Diverses „Etwa die Hälfte scheitert“

Professor Dieter Hoffmann, Leiter im Fachgebiet Betriebswirtschaft und Marktforschung an der Forschungsanstalt Geisenheim, warnt vor zu vielen Emotionen beim Weinanbau.

Gibt es den typischen Quereinsteiger?

Viele steigen mit großem Enthusiasmus in
den Weinanbau ein. Sie wollen das, was sie
gerne trinken, selbst produzieren. Viele
scheitern aber, weil sie zwar Idealismus
mitbringen,
nicht aber den nötigen unternehmerischen
Realismus.

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Weinbau hat ja auch etwas sehr Romantisches

Mit Sicherheit. Das Ganze hat auch etwas
von Selbstverwirklichung – man kann sich
endlich handwerklich beweisen und sogar
seine künstlerischen Neigungen wahrnehmen.
Wenn dann aber das Handwerkliche
und das Künstlerische über das Ökonomische
siegt, bahnt sich ein Verlustgeschäft an.

Wie können Sie dann helfen?

Ich bin in einigen Fällen beratend tätig
geworden,
wenn Winzer Probleme bekamen
oder ihre Arbeit nach acht Jahren von der
Finanzverwaltung zur Liebhaberei erklärt
wurde und sie aufgefordert wurden, die
Verluste
rückwirkend zu versteuern.

Was genau bedeutet Liebhaberei?

Wenn der private Nutzen überwiegt, ist es
offiziell eine Liebhaberei, und sie muss aus
versteuertem Einkommen bezahlt werden.

Wie hoch muss der Gewinn sein, damit
das nicht passiert?

Ein Unternehmen muss einen sogenannten
Totalgewinn machen, das heißt, es muss in
der Summe langfristig so viel Gewinn abwerfen,
dass der Fortbestand des Betriebs aus
eigener Kraft gesichert ist.

Woran scheitern Quereinsteiger noch?

Manche betreiben mangelhaftes Kostenmanagement,
andere schätzen das Verkaufspotenzial
ihrer Weine zu idealistisch ein.
Wieder andere verlieben sich in ein Anwesen
und die schöne Aussicht. Es handelt sich aber
in erster Linie immer nur um ein Geschäft,
und deshalb muss man es geschäftlich angehen.
Ansonsten bleibt es
halt ein Hobby.

Werden auch
handwerkliche
Fehler gemacht?

Selten, weil Quereinsteiger
meist nur
die Unternehmerfunktion
übernehmen – sie
lassen arbeiten. Angestammte
Mitarbeiter werden
übernommen, teils auch neue eingestellt.

Gibt es etwas, das alle verbindet?

Es sind auf jeden Fall Weinfreunde. Diese
Unternehmer kommen aus einem Umfeld, in
dem sie bereits Erfolg hatten. Sie sind von
ihrer Cleverness überzeugt. Sie glauben
zudem,
aus den Fehlern anderer gelernt zu
haben, und sehen daher keinen Grund, warum
sie es nicht auch als Winzer schaffen sollten.
Einen solchen Transfer von dem einen
Segment in den Weinbereich halte ich aber
für eine gefährliche Illusion – man muss sich
notgedrungen erst einmal mit der Fachkompetenz
des Bereichs auseinandersetzen.

Wie verläuft das Scheitern meistens?

Jemand kauft ein Objekt und steuert – was
die meisten machen – erst einmal die Premiumschiene
an. Damit will er Weinverstand
dokumentieren und sich in seinem Umfeld
als kreativer Investor darstellen. Vor allem
investiert er in verbesserte, hochwertige
Weintechnologie. Entscheidend ist aber,
inwieweit
das alles auf einem guten Businessplan
basiert.

Was raten Sie jemandem, der unbedingt
in den Weinsektor einsteigen will?

Sie müssen einen vernünftigen Businessplan
machen. Er ist der zentrale Ausgangspunkt,
der vernetzt ist in Richtung Technik – was
mache ich im Weinberg? – und in Richtung
Kosten – wo will ich was verkaufen, zu welchen
Preisen? Im Businessplan muss vorher
alles plausibel aufgeschlüsselt werden,
sonst lügt man sich etwas in die Tasche.

Wie viele Neuwinzer schaffen es nicht?

Ich vermute, dass etwa die Hälfte scheitert.

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