Diverses „Ein Pferd müssen sie sich erarbeiten“

Erst wollte er Musiker werden, dann kaufte er sich eigene Unternehmen – und folgte schließlich doch noch dem omnipräsenten Vater nach. Andreas Jacobs, Chef von Jacobs Kaffee, über Leidenschaft, Disziplin und die Erziehung seiner vier Kinder.

Andreas Jacobs stapelt gern tief. Seine Familie besitzt viele Millionen, dennoch fliegt er Economy, um seinen vier Kindern beizubringen, wie man mit Geld umgeht. Spät fand derheute 46-Jährige im Jahr 2005 den Weg ins Familienunternehmen. Heute führt er die Jacobs Holding, die am Personaldienstleister Adecco undam Schokoladenriesen Barry Callebaut beteiligt ist.

Familie verpflichtet
Die Jacobs Holding hält zusammen mit Familienmitgliedern rund 21 Prozent an Adecco, einem Zeitarbeitsvermittler, und knapp 70 Prozent am Schokoladenriesen Barry Callebaut. 1990 hatte Klaus Jacobs seinen Konzern Jacobs Suchard verkauft und in die neuen Firmen investiert.
Andreas Jacobs ist seit 2005 Vorsitzender des Verwaltungsrats der Barry-Callebaut-Gruppe und seit 2007 Vorsitzender des Verwaltungsrats der Holding. Sein Bruder Christian ist Vorsitzender der Jacobs Foundation, die unter anderem die Jacobs University in Bremen finanziert.

Ihr Großvater und Vater machten Jacobs Kaffee berühmt, Sie versorgen die Welt mit Schokolade und Leiharbeitern. Haben Sie ein Unternehmer-Gen geerbt?

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Andreas Jacobs: Ich durfte sehr früh mein Leben selbst in die Hand nehmen und hatte viel Spaß daran. Die Kombination aus Freiheit und Risiko habe ich schätzen gelernt.

Heißt das, Sie wollten schon als Kind die Nachfolge antreten?

Jacobs: Nein. Es gab viele Kurven, die ich gefahren bin. Meine Eltern haben zwischendurch die Hände überm Kopf zusammengeschlagen, als ich zum Beispiel Musiker werden wollte. Eine Sache haben sie immer wieder gesagt: „Wenn du etwas machst, mach es richtig!“ Das hieß: Häng dich rein, engagiere dich, sei konsequent und führe die Dinge zu einem Ende. Das war eine Kombination aus Passion und Disziplin, die sie verlangt haben. Und das hilft mir bis heute – nicht nur im Beruf.

Disziplin ist ein Wort, das Sie auffällig oft verwenden.

Jacobs: Bei Familienunternehmen gibt es eben nicht nur das wunderschöne Bild der Passion. Damit diese Leidenschaft nicht in eine völlig falsche Richtung geht, zum Beispiel in eine unprofessionelle Nachfolgeregelung, ist Disziplin wichtig. Man muss sich immer wieder fragen: Sind wir wettbewerbsfähig? Wir sind sehr streng mit uns. Nehmen Sie die Zeitarbeitsfirma Adecco: Ich bin dort der einzige Familienvertreter im Verwaltungsrat, alle anderen sind unabhängige Mitglieder.

Anders als etwa bei Peugeot?

Jacobs: Ja, die Familie dominiert dort den Verwaltungsrat, obwohl sie auch nicht mehr Anteile am Unternehmen hat als wir bei Adecco. Für uns ist Corporate Governance wichtig. Wir sagen: Das ist eine unabhängige Gesellschaft, die wir nicht dominieren können, da sie Tausenden von anderen Shareholdern gehört.

Die Identifikation mit der Unternehmensgruppe ist dennoch hoch.

Jacobs: Ja, sie ist unheimlich intensiv und sehr wichtig. Ich erinnere mich an eine tiefe Krise bei Jacobs Kaffee im Jahr 1977. Da taten sich alle in der Familie zusammen. Keiner sprach über eine Dividende, alle hatten nur eine Sorge: Wie können wir die Firma vor der Insolvenz retten? Das schweißt zusammen.

Sie waren damals erst 13 Jahre alt.

Jacobs: Ich habe diese Zeit noch präsent, weil mein Vater und Großvater nicht gerade fröhliche Zeiten durchlebten. Wir waren immer eine Familie, die nicht viel aus den Unternehmen herausgezogen, sondern viel investiert hat. Deswegen haben wir nicht wirklich vermögend gelebt. Die Firma war wichtiger als unser Haushalt oder die Größe unseres Autos.

Ist das für Kinder nicht abschreckend, wenn stets das Unternehmen die Nummer eins ist?

Jacobs: Nein, das Unternehmen ist einfach ein wichtiger Zusammenhalt. Als mein Vater die Kaffeefirma verkauft hat, merkte man, dass sie für einen Teil dieses Zusammenhalts gesorgt hatte.

Das Herz wird aus der Brust gerissen, so haben Sie es einmal beschrieben …

Jacobs: Ja, so ein Gefühl hatte ich damals bei meinem Vater, als er Jacobs-Suchard verkaufte. Wenn man 50 Jahre lang das große Ziel hat, ein Unternehmen zu gestalten und fortzuentwickeln und man das plötzlich nicht mehr machen kann, entsteht eine enorme Leere.

Solch eine Verbundenheit kann aber auch zu einem Problem werden.

Jacobs: Gefährlich ist, wenn Familien über zu viele Generationen an einem Unternehmen hängen und sich verpflichtet fühlen, es weiterzuführen, obwohl es nicht mehr kompetitiv ist. Es gibt Firmen, die keine Überlebenschance haben. Das ist tragisch. Aber da muss man analytisch und sachlich herangehen.

Auch die Nachfolge wird nicht immer professionell geregelt.

Jacobs: Das ist immer eine Gefahr für Familienunternehmen. Wenn man als Vater seinem Sohn die Firma übergibt, geht es ja nicht nur um Vertrauen. Häufig spielt beim Vater das Gefühl eine Rolle, seine Erfahrung und Weisheit noch einfließen lassen zu können. Viele können und wollen nicht loslassen. Fairerweise muss man sagen, dass das oft der Hauptgrund ist, warum der Sohn eingesetzt wird und nicht der beste Manager.

Wie war das in Ihrer Familie?

Jacobs: Wenn ein Familienmitglied die Eigenschaften und Fähigkeiten hat, soll es auf jeden Fall den Posten übernehmen. Wir versuchen, mit dieser Frage sehr diszipliniert umzugehen. Wenn die Fähigkeiten nicht da sind, würde ich immer nahelegen, einen Externen zu nehmen.

„Ich hatte nie mit einer Rolle im Unternehmen gerechnet“

Haben Sie solche Nachfolge- und Führungsgrundsätze in einer Familienverfassung festgelegt?

Jacobs: Mein Vater hat vor langer Zeit Regeln bestimmt, die für uns den Charakter der Unveränderlichkeit haben. Danach richten wir uns. Sie sind aber nicht sehr detailliert formuliert, bieten also genügend Freiheiten.

Hat es Sie belastet, oft mit Ihrem Vater verglichen worden zu sein?

Jacobs: Ich hatte den Vorteil, dass ich die ersten 15 Jahre nach dem Uniabschluss meinem eigenen unternehmerischen Weg gefolgt bin. Den bin ich gern und mit einem gewissen Stolz gegangen. Insofern kenne ich das Gefühl nicht, von Geburt an einer bestimmten Erwartung gerecht werden zu müssen. Ich habe nie damit gerechnet, dass mein Vater mich eines Tages fragen würde, ob ich eine Rolle im Unternehmen übernehmen möchte. Als er doch fragte, war ich schon Ende 30.

Würden Sie Ihre eigenen Kinder auch erst mal Erfahrungen außerhalb des Familienunternehmens sammeln lassen?

Jacobs: Auf jeden Fall. Es ist ganz wichtig, dass man seine Fähigkeiten außerhalb der eigenen Unternehmensgruppe lernt und dort beweist, dass man etwas auf die Beine stellen kann. Auch muss die Ausbildung in Schule und Universität so sein, dass sie absolut kompetitiv ist für das Amt, das man anstrebt.

Wie und wo sollen Ihre Kinder lernen?

Jacobs: Auch wenn das abgedroschen klingt, natürlich möchten meine Frau und ich, dass sie eine Ausbildung erhalten, die es ihnen erlaubt, im Leben glücklich zu werden. Alle vier sind sehr unterschiedlich. Wir wollen ihnen Freiheit geben und sie zur Selbstständigkeit erziehen.

Schicken Sie Ihre Kinder zu Eliteschulen und -universitäten?

Jacobs: Ich finde es wichtig, dass Kinder eine gute Basisausbildung haben. Aber man muss ja nicht immer gleich nach Harvard gehen, um glücklich zu werden. Man sollte dahin gehen, wo gute Inhalte vermittelt werden und man sich auch kulturell wohlfühlt.

Was waren die Werte, die Sie geprägt haben in Ihrem Elternhaus?

Jacobs: Einen Grundsatz erwähnte ich schon. Wenn du etwas anfängst, mach es richtig. Ein zweiter Wert war, dass wir immer den Menschen vor den Finanzen gesehen haben. Uns war es als Unternehmer wichtiger, sich um die Mitarbeiter als um die Gewinne zu kümmern. Deshalb war es uns auch ein Anliegen, sehr attraktive Rahmenbedingungen zu schaffen, es ging nicht nur um Pensions- und um Arbeitszeitfragen, sondern insgesamt um die Anbindung der Mitarbeiter ans Unternehmen. Wenn Sie heute zu Jacobs Kaffee gehen, dann werden Sie überrascht sein, welchen Zusammenhalt es gibt, zum Beispiel bei den Pensionären. Das ist nicht die Handschrift des heutigen Eigentümers, sondern die meines Großvaters und Vaters.

Seine Söhne soll Ihr Vater dagegen an der „kurzen Leine“ geführt haben.

Jacobs: Er war streng mit meinem älteren Bruder und mir und ist selbst sehr streng aufgewachsen, vielleicht war das für ihn sein Erfolgsmodell. Mir hat es nicht geschadet. Ich habe mich häufig geärgert, mir Dinge nicht leisten zu können. Aber das hat mich nicht fundamental erschüttert.

Erinnern Sie sich an einen Wunsch, den Sie sich nicht erfüllen konnten?

Jacobs: Ich war ein passionierter Reiter, und ich hoffte damals, mir ein schönes Pferd kaufen zu können. Aber mein Vater sagte Nein.

Kommen solche Wünsche auch bei Ihren Kindern auf?

Jacobs: Das gibt es auch nicht einfach so. Ein Pferd müssen sie sich erarbeiten.

Sie wollen ihnen vermitteln, wie man mit Geld umgeht?

Jacobs: Wir versuchen, ihnen vorzuleben, dass Geld nicht endlos ist und man damit sehr sorgfältig umgehen muss. Deswegen verzichten wir manchmal auf Dinge – das fängt bei Weihnachten an. Wenn wir in die Ferien fahren, fliegen wir Economy und nicht Business oder First Class. Andere machen das ja auch.

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 06/2010.

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