Diverses „Es fehlt an Flexibilität“

Gerd-Uwe Baden, Vorstandsvorsitzender der Euler Hermes Kreditversicherung, über die Gründe für Firmenpleiten und die Rolle seiner Branche.

Herr Baden, Sie rechnen in diesem Jahr
mit 35 000 Firmeninsolvenzen, 2010
erwarten Sie sogar knapp 39 000.
Waren die deutschen Unternehmer
in der Vergangenheit zu sorglos?

Ganz im Gegenteil. Die deutsche Wirtschaft
ist heute deutlich besser aufgestellt als in
der Krise 2001/02. Die Zeit ist genutzt worden,
um die Rücklagen zu stärken und die
Kostenstrukturen zu verbessern. Wir haben
es allerdings mit der schärfsten Krise seit
dem Zweiten Weltkrieg zu tun. Da hilft es
mitunter auch nicht, dass man die Zeit gut
genutzt hat. Wenn die Umsätze fast über
Nacht um 50 Prozent einbrechen, sind Rücklagen,
die für eine normale Krise ausreichen
würden, schnell aufgezehrt. Unsere aktuelle
Studie über die Ursachen von Insolvenzen
hat das bestätigt.

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Als einen weiteren Insolvenzgrund,
der derzeit besonders stark zum Tragen
kommt, identifiziert die Studie den
Mangel an strategischer Planung. Fehlt
es den Unternehmern an Weitsicht?

Eher an Flexibilität. In ruhigen Zeiten muss
man sich nicht so schnell anpassen können.
In einer Umbruchphase wie jetzt wird diese
Fähigkeit umso wichtiger. Eine Strategie, die
unterschiedliche Marktszenarien berücksichtigt,
ist hierfür eine Grundvoraussetzung.

Die am häufigsten genannte Insolvenzursache
ist fehlender Arbeitsplatzabbau
nach einem Umsatzrückgang.
Verstärkt der Kündigungsschutz in
Deutschland die Probleme?

Für eine normale Krise haben wir sozialverträgliche
Instrumente, um Geschäftseinbrüche
abzufedern. Beispielsweise mit Kurzarbeit
lassen sich moderate Umsatzrückgänge
einigermaßen gut abfangen. Brechen aber
sehr schnell 40 bis 50 Prozent der Umsätze
weg, ist es in Deutschland praktisch
unmöglich, die Kostenstrukturen so schnell
anzupassen, dass es nicht zu finanziellen
Schwierigkeiten kommt, bis hin zur
Insolvenz. Und dann droht der Verlust
aller Arbeitsplätze.

Müssten die Unternehmen deshalb
sofort über Entlassungen nachdenken?

Die negative Entwicklung – beispielsweise in
der Autobranche – war so blitzartig, dass
praktisch keine Chance bestand, rechtzeitig
gegenzusteuern. Natürlich kann man betriebsbedingt
kündigen. Aber manchmal ist
die Entwicklung so rasant, dass die Unternehmensführung Entlassungen gar nicht
mehr schnell genug in die Wege leiten und
vollziehen kann.

Sie prognostizieren einen Anstieg
der Forderungsausfälle auf über
30 Milliarden Euro in Deutschland
in diesem und im kommenden
Jahr. Müssen Unternehmen, die
sich gegen diese Gefahr mit Warenkreditversicherungen
schützen
wollen, nun Angst haben, weil Sie die
Risiken nicht mehr abdecken können?

Dadurch, dass wir unsere Risikopolitik rechtzeitig
angepasst haben, etwa durch zeitnähere
Prüfung der Risiken und schnelle
Reaktion auf negative Veränderungen, können
wir dem Markt auch in der jetzigen
Situation in hohem Umfang Deckung zur
Verfügung stellen. Allerdings können auch
wir nicht unbegrenzt ins Risiko gehen. Täten
wir das, würden wir unser Kapital gefährden.

Trotzdem trifft auch Sie die Krise.
Im ersten Quartal dieses Jahres
überstiegen die Schäden, für die
Euler Hermes aufkommen musste,
Ihre Prämieneinnahmen.

Die Euler Hermes Gruppe hat dennoch einen
Gewinn erzielt, weil wir mit unseren Rücklagen
Erträge am Kapitalmarkt erwirtschaftet
haben. Ohnehin sind wir, wie jeder Versicherer
in Deutschland, gesetzlich verpflichtet,
Schwankungsrückstellungen zu bilden, also
einen Kapitalstock für schwierige Zeiten
aufzubauen. Das haben wir getan. Insofern
sind wir für die Krise gut gerüstet
und verfügen über ausreichend Kapital.

Unternehmen in der Autobranche, aber
auch in der Stahl- oder Textilindustrie
klagen über höhere Selbstbeteiligungen,
reduzierten Versicherungsschutz
oder Prämienerhöhungen. Müssen
diese Unternehmen für die
Fehler anderer Firmen bezahlen?

Das ist eine Fehleinschätzung. Die Branchenzugehörigkeit
ist zwar ein Aspekt der Bonitätsbewertung.
Ausschlaggebend ist aber
das einzelne Risiko, also das Unternehmen.
Selbstverständlich steigt in einer Krise die
Zahl der Firmen, bei denen es schwer ist,
Deckung zu übernehmen. Und natürlich sind
einige Branchen stärker betroffen als andere.
Aber es gibt in jedem Sektor solide Unternehmen,
bei denen wir davon überzeugt
sind, dass sie gut durch die Krise kommen.

Für den Konzern Arcandor galt das
nicht. Vor dem Insolvenzantrag
erhöhte Euler Hermes den Selbstbehalt
für Ausfälle auf 40 Prozent.

Diese Anpassung kurz vor der Insolvenz
war notwendig, weil sich die Situation
noch einmal massiv verschlechtert hatte.
Die Erhöhung des Selbstbehalts galt
aber nur für neue Lieferungen. Die Tatsache
jedoch, dass wir jetzt viele Hundert
Kunden entschädigen, zeigt doch,
dass wir auch in schwierigen Zeiten
zu kritischen Risiken stehen.

Pleitenforschung

Das Thema Insolvenz ließ Euler Hermes
bereits zum dritten Mal untersuchen,
gemeinsam mit dem Zentrum für Insolvenz
und Sanierung an der Universität Mannheim.
Mehr als 100 Insolvenzverwalter
nahmen an der Studie teil.

Viele Krisenopfer Die Befragten schätzen, dass bei rund
17 Prozent der betroffenen mittelständischen
Firmen die Krise alleiniger Grund für
die Pleite ist, bei 34 Prozent hat sie immerhin
den Ausschlag gegeben. Vor allem die
plötzlich ausbleibenden Aufträge bringen
viele Unternehmen zu Fall.

Zu starre Strukturen Zu Insolvenzen kommt es nach den Erfahrungen
der Befragten sehr häufig, weil die
Unternehmen bei rückläufigem Umsatz
ihre Belegschaft nicht rechtzeitig abbauen.
Auch gibt es in vielen Firmen keine vom
Tagesgeschäft freigestellte Person, die sich
mit Strategieüberlegungen beschäftigt –
gerade in der Krise ein großes Manko.
Weitere häufige Ursachen sind zu geringe
Rücklagen sowie starres Festhalten an
alten Konzepten.

Sonderfonds gefordert 39 Prozent der Befragten machen die restriktive
Kreditvergabe der Banken für die
Misere verantwortlich. Viele plädieren deshalb
für einen Fonds, aus dem sie Darlehen
für die Fortführung oder Sanierung nach
der Insolvenz beantragen können.

Aber wird Euler Hermes, wie auch andere
Kreditversicherer, durch solche Maßnahmen
nicht zum Krisenmultiplikator?

Nein. Die Kreditversicherer stehen nicht
am Anfang, sondern am Ende der Kette:
Erst kommt es zu Umsatzeinbußen,
anschließend wird offenkundig, dass die
Rücklagen nicht ausreichen, und dann
streichen die Banken Kredite. Wenn all das
eingetroffen ist, können Sie von einem
Kreditversicherer nicht mehr erwarten, dass
er für bestimmte Risiken eintritt.

Es kam jedoch vor, dass ein Geldhaus
erst verschlechterte Bedingungen der
Kreditversicherung zum Anlass genommen
hat, eine Kreditlinie zu kürzen.

In aller Regel ist es so, dass die Kreditversicherer
auf die Entscheidung von Banken
reagieren und nicht umgekehrt.

Worauf legen Sie aktuell besonderen
Wert bei der Deckung von Risiken?

Die wichtigste Voraussetzung in der Krise
ist für uns volle Transparenz über die
wirtschaftlichen Verhältnisse. Die versicherten
Firmen können ihre Kunden – also
die Schuldner, für die wir im Notfall einspringen
müssen – eher dazu bringen,
Informationen zur Verfügung zu stellen, als
wir das können. Es ist also aktive Unterstützung
durch die Versicherten gefragt.

Für Zahlungsausfälle, die von der
Assekuranz nicht gedeckt werden,
soll nun der Staat geradestehen.
Der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft
führt dazu Gespräche
mit der Bundesregierung. Gibt es schon
Ergebnisse?

Nein, die Gespräche laufen noch. Ein Ergebnis
gibt es also noch nicht. Ich möchte aber
festhalten: Die aktuellen Schwierigkeiten bei der Absicherung der Lieferantenkredite liegen
nicht aufseiten der Kreditversicherer,
sondern der Kreditnehmer. Die privaten
Kreditversicherer
verfügen über ausreichend
Eigenmittel und Liquidität und benötigen
daher keine staatlichen Hilfen.

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