Diverses Ernüchterung bei elektronischen Marktplätzen

Nach der Euphorie für elektronische Marktplätze im Jahr 2000 ist jetzt die Ernüchterung gekommen. Das Fraunhofer Institut versucht zu erklären, was passiert ist.

Software-Hersteller und Unternehmen stürzten
sich im Jahr 2000 auf die Idee der elektronischen Marktplätze.
Handelspartner sollten lediglich einen Maus-Click voneinander
entfernt sein. Doch der Euphorie folgte schnell die Phase der
Ernüchterung. „Viele Anbieter von elektronischen Marktplätzen haben
unterschätzt, wie lange es dauert, eine kritische Masse an
Transaktionen und Auktionen zu bekommen“, sagt Henning Hinderer vom
Fraunhofer Institut Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in
Stuttgart. Dies habe für viele Firmen das finanzielle Aus bedeutet.

Amerikanische Marktforscher prophezeiten im Boomjahr 2000, in
Deutschland werde es bis 2002 zwischen 600 und 800 Internet-
Marktplätze für den Business-to-Business-Bereich geben. Hinderer
schätzt hingegen, dass es in Deutschland derzeit etwa 250
funktionierende Marktplätze gibt. „Weit mehr als diese Anzahl an
Initiativen ist jedoch Pleite gegangen oder hat es erst gar nicht bis
ins Netz geschafft.“

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Aus dem Internet verschwunden ist etwa eine Plattform für den
Stahlmarkt. Sie wurde mit den Erwartungen gegründet, innerhalb
kürzester Zeit europäischer Marktführer für online gehandelten Stahl
zu werden. Auch vertacross für die Automatisierungsindustrie gibt es
nicht mehr. Auf der Homepage findet sich lediglich ein
Abschiedsbrief: „Wir danken unseren 9.000 Nutzern in 35 Ländern, die
das Angebot von vertacross ständig verbesserten und belebten.“

Woran hat es gelegen? „Lieferanten und Einkaufsunternehmen haben
wohl die Notwendigkeit für diesen Marktplatz nicht anerkannt“, sagt
Boris Otto, Kollege von Hinderer am IAO. Beide Experten analysieren
die Entwicklung von Marktplätzen. „Es lässt sich aber schlecht sagen,
welche Branchen sich für das Online-Handeln eignen“, sagt Otto.

„Wenn eine Plattform erst einmal läuft, dann können die
Unternehmen beim Einkauf 30 bis 60 Prozent sparen, weil die Prozesse
vereinfacht sind“, sagt Hinderer. Für viele Firmen lohne sich aber
eine Teilnahme an einem Marktplatz finanziell zunächst nicht. „Die
Installation der Technik sowie die Transaktionskosten mit 0,5 bis zwei
Prozent des Volumens oder aber Mitgliedsbeiträge sind oft hoch.“

Von Transparenz bei den Internet-Plattformen könne kaum die Rede
sein. „Es gibt den gläsernen Markt nicht – vor allem nicht bei
strategisch wichtigem Material“, betont Hinderer. Konkurrenten hätten
keinerlei Interesse daran, dass andere ihnen in die Karten schauen.
Die meisten Plattformen arbeiteten daher mit aufwendigen
Passwortsystemen. Nicht zu unterschätzen sei immer noch die
Psychologie des Handelns. „Es kommt sehr darauf an, ob man sich kennt
oder nicht“, sagt Hinderer. Daher seien unbekanntere Firmen, die sich
auf den Plattformen etablieren wollten, enttäuscht worden.

„Marktplatzanbieter, die von der jeweiligen Branche keine Ahnung
haben, konnten sich kaum durchsetzen“, erklärt Otto. Hingegen seien
Marktplätze, die von Branchen selbst gegründet wurden, oft sehr
erfolgreich. Beispiele seien die Plattform cc-chemplorer der
Chemieindustrie oder Covisint: Von den Firmen DaimlerChrysler,
General Motors und Ford im Jahr 2000 gegründet, ist Covisint die
größte Plattform für die Automobilindustrie und will nach eigenen
Angaben noch 2002 die Gewinnschwelle erreichen. 7.000 Unternehmen
beteiligen sich daran. DaimlerChrysler meldete, die Investitionen in
Covisint seien bereits durch Einsparungen gedeckt worden.

„In einer unserer Studien hat sich aber auch gezeigt, dass dennoch
die meisten Unternehmen auf die elektronischen Marktplätze setzen“,
sagt Hinderer. Auch wenn sie erst in den kommenden Jahren damit
rechnen, dass sie die Kosten für Investitionen in die Technik durch
Einsparungen und Umsatzsteigerungen wieder hereinholen. (dpa)

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