Diverses Ein Unternehmer trotzt der Fremdenfeindlichkeit

Ostdeutschland ist abgestempelt: Hier herrscht der rechtsradikale Mob, so jedenfalls lautet die populäre Meinung. Ein Unternehmer aus dem Erzgebirge zeigt jetzt, wie es wirklich ist.

Ein typisches Gasthaus im Erz­gebirge. Urige Sitzecken, biedere Deko, aus den Boxen dudelt ein
beliebtes Sachsenlied: „Deutsch und frei wollen wir sein“, heißt es in dem Text. Niemand der Gäste scheint sich am nationalistischen Tonfall zu stören, der das Hintergrundrauschen liefert zu Bier und Korn. Deutsch und frei? Unternehmer Bertram Kawlath sagt: „Das wird hier rauf und runter gespielt.“

Für Außenstehende verschwimmen im Erzgebirge manchmal die Grenzen zwischen heimatverbundener Tradition und nationalen Parolen. Ganz Ostdeutschland steht unter Rechtsradikalismus-Verdacht, seitdem Skinhead-Kameradschaften hier »national befreite Zonen« ausriefen. Kein gutes Klima für Geschäfte mit internationalen Partnern, sollte man meinen. Kawlath, ein überzeugter Liberaler, investierte trotzdem.

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Probe für die Partnerschaft

Zum Jahreswechsel 2007 erwarb der 37-jährige Kawlath in Kooperation mit dem indischen Familienunter­nehmen San­mar Group die Eigentumsrechte an den Eisenwerken in Erla. Seit 2004 ist er dort bereits Geschäftsführer. Nun traten Janardhanan Ramdas vom indischen Partnerunternehmen und Dietmar Hahn in die Geschäftsleitung ein. Unter Kawlaths Führung verdoppelte sich der Umsatz auf 90 Millionen Euro. Die Eisengießerei aus dem 3000-Seelen-Ort ist heute Weltmarktführer in der Herstellung von Turboladergehäusen. Das gelang auch, weil die indisch-deutsche Partnerschaft eine schwere Feuerprobe überstand.

Acht Monate nach der Firmenübernahme jagte eine Gruppe Deutscher während eines Stadtfests acht Inder durch die sächsische Kleinstadt Mügeln und prügelte sie krankenhausreif. Die Meldung ging um die Welt und landete in Indien auf den Titelseiten der Tageszeitungen. Vorbehalte internationaler Investoren gegen ein Engagement in Ostdeutschland bekamen wieder neue Nahrung. Kawlath musste in langen Telefonaten seine Geschäftspartner vom anderen Kontinent beruhigen und ihr Vertrauen zurückgewinnen.

Die Feindseligkeiten von Mügeln lassen für viele Unternehmer auch den Lokalpatriotismus der eigenen Mit­arbeiter in einem anderen Licht erscheinen. Kawlath hingegen vertraut seinen Leuten: „Ihre Heimat, das Erzgebirge, ist halt ihr ein und alles. Das hat nichts mit Ausländerhass zu tun.“

Nicht immer war das Verhältnis zwischen Kawlath und den Erzgebirglern so eng. Er ist keiner von ihnen, kam erst 2001 nach Erla, nachdem er in Erlangen, London und Genf studiert hatte. Ansonsten leben hier kaum Zugezogene. „Am Anfang war es schon befremdlich“, sagt der Firmenchef mit einem Lächeln, „wenn ich heimkam, gingen die Wohnungstüren der anderen zu.“ Für Neues von außen gibt man sich hier betont verschlossen.

Bestes Mittel gegen Verdruss

Aber Kawlath konnte die Menschen knacken. Mit viel Respekt für ihre Traditionen und noch mehr Erfolg in seinem Betrieb ist er einer von ihnen geworden. Heute beschäftigen die Eisenwerke Erla gut 400 Mitarbeiter, nach der Wende waren es nur 60. Vor drei Jahren fand in der Gegend jeder vierte Erwerbsfähige keine Arbeit. Jetzt ist die Arbeits­losenquote mit vierzehn Prozent auf einen neuen Tiefstand geschmolzen. Jobs sind ein gutes Mittel gegen Fremdenhass, aber Kawlath sieht sich selbst nicht als Helden: „Einen weißen Ritter brauchen die Leute hier nicht.“ Sicher ist: Die NPD kann im Erzgebirgskreis neuerdings keine Erfolge vorweisen. Bei den Landrats- und Kreistagswahlen im Juni kam die Rechtsaußen-Partei gerade auf sechs Prozent – für säch­sische Verhältnisse miserabel.

Trotzdem will seine Frau mit der kleinen Tochter erst mal lieber in Nürnberg bleiben. Trotzdem meidet sein indischer Partner Ramdas manche Plätze in der Gegend. Und doch – Bertram Kawlath hält die Stellung. Er steht zu seinem Standort. Denn: „Im Erzgebirge bewegt sich was.“

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