Diverses Einstürzende Neubauten in Berlin: Silence is Sexy

Ein bisschen Punk, lauter Lärm, nicht selten Geschrei und schon in den 80er Jahren dem deutschen Theaterbetrieb verbunden. Die Einstürzenden Neubauten sind zurück. Und das ihrem Namen getreu: neu!

Einstürzende Neubauten – sagt Ihnen das noch etwas? Genau, das ist diese Krachmachercombo aus Berlin, die früher mit ganz vielen Eisenteilen jede Menge Lärm veranstaltete. Zwischenzeitlich hatten die Musiker (sic!) so die Schnauze voll von ihren Materialschlachten, dass sie sogar ein Album mit dem Titel „Silence Is Sexy“ herausbrachten. Diese legendäre Band, von deren Ur-Besetzung nur noch Mastermind Blixa Bargeld übrig blieb, feiert gerade ihr 30-jähriges Bühnenjubiläum.

Deshalb bereist die international erfolgreiche Formation, die von der „New York Times“ als weltbeste „Art-Noise-Band“ geadelt wurde, im Moment die halbe Welt und lässt zwischen London, Paris und Los Angeles kaum einen Szeneladen aus. An diesem Wochenende ist sie in Deutschland und hat in Berlin gleich zwei Heimspiele.

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„Richtungswechsel war notwendig“

Gibt es heutzutage noch Gründe, sich Musiker anzuschauen, die jahrelang nur auf altem Schrott herumdonnerten und dazu brüllten als ob der Leibhaftige in sie gefahren sei? Selbstverständlich: Erstens macht die Band so etwas nur noch in Ausnahmefällen und zweitens hat der immer mit rotlackierten Fingernägeln durch die Gegend flanierende Bargeld sein Produkt optimiert. Die aktuellen Neubauten klingen wie eine größenwahnsinnige Mischung aus Arbeiterliedern, Hörspielen, Schlager, Postpunk, Ballermann, Happy Metal und Studentenpop.

Der Richtungswechsel war notwendig: „Wie wir früher gespielt haben, konnten wir nicht weitermachen“, gesteht Bargeld, „wir hätten uns einen Arm abgehackt oder im Publikum wäre jemand zu Schaden gekommen. Hat man sich ein paar Mal böse geschnitten, dann lernt der Körper intuitiv dazu.“

Lärm und Feuer

Lernen mussten auch die Zuschauer. Anfang der Achtziger fand in einer riesigen Osloer Halle ein legendäres Neubauten-Konzert statt, von dem heute noch viele Alt-Fans mit großer Ehrfurcht berichten. Schlagwerker Andrew Unruh baute 20 Molotow- Cocktails und trieb das Publikum mittels gezielter Würfe durch die gesamte Halle. Damals machte diese Feuernummer Sinn“, glaubt Bargeld. Für Unkundige produzierte die Band lediglich Lärm. Doch das Häuflein der Eingeweihten hörte in ihren Metall-Schlachten die „Pein des Maschinenzeitalters“, „Schreie der Unterdrückung“ und ähnliches.

Mittlerweile gibt es eine Flut von Filmen und Büchern zum Phänomen Einstürzende Neubauten. An Theatern – sogar mit Peter Zadek aber leider auch mit dem Knattermimen Jimmy Hartwig – haben sie gearbeitet, Hörspiele gemacht und Schreibkurse für literaturwütige Hausfrauen abgehalten. Bizarr: Bargeld schrieb einen Restaurantführer mit mehr oder minder nützlichen Tipps für Neubauten-Connaisseure („Kaffee trinke ich nur in Italien“). „Wir haben uns verkauft“, bekennt Bargeld, „aber irgendwie mussten wir ja unsere Miete bezahlen.“

Doch nicht nur Bargeld – der große alte Mann der selbst gehämmerten Rebellion – ist in die Jahre gekommen. Auf Merchandising-Tischen bei Konzerten wurden sogar schon Lätzchen und Strampler für die Enkelgeneration gesichtet.

Einstürzende Neubauten: 23. und 24. 10. Berlin

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