Diverses „Eine Konkurswelle wird rollen“

"Eine Konkurswelle wird rollen"

"Eine Konkurswelle wird rollen"

Den Autohändlern geht es schlecht. Im vergangenene Jahr sank der Branchenumsatz um 0,6 Prozent auf 126,5 Milliarden Euro, die Umsatzrendite vor Steuern ist auf 0,4 Prozent zurückgegangen. "Und in den nächsten Monaten ist eine weitere Durststrecke zu erwarten", klagt Rolf Leuchtenberger, Präsident des Zentralverbandes Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK).

Wohl wahr. Denn Anfang Februar stellte EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti seine Pläne zur Reform des Autohandels vor. Monti will die in der Gruppenfreistellungsverordnung (GVO) festgelegten Regeln liberalisieren, nach denen die Hersteller im Binnenmarkt bislang nahezu alleine bestimmen konnten, wer Ihre Neuwagen verkauft. Ein Vorhaben, gegen das Automobilindustrie und Kraftfahrzeuggewerbe Sturm laufen, mit Unterstützung des Autokanzlers Gerhard Schröder.

Der Rüsselsheimer Opel-Konzern kündigte am 1. April allen seinen 890 Vertragshändlern, um sein Vertriebsnetz neu zu strukturieren. Eine der Gründe: Die von der EU-Kommission geplante Neuordnung des Autohandels in Europa.

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Über die weiteren Aussichten für Autohändler sprach impulse.de mit Ferdinand Dudenhöffer, Professor für Automobilwirtschaft an der Fachhochschule Gelsenkirchen und Direktor des Center of Automotive Research (CAR)in Bochum.

Kommissar Mario Monti hat Anfang Februar seine Pläne zur Neuregelung der GVO vorgestellt. Wie geht es weiter?

Dudenhöffer: Bis Anfang Mai wird Mario Monti alle Stellungnahmen und Verbesserungsvorschläge eingesammelt haben. Dann wird die Kommission sich im Juni festlegen, wie sie mit der Gruppenfreistellungsverordnung weiterverfahren will. Nur eins steht fest: Am 30. September diesen Jahres läuft die bisherige GVO aus und ab dem 1. Oktober werden wir eine neue Regelung haben.

Und wie sieht diese aus?

Dudenhöffer: Mein Eindruck ist, dass Herr Monti, trotz allen Widerstandes der Industrie und des Handels seine Pläne durchsetzen wird – allerdings mit einigen leichten Veränderungen. Wahrscheinlich wird es eine längere Übergangsphase geben, die beginnend vom 1. Oktober an für ein Jahr gilt. Auch die Niederlassungsklausel, die es Händlern erlauben soll, europaweit zu expandieren, wird sicherlich noch in Teilbereichen diskutiert.

Und dann stehen Autohändler im selben Wettbewerb wie andere Branchen auch?

Dudenhöffer: Jein, die Konzerne dürfen ja weiterhin auch eine Markenselektion ausüben, das heißt der Hersteller kann seinen Händlern qualitative Kriterien wie Leistungsumfang, optischer Auftritt etc. vorschreiben. Er darf Ihnen auch vorschreiben, an wen Sie Ihre Autos weiterverkaufen dürfen. An Supermarktketten ist dabei sicherlich nicht gedacht. Autos bei Aldi wird es nach der neuen Verordnung nicht geben, auch wenn das gerne kolportiert wird.

Allerdings können die Hersteller die Händler nicht mehr wie jetzt exklusiv an sie binden. Jeder Händler, der das will, kann dann weitere Marken vertreiben. So kann ein Mercedes-Händler beispielsweise auch BMW- oder Audi-Limousinen verkaufen, er kann Niederlassungen im Ausland eröffnen oder seine Wagen weltweit im Internet vertreiben.

Wer gewinnt denn, wenn die neuen Richtlinien von Mario Monti so durchgesetzt werden. Der Händler oder der Hersteller?

Dudenhöffer: Die Hersteller wird es sicherlich nicht allzu arg treffen. Zwar können sie dann europaweit nur noch gleiche Preise nehmen. Aber das passiert ja jetzt auch schon.
Bei den Händlern sieht es anders aus. Da werden die Großen gewinnen und die Kleinen gehen unter. Schon jetzt hat Mercedes in Berlin seine Werkstatt 24 Stunden geöffnet, die LKW-Reparaturannahme dort hat bis 22 Uhr geöffnet. Das sind Serviceleistungen, die kleinere Händler niemals bieten können. Hinzu kommt: große Händler verkaufen viele Fahrzeuge, können große Einheiten mit en verschiedensten Marken bilden. Das schaffen kleine Händler nicht und bleiben auf der Strecke. Letztendlich kommen wir zu amerikanischen Verhältnissen. Wenige große Händler verkaufen dann so viele Autos wie heute viele Kleine.

Wieviele Händler wird es in Zukunft noch geben?

Dudenhöffer: Wir haben jetzt rund 22.000 Autohändler in Deutschland. Nach meiner Schätzung wird es davon in fünf Jahren nur noch 15.000 geben und in zehn Jahren sind wir dann bei nur noch 10.000 Händlern. Da wird eine Konkurswelle rollen.

Können die kleinen Händler denn nichts dagegen tun?

Dudenhöffer: Viele Familienbetriebe haben leider gar nicht das Know-How um in dem kommenden Markt mit zu mischen. Ihnen fehlen die Managementqualitäten. Um zu bestehen, müssen sie Millionen investieren. Solch ein Unternehmen können Sie nicht führen wie einen Kiosk, wie es heute noch häufig der Fall ist.
Vielleicht schaffen es einige zu überleben, wenn sie sich an einen größeren Händler andocken. Denn die großen Autohändler, die wir bekommen werden, können gar nicht alles selber machen. Da könnten kleinere Werkstätten dazu übergehen, für ihre Mitbewerber Dienstleistungen zu übernehmen, Reparatur, Inspektionen etc.. Ebenso vorstellbar wäre ein Satellitenmodell. Der große Händler in der Stadt, im Umland kleinere, angedockte Firmen, die für ihn verkaufen.

Interview: Geert Schmelzer

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