sieben. Und an Heiligabend“, sagt Margrit
Harting. Ganz ohne Ironie.

Ein Paar seit dem Studium

In die Firma rückte sie nach, als die
Schwiegermutter starb. Margrit Harting
übernahm deren Rolle im Betrieb. Für
den Psychotherapeuten und Unternehmensberater
Arist von Schlippe ein
typischer
Weg. „Chefpaare rutschen oft in
ihre Rolle. Da schauen sich zwei an und
sagen: Komm, wir probieren das.“ Bestenfalls
wird die Firma zu einer Aufgabe, die
die Partner eng verbindet und über sie
selbst hinausweist. Wie ein Kind.

Bei Thomas und Maryan Mehlhorn
war das so. Sie sind die Co-Chefs der Maryan
Beachwear Group. Vor dem Fenster
von Thomas Mehlhorn ducken sich die
Häuschen des Dorfes Murg über schmalen
Bürgersteigen. In der südbadischen
Provinz, an der schweizerischen Grenze,
würde man nicht gerade eine internationale
Bademodenfirma vermuten.

Dass
Maryan Mehlhorn ihre Kollektionen in
Murg entwirft, ist wie bei Harting Folge
eines familiären Notfalls. Ihr Vater konnte
im Jahr 1976 seine Miederwarenfabrik
nicht mehr weiterführen. So zog die
Tochter mit ihrem frisch angetrauten
Ehemann nach Süddeutschland. Das junge
Paar, das sich beim Studium
an der
Textilfachhochschule in Mönchengladbach
kennengelernt hatte, krempelte die
Ärmel hoch.

Aus der 60-Mann-Manufaktur wurde
ein Unternehmen mit 400 Mitarbeitern.
Das Paar hat einen Weg gefunden, gemeinsam
zu führen, ohne sich auf die
Nerven zu gehen. Ihre Büros liegen in entgegengesetzten Gebäudeteilen. Sie
achten darauf, dem anderen nicht in
seine
Kompetenzen hineinzureden. Die
Zuständigkeiten haben sie in Verträgen
geregelt. Der Gesellschaftervertrag sieht
einen Beirat vor, in dem ein Banker sitzt,
ein Rechtsanwalt und ein anderer Unternehmer
aus der Branche. Damit folgen
die Modemacher aus Murg den Empfehlungen
der Experten.

Nur in einem Punkt sperren sich die
Mehlhorns. Das Paar hat keinen Ehevertrag.
Das, finden sie, sei eine Frage des
Vertrauens. Aus Sicht vieler Juristen eine
gefährlich naive Haltung. Denn scheitern
Unternehmerehen, leidet nicht nur
die Familie, sondern auch die Firma.

Wie bei dem Maschinenbauer aus Baden-
Württemberg, dessen Patriarch dem
Schwiegersohn in den 80er-Jahren ohne
weitere Regelung Firmenanteile schenkte.
Der eingeheiratete Chef begann eine
Affäre mit der besten Freundin seiner
Frau. Scheidung. Doch der Ex wollte
seine
Anteile nicht hergeben. Zehn Jahre
Rosenkrieg. Der Firmensenior starb.
Die verlassene Chefin musste akzeptieren,
mit Ex-Mann und Nebenbuhlerin
Gesellschafterversammlungen abhalten
zu müssen. Keiner der Beteiligten will
öffentlich
darüber sprechen.

Fallen für Paare

Verlegenheitslösung Ein Unternehmer
holt den Partner in die Geschäftsführung,
weil der ohne Job ist. Mitarbeiter sehen
das als Fall von Günstlingswirtschaft.

Über-Optimismus Wer sich und seine
Liebe für unzerstörbar hält, weigert sich
vielleicht, an ein mögliches Scheitern zu
denken. Das ist fatal, denn wenn es doch
schiefläuft, ist der Betrieb in Gefahr.

Dauersymbiose Man hat ein gemeinsames
Büro, bei jeder Entscheidung
wird der andere gefragt. Besser fahren
Paare, bei denen jeder sein Reich hat.

Harmoniesucht Wer Streit aus dem
Weg geht, riskiert nagende Frustration
und irgendwann den endgültigen Bruch.
Also ist Streitkultur gefragt: Dabei helfen
Schlichter, die den Betrieb kennen.

Identitätsverlust Familien, in denen
nur die Firma Thema ist, verlieren das
Gefühl dafür, was sie ohne Unternehmen
eigentlich ausmacht. Der Betrieb darf
nicht alleiniger Lebensinhalt sein.

Also heißt es: Vorbeugen! Bei Gründern,
sagt Rainer Kögel, Anwalt bei der
Stuttgarter Kanzlei Hennerkes, Kirchdörfer
und Lorz, sei das am schwierigsten.
Juristen wie er ersinnen Konstellationen,
an die ein Paar, beseelt vom Zauber des
Neuanfangs, niemals denken würde. Er
rät ab, Firmenanteile 50 zu 50 aufzuteilen.
„Man sollte Pattsituationen vermeiden,
besser einem Partner eine Mehrheit
zugestehen.“ Und: Es müsse möglich
sein, dass einer aussteigt, ohne Ex-Partner
und Firma zu ruinieren.

Anette Müller-Braun und Thorsten
Braun haben derlei Verträge von einem
Anwalt machen lassen. Sie bemüht sich,
amüsiert zu wirken, dreht den Kopf,
schaut liebevoll zu ihrem Partner. „Uns
war es wichtig, das zu klären, dann
einigt
man sich im Konfliktfall leichter.“
Das Scheitern ihrer Ehe ist für sie kein
Thema. Aber für welches Paar ist es das
schon?

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