Diverses Fiat greift nach Opel

Erst plante Fiat den Einstieg bei Chrysler, nun will der italienische Konzern Opel übernehmen. Ein rascher Abschluss des Geschäfts soll bevorstehen. Doch in Rüsselsheim regt sich massiver Widerstand - alte Erinnerungen werden wach.

Seit Monaten sucht der angeschlagene Autobauer Opel händeringend nach einem privaten Investor. Die Rüsselsheimer wollen sich aus den Fängen der ungeliebten US-Mutter General Motors (GM) befreien und endlich selbstständig Autos entwickeln. Und: Sie wollen auf keinen Fall mit den Abgrund gerissen werden, falls die US- Regierung GM in die Insolvenz rasen lässt.

Jetzt steht der italienische Fiat-Konzern nach Betriebsratsangaben kurz vor einer
mehrheitlichen Übernahme von Opel. Doch von Begeisterung über den Retter aus Italien keine Spur: Bei der Belegschaft geht die Angst vor Massenentlassungen um. „Opel und Fiat machen sich in allen Segmenten brutale Konkurrenz“, sagte Gesamtbetriebsratschef Klaus Franz am Donnerstag.

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Schweigen in den Firmenzentralen

Ob der Deal tatsächlich zustande kommt, steht freilich noch in den Sternen – auch wenn nach „Spiegel“-Informationen schon kommende Woche eine Absichtserklärung unterzeichnet werden soll. Dies nicht nur wegen umgehender Dementis aus der Politik und dem vielsagenden Schweigen in den Firmenzentralen.

Die IG Metall erwartet auch Proteste der Opel-Mitarbeiter, weil sie aufgrund der vergleichbaren Produktlinien übermäßige Synergien und damit Entlassungen bei Opel und Fiat voraussieht: „Einen Investor, der nicht auf Zukunft, sondern auf einen Kahlschlag bei Opel baut, würden die Beschäftigten nicht akzeptieren.“ Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer hält diese Verbindunggar für tödlich. Der „Frankfurter Rundschau“ sagte er: „Opel wird damit kaputt gemacht.“

„Richtig dicke Liquiditätsprobleme“

Auch auf Seiten von Fiat dürfte es noch Fallstricke geben. Denn die Italiener sind weiter an einer Allianz mit dem kriselnden US-Konzern Chrysler interessiert. Zwei Übernahmen dürften jedoch kaum gleichzeitig zu stemmen sein, zumal Fiat alles andere als volle Kassen hat. Franz sagte am Donnerstag: „Fiat hat 14,2 Milliarden Euro Schulden und richtig dicke Liquiditätsprobleme. Die kommen derzeit nicht an Geld.“

Das „Wall Street Journal“ berichtete in seiner Online-Ausgabe am Donnerstag unter Berufung auf einen Insider, eine mögliche Partnerschaft mit Opel sei abhängig vom Ausgang der Gespräche mit Chrysler. Fiat wolle einer der weltgrößten Autohersteller werden. Unternehmenschef Sergio Marchionne habe vergangene Woche mit Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) in Berlin über das Geschäft gesprochen.

Ein möglicher Europa-Deal würde klar die Handschrift des neuen GM-Chefs Fritz Henderson tragen. Er kennt das Geschäft des US-Konzerns auf dem alten Kontinent aus eigener Erfahrung bestens: Als Chef der Europa-Tochter rund um Opel griff der Sanierer zwar von Mitte 2004 bis Ende 2005 hart durch und strich rund 10.000 Stellen. Aber er brachte das Geschäft erstmals seit fünf Jahren wieder in die schwarzen Zahlen.

Fiat und GM wieder in einem Boot – das wäre ein Rolle rückwärts der Autogeschichte. Vor knapp zehn Jahren hatten die beiden schon einmal einen gemeinsamen Anlauf gemacht – und scheiterten kläglich. Als GM am Ende den europäischen Partner hätte ganz übernehmen sollen, suchte der US-Konzern das Weite und kaufte sich frei.

Die italo-amerikanische Allianz umfasste damals zunächst Einkauf und Motoren. Auch Plattformen für den Fiat Punto und den Opel Corsa wurden gemeinsam entwickelt. Bis heute baut Fiat etwa den Bravo auf einer Architektur von Opel. Damals erstreckte sich die Zusammenarbeit auf Europa und Lateinamerika. Insider halten ein ähnliches Konstrukt
auch diesmal nicht für ausgeschlossen.

„Wir kennen diese Braut“

Franz erinnert sich ungern an die gemeinsame Vergangenheit zurück: „Die Allianz hat nichts getaugt, wir kennen diese Braut.“ Der stellvertretende Opel-Aufsichtsratsvorsitzende wirft Fiat vor, Opel benutzen zu wollen, um an staatliche Bürgschaften zu kommen. Derzeit
gewähre nämlich keine Bank dem italienischen Autobauern Kredit. Er vermutet zudem einen Interessenkonflikt von Unternehmensberater Roland Berger: Der Autobeauftragte der Bundesregierung sitzt auch im Aufsichtsrat von Fiat. „Das ist für mich eine sehr dubiose
Angelegenheit.“

Für seine ablehnende Haltung musste Franz am Donnerstag reichlich Kritik anstecken. Der CDU-Wirtschaftspolitiker Michael Fuchs sagte der „Financial Times Deutschland“: „Herr Franz sollte dankbar sein und auf Knien über die Alpen rutschen.“ Der Wirtschaftsflügel der Union würde einen Einstieg von Fiat bei Opel begrüßen. „Fiat wird zwar sicher versuchen, vom deutschen Staat Bürgschaften für die Investitionen zu bekommen. Aber immerhin wäre eine Staatsbeteiligung bei Opel endgültig vom Tisch.“

Opel will Unabhängigkeit

Opel will mit Hilfe eines Investors weitgehend unabhängig von GM werden. Nach anfänglichen Bedenken hat die kriselnde Mutter inzwischen größtes Interesse daran, Opel abzustoßen. Schließlich ist der schwankende Riese auf Staatshilfen angewiesen – und Washington will ebenso wie umgekehrt Berlin vermeiden, dass heimische Steuergelder über den Atlantik fließen. GM läuft die Zeit davon, das Unternehmen hat wenig Verhandlungsspielraum. Zuletzt gab es sogar Spekulationen, GM werde Opel kostenlos abgeben.

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