Diverses Ein sicheres Geschäft

Der Euro-Dollar-Wechselkurs ist in großer Bewegung. impulse zeigt, mit welchen Strategien sich Firmenchefs gegen Verluste wappnen können.

Das Geschäftsjahr 2007 würde Christoph Paradeis am liebsten vergessen. Zwar verdoppelte sein Unternehmen den Umsatz auf rund 148 Millionen Euro. Doch unter dem Strich fiel die Bilanz für die Solar-Fabrik AG ernüchternd aus: Das Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit, kurz Ebit (Earnings before in­terests and taxes) genannt, betrug lediglich 1,8 Mil­lionen Euro – gerade einmal 300.000 Euro mehr als im Vorjahr. „Dabei hätte unser Vorsteuergewinn leicht die Vier-Millionen-Euro-Grenze übersteigen kön­­nen“, sagt der Firmenchef, der Anlagen zur Stromerzeugung aus Sonnenen­er­gie herstellt.

Hätte können – wenn Paradeis nicht den Empfehlungen der Banken gefolgt wäre. Die warnten den Freiburger nämlich Mitte 2007 davor, dass der US-Dollar gegenüber dem Euro wieder an Wert gewinnen würde. Da Paradeis gerade zahlreiche längerfristige Lieferkontrakte in der ehemaligen Leitwährung abschloss, sicherte er sich mit Devisen­termingeschäften den vermeintlich güns­tigen Kurs – zu einem Zeitpunkt, als ein Euro gerade einmal nur 1,34 US-Dollar wert war.

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Entgegen den Vorhersagen verlor der Greenback an Wert, Ende 2007 bekam man für einen Euro sogar 1,47 Dollar, im Sommer 2008 sogar fast 1,60 Dollar. „Da wir nach internationalem Standard bilanzieren, mussten wir den Posten in unserer Gewinn- und Verlustrechnung ausweisen“, sagt Paradeis. Am 1. Juli 2008, dem Tag der Hauptversammlung, standen sagenhafte acht Millionen Euro Verlust zu Buche – die Aktionäre sparten nicht mit Kritik, um es vorsichtig auszudrücken.

Im Prinzip hat Paradeis alles richtig gemacht. Wenn die Kurse allerdings so heftig schwanken wie derzeit bei Euro und US-Dollar, wird es selbst für ex­porterfahrene Unternehmer schwierig, Währungstrends richtig zu prognostizieren. Zur besseren Einschätzung stellt impulse die wichtigsten Instrumente vor – vom simplen Devisentermingeschäft über die komplexere Devisenoption bis hin zur exotischeren Option mit Extrachance und erläutert die Voraussetzungen für deren Anwendung.

Risiko selbst bestimmen

Wann Firmen welches Instrument einsetzen, hängt von verschiedenen Kriterien ab. Zum Beispiel von der Risikobereitschaft des einzelnen Unternehmers. Oder vom Zeitbudget, welches das Absicherungsengagement maximal beanspruchen darf. „Ein Firmenchef, der sich zum Beispiel lediglich gegen Extremfälle absichern will – also einen sehr starken oder sehr schwachen Euro –, kann ein Devisentermingeschäft zu fixen Konditionen abschließen und ist damit auf der sicheren Seite“, sagt Ulrich Leuchtmann, Leiter Devisen-Research bei der Commerzbank AG.

Möchte er jedoch gleichzeitig von potenziellen günstigeren Währungsentwicklungen profitieren, weicht er auf komplexere Angebote wie etwa den „Participation Forward“ aus. „Wer in diesem Fall die optimale Entscheidung treffen will, muss aber ständig den Devisenmarkt beobachten und die Einflüsse von politischen und finanzwirtschaft­lichen Ereignissen auf die Entwicklung eines Wechselkurses richtig einschätzen können“, warnt Henry Rehkuh, Bereichs­direktor Internationales Geschäft der Kreissparkasse Köln, vor übereilten Handlungen. Andernfalls kann, wie bei Paradeis, die Absicherung auch nach hinten losgehen.

Davor sind selbst die Profis nicht gefeit. So musste 1974 die Kölner Privatbank Herstatt Insolvenz anmelden, weil sie nach dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems mit Devisenspekulationen rund 1,2 Millionen D-Mark verlor. 1993 rettete sich der Duisburger Klöckner-Konzern mit Verlusten in Höhe von einer Milliarde D-Mark aus ähnlichen Geschäften gerade noch in einen Vergleich. Und auch der VW-Konzern vernichtete auf diesem Weg rund 480 Millionen D-Mark. Die Wolfsburger konnten dieses Minus jedoch noch aus eigenen Mitteln kompensieren.

Die wohl spektakulärste Pleite aufgrund falscher Wechselkurserwartungen legte das Londoner Bankhaus Barings hin: Finanzjongleur Nick Leeson verbrannte Mitte der 90er Jahre insgesamt zwei Milliarden D-Mark, trieb damit seinen Arbeitgeber in den Ruin und brachte sich selbst für sechseinhalb Jahre hinter Gitter.

Dollar gewinnt 2009 an Stärke

Eine sorgfältige Vorbereitung und permanentes Dranbleiben sind bei Devisengeschäften also Pflicht. „Firmenchefs planen und realisieren den Verkauf ihrer Produkte meist sehr exakt und versuchen jedes Risiko zu vermeiden – die gleiche Genauigkeit sollten sie auch bei ihren Geschäften in ausländischen Devisen an den Tag legen“, rät Ralf Lang­rock vom Team Währungsabsicherung bei der Münchner Hypovereinsbank. Dies gilt vor allem, seit der Wechselkurs wieder stärker schwankt. Im Sommer 2008 kratzte der Euro nach langem Anstieg an der 1,60-Dollar-Marke. Seither befindet er sich jedoch auf Talfahrt.

Für die Zeit um den Jahreswechsel erwarten die Fachleute wiederum ein kurzfristiges Zwischenhoch. Jedoch: „Mitte des kommenden Jahres wird ein Euro wohl nur noch 1,32 US-Dollar wert sein“, prognostiziert Devisen-Experte Leuchtmann von der Commerzbank. Dies gilt vor allem, wenn sich die Konjunktur zwischen New York und Los Angeles allmählich wieder stabilisiert, die Wirtschaftsmotoren Europas weiterhin stottern und die US-Nationalbank die Zinsen anhebt. Unabhängig von den zahlreichen Prognosen: Bei jeder Richtungsänderung der Wechselkurse müssen Unternehmer ihre Absicherungsstrategie überprüfen und gegebenenfalls nachjustieren.

Auswanderung statt Absicherung

Wem das zu kompliziert ist und wer sich dennoch dauerhaft von Währungsschwankungen unabhängig machen will, dem bietet sich noch eine weitere Alternative: Die Produktion in dem Land, in dem die meisten Kunden sitzen. Beispielsweise den USA. „Wir haben bisher rund ein Dutzend Windkraftanlagen in die Vereinigten Staaten und Kanada verkauft und alle Vertragsabschlüsse in Euro ausgewiesen“, sagt etwa Windkraftanlagenhersteller Joachim Fuhrländer. Nun will der Vorstandsvorsitzende der Fuhrländer AG sein Engagement in den USA, dem weltgrößten Markt für Windenergie, ausbauen. „Hierfür müssen wir nicht nur näher am Kunden sein, sondern wollen auch die Risiken des Geschäfts so weit wie möglich ausschalten“, so der Westerwälder Unternehmer. Und dazu gehören auch Devisenentwicklungen, welche schnell die Bilanz verhageln können.

Die Lösung: Das 400 Mitarbeiter starke Unternehmen errichtet in den nächsten Monaten in den USA eine neue Produktionsstätte. Sämtliche Rohstoffe und Vorprodukte werden dann direkt in den Vereinigten Staaten eingekauft, im neuen Werk in Montana weiterverarbeitet und anschließend bei Käufern in ganz Nordamerika ausgeliefert. „Alle Transaktionen lauten auf US-Dollar – künf­tige Wechselkursänderungen beeinflussen unser Geschäftsergebnis also nicht“, so Fuhrländer.

Gleich die komplette Produktion in ein Land zu verlagern kommt dagegen für die Solar-Fabrik AG nicht infrage. Die Freiburger setzen vielmehr auf Internationalität: Bis das fertige Solarstrommodul die Fabrik im Breisgau verlässt, haben zuvor Tochterunternehmen in den USA, Indien und Singapur die vorgelagerten Produktionsstufen übernommen. „Nach den negativen Erfahrungen aus dem Geschäftsjahr 2007 haben wir aber Konsequenzen gezogen“, sagt Vorstandschef Paradeis. Er hat eine Trea­sury-Richtlinie mit genauen Rahmenbedingungen für das Devisenmanagement festgelegt. Ein Mitarbeiter kümmert sich speziell um die Vermeidung von Währungsrisiken.

Dieser sogenannte Treasurer legt die Schutzinstrumente fest und kontrolliert die Einhaltung von zuvor festgelegten Risikokennzahlen. Zudem sichert der Verantwortliche die Einkaufsvolumina nicht mehr pauschal ab, sondern in Abhängigkeit von den einzelnen Laufzeiten. Und: „Wir verbuchen Fremdwährungsgeschäfte nach neuen internationalen Bilanzierungsregeln“, so Paradeis. Der Vorteil: Auf diese Weise kann Solar-Fabrik die Entwicklung ihrer Devisen­geschäfte ergebnisneutral verbuchen. Ein gesonderter Ausweis in der Gewinn- und Verlustrechnung ist nicht mehr notwendig.

Moralischer Gewinner

Doch auch ohne diese Buchungsme-thode wären die Freiburger derzeit obenauf: „Weil der Dollar gerade wieder zulegt, erleben wir den Umkehreffekt zum letzten Jahresende. Das bestätigt unsere Sicherungsstrategie von 2007 – nur leider etwas zu spät“, sagt Paradeis.

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