Diverses Familienunternehmerin in Kauflaune

Maria-Elisabeth Schaeffler und ihr Sohn und Mit-Gesellschafter, Georg F. W. Schaeffler.

Maria-Elisabeth Schaeffler und ihr Sohn und Mit-Gesellschafter, Georg F. W. Schaeffler.© dpa

Ein Familienunternehmen wagt es, einen am Umsatz gemessen dreimal so großen Konzern aus dem Dax herauskaufen zu wollen. Welche Unternehmerpersönlichkeit steht hinter dem mutigen Projekt, den Reifenhersteller Continental - immerhin einer der Big Five unter den Automobilzulieferern weltweit - mal eben zu übernehmen? Die Schaeffler-Gruppe in Herzogenaurach.

Der Spezialist für Wälzlager erwirtschaftet mit 66.000 Mitarbeitern weltweit (Conti 150.000) einen Jahresumsatz von 8,9 Milliarden Euro (Conti 26,4 Milliarden Euro). An der Spitze des Unternehmens stehen Maria-Elisabeth Schaeffler und ihr Sohn Georg Schaeffler.

Obwohl sie zu den erfolgreichsten deutschen Unternehmerfamilien gehören, sind sie bislang fast nur Branchenkenner bekannt. Und impulse-Lesern. Im November 2004 erhielt Marie-Elisabeth Schaeffler den damals zum ersten Mal verliehenen Preis „Familienunternehmer des Jahres“. Aus diesem Anlass gab die Unternehmerin erstmals einen Einblick hinter die Firmenkulissen. Und kündigte schon damals an: „Die Familie steht in absoluter Verantwortung für das Unternehmen. Und das bedeutet vor allem Wachstum.“

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Maria-Elisabeth Schaeffler: Die sanfte Patriarchin

Nach dem Tod des Ehemanns im Jahr 1996 übernimmt Frau Schaeffler die Firma. Installiert zunächst einen Beirat mit erfahrenen Persönlichkeiten aus der Wirtschaft, „die ich auch Sonntagnachmittag anrufen kann“. Engagiert 1998 den jungen ITT-Manager Jürgen Geißinger als Vorsitzenden der Geschäftsleitung. Ein Jahr später holt INA die zweite Hälfte der 50-Prozent-Tochter Luk in den Konzern, deren Kupplungsteile heute in jedem vierten weltweit gebauten Auto unterwegs sind. 2001 schließlich der Deal mit Kugelfischer, dessen Sinnhaftigkeit nach anfänglichem Misstrauen niemand mehr ernstlich bestreitet.

„Frau Schaeffler hat das Lebenswerk ihres Mannes kraftvoll und umsichtig ausgebaut, die Produktpalette sinnvoll ergänzt und INA-Schaefflers Position auf dem Weltmarkt verbessert“, würdigt Professor Peter May die 2004 von seiner Intes-Akademie und impulse gekürte Familienunternehmerin des Jahres.

Ins kalte Wasser

Rückblende ins Jahr 1963. Die gebürtige Pragerin ist in Wien aufgewachsen und studiert dort Medizin. Sie trifft den Fabrikanten Georg Schaeffler, der mit Bruder Wilhelm ein ansehnliches Nadellager-Imperium aufgebaut hatte, und folgt ihm nach Herzogenaurach.

Sie will zunächst in Erlangen ihr Medizinstudium fortsetzen, sattelt dann aber um auf Betriebswirtschaft. Für Georg Schaeffler dreht sich indes alles um die Firma, sieben Tage die Woche. Im Betrieb lernt man mehr als an jeder Uni, lautete die Devise des promovierten Diplom-Ingenieurs. Daher endet Maria-Elisabeths Ausflug in die Wirtschaftsfakultät, ehe er richtig beginnt. Stattdessen nimmt die junge Ehefrau an Sitzungen der Geschäftsleitung teil, ist auf Betriebsversammlungen präsent, begleitet ihren Mann auf Tagungen. „Ich habe bei ihm 33 Jahre lang eine hervorragende Ausbildung erleben dürfen“, wird die Vizepräsidentin der IHK Nürnberg für Mittelfranken später zu Protokoll geben.

Welch enorme Verantwortung auf sie zukommen würde, zeichnet sich aber erst ab, als der 24 Jahre ältere Ehemann schwer erkrankt. Sohn Georg ist inzwischen als erfolgreicher Anwalt in Dallas tätig. Also übernimmt seine Mutter das Unternehmen, die sich selbst als „sehr emotionalen Menschen“ bezeichnet. Doch mit Hilfe der zu Rate gezogenen Experten lassen sich die Probleme nach und nach abarbeiten, „als würde man bei einem Tabernakelschrank ein Fach nach dem anderen aufziehen“.

Zu den Mutmachern der ersten Stunde zählt Jose Ignacio Lopez. Der erscheint zu Georg Schaefflers Beerdigung, gibt Maria-Elisabeth Schaeffler später im Rahmen einer Betriebsbesichtigung in Brasilien einen Großauftrag mit.

Drei Jahre später, auf einer Betriebsversammlung: Der Vertreter der IG-Metall zollt ihr ein „Kompliment“ dafür, wie sie die schwierige Phase nach dem Tod ihres Mannes gemeistert habe. Gerne erzählt sie die Story von einem Besuch des damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber bei Kugelfischer, als ein älterer Mitarbeiter sie beiseite nimmt. Sein Ausspruch: „Mädchen, das wird schon.“

Die neue Konzernchefin, die privat am liebsten ihren Audi A3 steuert, ist täglich in der Firma oder für die Firma unterwegs. Trifft sich turnusmäßig einmal pro Woche mit ihrem Top-Manager Jürgen Geißinger, der in der Branche größten Respekt genießt. Dazu kommt laufender Telefonkontakt und alle zwei Wochen ein gemeinsames Abendessen, um über anstehende Probleme zu diskutieren. Das Verhältnis zum Vorsitzenden der Holding-Geschäftsleitung beschreibt sie als „engen persönlichen Draht“ und „professionelle Symbiose“.

Die Familie stehe „in absoluter Verantwortung für das Wohl der Firma“, sie selbst sei „regelrecht besessen von dem Gedanken, die INA-Holding Schaeffler KG in die Zukunft zu führen“. Und das bedeute vor allem Wachstum, wie zum Beispiel durch die Akquisition von Kugelfischer vor drei Jahren. Bisweilen sind leider auch Entscheidungen durchzustehen, die erst einmal Arbeitsplätze kosten können, wo man „notgedrungen Herz und Seele ausschalten muss“. Im Gegensatz dazu übernimmt sie aber die Kosten für die Suche nach einem Knochenmarkspender für einen leukämiekranken Mitarbeiter.

Unruhige Zeiten

Um die Arbeitsplätze in Deutschland wettbewerbsfähig zu halten, setzt man bei Schaeffler auf individuelle Vereinbarungen in den Werken. Je nach Lage vor Ort mal 40 Stunden ohne Lohnausgleich, mal weniger Arbeit für weniger Geld, verbunden mit langfristigen Beschäftigungszusagen. Übertarifliches kommt auf den Prüfstand. Es ist nicht zu verhindern, dass die Gewerkschaft Sturm läuft. Gleichzeitig stimmen aber, wie im INA-Werk Lahr, 99 Prozent der Mitarbeiter spontan für die vom Unternehmen vorgeschlagenen Lösungen.

Aktuell ringt der FAG-Vorstand mit dem Betriebsrat um den Erhalt von Arbeitsplätzen in Schweinfurt und Eltmann. In hohem Maße werden hier normierte Standardprodukte gefertigt, die sich im Ausland deutlich billiger herstellen lassen. Von einem Investitionsrückstand ist auch die Rede, aus alten Börsenzeiten, als die Firma noch mit Quartalsberichten glänzen wollte. Aber auch von beachtlichen Investitionszusagen in die Zukunftsfähigkeit der hiesigen Arbeitsplätze. Wenn alle mitziehen, werde die Gruppe im nächsten Jahr nicht weniger Menschen in Deutschland beschäftigen als heute, „wünscht und erwartet“ die Konzernchefin.

Derweil hat auch die Presse begonnen, sich für die elegante Unternehmerin zu interessieren. Doch Maria-Elisabeth Schaeffler bleibt zunächst auf Distanz, Devise: Hauptsache, die Kunden wissen um die Bedeutung unseres Unternehmens. Allerdings muss sie bald feststellen, dass Journalisten trotzdem schreiben. Als seinerzeit die Spekulationen zu ihren Plänen mit Kugelfischer immer abenteuerlicher werden, entschließt sie sich, in die Öffentlichkeit zu treten.

Über das Etikett „Die listige Witwe“ kann sich die Opernfreundin, die ihre beiden Hunde Fidelio und Tosca getauft hat, herzlich amüsieren. Mit dem Attribut „Deutschlands unbekannteste Milliardärin“ kann sie dagegen wenig anfangen: „Manche Leute teilen den Umsatz durch zwei und meinen dann, diese Summe hätte der Unternehmer im Portemonnaie.“In Rage gerät sie noch heute bei dem Gedanken an einen drei Jahre alten Artikel in einem angesehenen Wirtschaftsmagazin. Von der „lebenslustigen Blondine“ war die Rede, die sich in der „Rolle der Frühstücksdirektorin gefällt“ und „im Golfclub Hof hält“ („Eine solche Frau hätte mein Mann nie geheiratet.“). Dem Artikel war eine Interview-Anfrage vorausgegangen, die sie abgelehnt hatte.

Über die Gewinne des Konzerns redet sie allerdings bis heute nicht. Lediglich das Zugeständnis, „dass die Gruppe niemals wirkliche Verluste geschrieben hat“, lässt sie sich entlocken. Wie es bei INA-Schaeffler weitergeht? „Wir bleiben auf Wachstumskurs“, verspricht die Inhaberin. Und der Generationswechsel? Sie werde ihren Sohn zu nichts drängen, bekräftigt sie immer wieder. Aber: „Die leise Hoffnung, dass er vielleicht doch eines Tages zurückkommt, gebe ich nicht auf.“

Zur Person – Berührungspunkte

Was war Ihr größter Erfolg?
Die richtigen Entscheidungen getroffen zu haben für eine positive Weiterentwicklung der Schaeffler-Gruppe. Der erste Schritt war der Erwerb der zweiten Hälfte unserer Tochterfirma Luk.

Und welches Ihr größter Fehlschlag?
Gravierende Fehlschläge sind mir bisher glücklicherweise erspart geblieben.

Was bereitet Ihnen die größten Sorgen?
Dass man in Deutschland vielfach den Wirtschaftswunderzeiten nachtrauert, anstatt den weltweiten Wettbewerb anzunehmen.

Was würden Sie gerne besser können?
Klavierspielen.Was schätzen Sie an Mitarbeitern besonders?
Loyalität, Mitdenken, Blick über den Tellerrand, Eigeninitiative.

Der größte Nachteil am Standort Deutschland?
Ein zu unflexibler Arbeitsmarkt, zu hohe Lohn- und Lohnnebenkosten sowie Politiker, die nicht langfristig, sondern nur in Wahlperioden denken.

Und der größte Vorteil?
Das Wissen, Können und die Erfahrung der Menschen.

Welchen Unternehmer bewundern Sie?
Immer noch meinen verstorbenen Mann, der genialer Techniker, hervorragender Kaufmann und charismatische Unternehmerpersönlichkeit war.

Welchen Rat würden Sie einem Gründer heute geben?
Bereit sein, sieben Tage die Woche zu arbeiten, sowie fähige Mitarbeiter zu suchen, die ebenso unternehmerisch denken.

Was essen und trinken Sie am liebsten?
Als ehemalige Wienerin liebe ich Tafelspitz und Backhendl. Und dann und wann ein Glas Rotwein.

Wenn Sie für einen Tag und eine Entscheidung Bundeskanzlerin wären wie sähe die aus?
Ich würde das Steuersystem radikal vereinfachen.

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