Diverses Ende der Finanzkrise – oder was sonst noch kommt?

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Geschafft. Mit dem Rettungspaket der Bundesregierung schien der Höhepunkt der Finanzkrise überwunden - einmal mehr. Aber: Die Angst vor der Rezession bleibt. Ebenso die Unsicherheit an den Börsen. Kommt also doch alles noch schlimmer als befürchtet - und vor allem als viele Experten behauptet haben? Immerhin haben sie die Lage auch in den letzten Wochen und Monaten immer wieder falsch eingeschätzt.

Egal ob Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann oder US-Finanzminister Henry Paulson, Chefvolkswirte oder Politiker. Sie alle wollten uns in den letzten Wochen immer mal wieder weiß machen, die Krise sei bewältigt, immer sollte es von nun an bergauf gehen. Wie sich rückblickend zeigt: Das galt aber immer nur solange, bis die nächste Katastrophe publik wurde.

impulse hat hoffnungsvolle Zitate der Wirtschaftsgrößen und Volksvertreter gesammelt – und zeigt, wie sich parallel dazu die Krise fortentwickelt hat. Und, wie ihre Aussagen und die Realität dabei auseinanderklaffen. Allen voran: Finanzminister Peer Steinbrück.

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Zwar hat Steinbrück die Bundesbürger schon im September auf niedrigere Wachstumsraten und einen raueren Wind auf dem Arbeitsmarkt eingestimmt. Gleichzeitig bezeichnete es die Folgen der Krise für Deutschland aber als gering.

„Obwohl diese Finanzmarktkrise zweifellos das größte konjunkturelle Risiko auch für die deutsche Volkswirtschaft darstellt, halte ich die möglichen Auswirkungen auf uns nach Erkundigungen und Gesprächen mit dem Bundesbankpräsidenten für begrenzt“, erklärte Steinbrück zum Auftakt der Haushaltsdebatte 2009 am 16. September im Bundestag. Das deutsche Universalbankensystem habe sich schließlich als robuster herausgestellt als das amerikanische System. Auch einem Rettungspaket für die Wirtschaft nach amerikanischem Vorbild erteilte Steinbrück eine Absage. Es kam anders.

„Es gibt Kreditprobleme, aber sie sind begrenzt.“ Im März 2007 gab sich US-Finanzminister Henry Paulson noch zuversichtlich. Von einer Finanzkrise will er nichts wissen. Doch schon wenige Wochen später holte ihn die Realität ein – wie die folgenden Entwicklungen zeigen:

2. April 2007

Die Immobilienkrise fordert ein erstes Opfer: Der US-Hypothekenfinanzierer New Century Financial geht pleite – mit Verlusten von etwa 450 Millionen Dollar.

August 2007

Die Düsseldorfer IKB erklärt, von den US-Problemen betroffen zu sein. Nur eine Finanzspritze rettet sie vor der Insolvenz.

26. August 2007
Die SachsenLB wird an die Landesbank Baden-Württemberg notverkauft.

Völlig falsch schätzte auch Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller damals die Probleme der Branche und an den Börsen ein. Er erklärte etwa am 5. September 2007: „Auch wenn man vor Überraschungen nie ganz sicher sein kann, gibt es sehr wohl gute Gründe davon auszugehen, dass die Märkte wieder in ruhigeres Fahrwasser kommen“

Seine Einschätzung hatte ebenfalls nur kurze Zeit Bestand:

14. September 2007
Der britische Baufinanzierer Northern Rock nimmt einen Notfallkredit der Bank of England wegen eines Liquiditätsengpass an. Die Bilder Sparer, die Schlange standen, um ihr Geld abzuheben, gingen um die Welt.

Zwar sei es für eine vollständige Entwarnung noch zu früh, erklärte Michael Heise, Chefvolkswirt von Allianz und Dresdner Bank am 15. Oktober 2007. „Es gibt aber deutliche Anzeichen, die zumindest auf eine Entspannung der Krise hinweisen, nicht nur die Aktienkurse.“

Die Realität sah anders aus:

Oktober 2007

Die Schweizer Banken UBS und Credit Suisse erleiden erste Verluste, außerdem Milliardenabschreibungen der größten US-Bank Citigroup, sowie Verluste bei der Deutschen Bank und der Investmentbank Merill Lynch.

November 2007: Abschreibungen bei der Commerzbank von 291 Millionen Euro. Weitere Verluste bei der Postbank, Dresdener Bank, Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) werden öffentlich.

„Die aktuelle Situation ist schwierig, wirft die WestLB aber nicht um“, sagte WestLB-Chef Alexander Stuhlmann, Anfang Dezember 2007.

Und das danach kurz geschah:

Januar 2008

Die WestLB erhält von den Eigentümern – dem Land Nordrhein-Westfalen und den Sparkassenverbänden – eine Kapitalspritze in Milliardenhöhe.

„Wir gehen davon aus, dass Deutschland und Europa einen Kollateralschaden abbekommen. Aber wir schlittern nicht in die Rezession.“

Zitat: Dirk Schumacher, Chefvolkswirt bei Goldman Sachs, am 20. Januar 2008.

Und das geschah:

21. Januar 2008

Größter Kurseinbruch des DAX seit dem 11. September 2001.

Januar 2008

Die Hypo Real Estate muss wegen der Probleme am US-Hypothekenmarkt knapp 400 Millionen Euro abschreiben.

Den Höhepunkt der Krise sah Bundesbankpräsident Axel Weber im Frühjahr 2008 erreicht. Er erklärte am 14. April 2008: „Ich glaube, dass wir einen deutlichen Teil der Belastungen hier bereits gesehen haben.“

17. April 2008

Die Abschreibungen der Investmentbank Merrill Lynch betragen für das erste Quartal 2008 sechs Milliarden US-Dollar. Die Bank schreibt rote Zahlen, denn die Gesamtverluste durch die Krise betragen vermutlich 24 Milliarden US-Dollar.

Es folgen weitere Abschreibungen der US Citibank am 18. April sowie der Royal Bank of Scotland am 22. April.

Das Ende der Finanzkrise läutete wenig später auch Deutsche Bank-Chef Josef Ackermann ein: Er sagte der „Süddeutschen Zeitung“ am 29. Mai 2008: „Ich meine, dass wir am Beginn des Endes der Krise sind.“
Die Entwicklungen der folgenden Wochen beweisen das Gegenteil:

9. Juni 2008

Lehman Brothers wollen sich über eine Kapitalspritze die dringend benötigten fünf Milliarden Dollar besorgen.

10. Juli 2008
Schließung der Hypotheken- und Bausparbank Indy Mac. Es ist der zweitgrößte Banken-Crash in der US-Geschichte.

16. Juli 2008

Der Dax sinkt auf 5999 Punkte – der tiefste Stand seit Oktober 2006.

8. September 2008

Die größten US-Baufinanzierer Mae und Mac werden unter staatliche Obhut genommen und so vor dem Bankrott gerettet.

15. September 2008

Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers. Merill Lynch wird an die Bank of America verkauft.

26. September 2008

Die Washington Mutual (größte amerikanische Sparkasse) wird in der vorherigen Nacht geschlossen.

29. September 2008

Hypo Real Estate droht zu kollabieren.

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