Diverses Expedition zum Südpol

Große Deals, großes Geld: Der Unternehmer Frank Runge war stark im Ölgeschäft. Dann stieg er aus und suchte sich ein neues Abenteuer: Am 18. Januar will er am Südpol stehen.

In der hellen Einsamkeit ragen Bäume als
Gerippe aus dem Eis. Graue Wolken hängen
im blauen Himmel.

Drei Punkte im weißen Tal. Drei Mann.
Aufgeblasen in blauen Anoraks leuchten sie wie
Comicfiguren. Jeder zieht an einem Seil um die
Hüfte einen flachen Schlitten über das Eis. Sie
gleiten auf Langlaufskiern über den Kvitdalsvatnet-
See mitten in Norwegen. Er ist meist zugefroren.
Keine Tierspuren sind im Schnee.
Hier sollte auch kein Mensch sein, droht das
knirschende Eis.

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Die drei Schlitten bilden eine Linie. Die Männer
arbeiten sich voran, als wären sie Maschinen.
Tapp, tapp, tapp, tapp. Wie zu einem
unhörbaren Metronom. Ein Schlitten bleibt an
einem Eisbrocken hängen, wackelt. Kurz darauf
wieder: Er schert aus, zerrt an der Leine wie
ein Hund, aber die Maschinenmänner schreiten
weiter, ignorieren die unruhigen Schlitten,
zwingen sie in die Reihe.

Von Weitem haben sie Erhabenheit. Von Nahem
nicht: Die Männer bewegen sich krumm,
als wären sie alt. Ihre Stöcke sind kürzer als
Langlaufstöcke, damit die Hände unten bleiben
und das Blut leichter fließt.

Wind bläst Schnee zu einer Wand. In dem
Moment, in dem sie nur noch weiß ohne Zwischentöne
wird, bläst er für Sekunden den Blick
frei auf den Berg Hjerkinnhoa. Frank Runge erkennt
in diesem Moment, er hat das Team in
die falsche Richtung geführt. Er ändert die
Richtung. Die beiden anderen folgen.

Runge – der Deutsche im Team – lebt seit
16 Jahren in London. Er ist ein Unternehmer,
ein Macher. Stammt aus Rellingen bei Hamburg,
hat bei Stinnes Ölhandel gelernt. Dort hat
er sein Talent erkannt, Deals zu finden, lang genug
zu warten, im richtigen Moment
zu kaufen oder zu verkaufen,
seine Kaltblütigkeit. Er ging
nach London, sich den großen
Job suchen, landete bei Trafigura,
heute ein großer Rohstoffhändler.
Runge fing als Angestellter Nummer
13 an. Trafigura hat jetzt
4000 Mitarbeiter. Zuletzt leitete
Runge den Ölhandel, den dicksten
Trafigura-Brocken, bekam bei
jedem Geschäft Prozente.

Noch mal ein großes Abenteuer erleben

Geld war einfach da und vermehrte
sich. In Ghana, wo er oft wegen Ölgeschäften war, kaufte Runge eine
Orangensaftfabrik mit seinem Kollegen Gavin
Moran, so nebenbei. Sie beliefern halb Europa
mit Konzentrat. „Pinora läuft von allein“, sagt
Runge. Im Dezember kündigten die beiden bei
Trafigura. Sie haben jeder drei Kinder, wollen mehr Zeit mit ihnen verbringen – und sich
neue Investments suchen als Unternehmer.

Und sie wollen zum Südpol. Noch mal ein
großes Abenteuer erleben. „Was anderes machen,
nenn es Midlife-Crisis“, sagt Runge. Er ist
46 Jahre alt. Moran 41. Sie haben sich einen
Dritten gesucht, James Raaff, 45, britischer
Physiotherapeut und Bekannter. Sie denken
von ihm, er sei fit genug.

Nun geht es darum, ein Team zu werden.
Eine Mannschaft, die funktioniert in Extremsituationen,
die automatisch läuft. Die Rücksicht
auf den Einzelnen nimmt, aber nicht zu
viel. „Wir arbeiten daran, dass endlich mal einer
sagt, es reicht jetzt“, sagt Runge.

Spannende Helden sind jene, die scheitern

14 Tage vor Weihnachten werden sie in die
Antarktis fliegen. Am letzten Tag des Jahres loslaufen.
Exakt am 18. Januar wollen sie am Südpol
stehen. Der Tag, an dem vor 100 Jahren Robert
Scott und seine Männer dort ankamen.
Zu spät. Um fast einen Monat geschlagen von
Roald Amundsen und seinen Männern.

Runge, der Deutsche, denkt britisch. Spannende
Helden sind jene, die scheitern. Scott
und sein Team erfroren auf dem Rückweg.
Amundsen, der Überlebende und Sieger im
Wettlauf, gilt Angelsachsen als Langweiler. Deshalb
das Ankunftsdatum. Die drei werden gegen
andere Teams um die Wette laufen.

Sollten sie verlieren, sind sie trotzdem Sieger.
Denn Runge und Moran richten das Rennen
aus. Sie haben sich mit je einem Viertel bei
Extreme
World Races eingekauft. Einem Reiseveranstalter,
den es schon acht Jahre gibt. Das
Unternehmen ist nie wirklich profitabel geworden,
trotz seiner außergewöhnlichen Angebote
wie Wettrennen zum Südpol, zum Nordpol, um
den Baikalsee.

Runge sagt über dieses Investment: „Geld ist
relevant, steht aber nicht mehr im Vordergrund.“
Er kann es dennoch nicht lassen, die
Firma gemeinsam mit seinem Freund umzukrempeln.
„Das ist ein Geschäftsmodell, aus
dem man mehr machen kann, wir müssen das
besser promoten.“ Die Kunden zahlen, um gut
betreut Extremes zu erleben. Sie bekommen
Flüge, Equipment und im Notfall ein Rettungsteam
gestellt. Die Trainer geben Tipps.
Die wichtigsten: Schneller laufen! Mehr essen,
wenn es kalt ist! Es ist lebenswichtig, so viel wie
möglich zu essen in der Kälte.

Und die Fernsehkameras surren dazu

Noch mehr als an einzelnen Abenteurern verdient
die Firma an Wettrennen, die zu Fernsehserien
aufbereitet werden. Die BBC hat eine
solche Serie ausgestrahlt. Vergangenen Winter
ließ das ZDF Markus Lanz und andere in Promiteams
zum Südpol laufen. Für diesen Winter
suchen die Marketingleute von Extreme World
Races Firmen, die Teams der Caritas und der
Krebshilfe sponsern. Bei diesem Wettstreit tritt
auch Runge mit seinem Team an.

Dafür trainieren sie nun in Norwegen. Sie
schwitzen. Bei bis zu 60 Grad minus im Wind
der Antarktis sind Pausen gefährlich. Schweiß
gefriert und könnte töten. Die drei haben einen
Takt. Sie sind in der zweiten Trainingswoche,
wissen, was sie tun müssen, wenn sie am Südpol
überleben wollen. Sie üben, wer wann, sobald
sie stoppen, die winddichte Folie aus dem
Schlitten zieht, wer wann in der Mitte kauern
darf und somit die Plane nicht halten muss. Sie
wissen, wer morgens vor 4 Uhr aufstehen wird,
um Eis zu schmelzen, was am Südpol Stunden
dauert. Sie können in sechs Minuten ihr Zelt
aufbauen. Sie haben erste überlebenswichtige
Automatismen entwickelt.

Am Abend im Zelt sagt Frank Runge: „Es
muss sich noch einiges einschleifen.“ Sie müssen
schneller werden. „Wir sind noch fünf Kilometer
von dem entfernt, was wir jeden Tag,
30 Tage am Stück, laufen werden.“ Auf dem
ewigen
Eis wollen sie insgesamt 750 Kilometer
zurücklegen, 15 Stunden am Tag, Schritt für
Schritt, immer im gleichen
Tempo, wie Kamele im Eis.

Die Sonne geht hier hoch im
Norden früh unter,
es wird
noch kälter. In der Nacht
rutscht die Temperatursäule
weiter runter, 40 Grad minus.
Frank Runge sitzt im Zelt. Er ist
ruhig, groß, sportlich. Sein Gesicht wirkt im
Halbdunkel wie das eines Teenagers.

Treibstoff für die Fantasie

Beim Erzählen untertreibt und übertreibt Runge.
Untertreiben hat er beim Verhandeln der
Öldeals gelernt: Lass bei Zuhörern die Fantasie
toben, quatsch nicht zu viel! Deute nur an, warte,
was es bei den anderen auslöst. So bleibt er
oft einsilbig.

Er übertreibt mit Selbstzweifeln, nennt sein
Abenteuer „dekadent“. Offenheit und Naivität
wirken ein bisschen gespielt. Er wirkt offen und
bleibt undurchsichtig, weil er eine Mischung
bietet: Businessprofi,
frisch und erfolgreich aus
dem Londoner Haifischbecken und eifriger Junge,
der Kaulquappen fangen will und seit Stunden
hektisch davon erzählt. Worte wie „minus
50 Grad“ oder „drei Tote!“ unterstreicht er mit
dem Das-ist-doch-atemraubend-Blick. „Eigentlich
geht’s mir um den Kitzel“, sagt Runge, „rentiert
sich die Firma nicht, ist das kein Drama.“

Ohne Blackberry-Zwang: „Ich hab jetzt Zeit für Stille.“

Moran und er hatten nach der Kündigung
erst einmal runtergeschaltet, fielen ihren Frauen
auf die Nerven. Sie bekamen Angst so ohne
Arbeit, ohne Kitzel, die Langeweile kroch hoch
an ihnen. So begann ihr Südpolabenteuer.

Ihr Leben heute: „Ich habe mein Adressbuch
um 99 Prozent verringert. Habe die Überstimulation
der Sinne, dieses zu viel Input, zu viel
Neuigkeiten, hinter mir gelassen“, sagt Runge.
Ja, er ist ausgestiegen. Er hat sein Blackberry
abgeschafft. „Ich hab jetzt Zeit für Stille.“

Andererseits: Heute, beim vierten Mal den
See abschreiten, hat er Gedanken
gehabt, die
er kennt. Gedanken wie „Alles reine Willenssache“
und „Die entscheidenden Dinge passieren
im Kopf, trotz der körperlichen Anstrengung“.
Alles ist neu – er ist doch der Alte geblieben.

In der Kälte des Zeltes sagt er: „So ähnlich,
wirklich nicht viel anders, war es bei der Arbeit.“
Als er mit seinen Kollegen 20 Stunden am
Stück konzentriert für einen Deal arbeitete. Als
nichts anderes zählte als das gemeinsame Ziel.
„Dieses: die Umstände akzeptieren. Augen zu,
durch! Das ist auf dem Marsch dasselbe.“ Er
fühlt sich wohl damit.

Abendessen: Alutütensuppen, Carbonara
und Chili con Carne. Sie werden mit 400 Milliliter
heißem Wasser aufgegossen, verschlossen,
nach fünf Minuten geöffnet. Alles schmeckt
gleich. Sie wälzen sich in ihrem Mikrokosmos,
drei Mann in der Kälte, im Training, im Südpolmodus.
Sie sind unzufrieden: „Wir hätten mehr
Strecke zurücklegen müssen.“ Sie sind zufrieden.
Das Zelt stand schnell. Sie kriechen in
ihre orangeroten Schlafanoraks. Mit denen in
ihre Polarschlafsäcke.

5.30 Uhr am Morgen. Es gibt Müsli. „Schmeckt
genauso wie die Carbonara“, sagt Runge. Egal.
Worauf es ankommt: „Es macht Spaß.“

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 12/2011.

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