Diverses Firmen für alle

Ruhe bewahren, Tee trinken, Firma gründen. Günter Faltin lehrt Entrepreneurship an der Freien Uni Berlin und sagt: Jeder sollte sich ein kleines Unternehmen halten. Es ist ganz einfach.

Der Raum in Berlin-Friedenau hat
große Fenster. Hohe Decken, Stuck.
Auf dem Keramikboden stehen viele
braune Teekisten aus leichtem hellem
Holz mit eingebrannten Schriftzügen.
Und einiges an Kunst. Ein paar Bilder, ein
paar Skulpturen. Zwei hohe schwarze
Metallgestelle mit Fernsehscheinwerfern
dran. Es ist Abend, die Strahler sorgen
für grelles Licht und viel Schweiß. Die
Veranstaltung in den Räumen von Günter
Faltins Teekampagne wird via Internet
live in die Welt übertragen.

Faltin, 64 Jahre alt, mit grauen Haaren
an der Seite, Glatze oben, wirkt vergnügt
wie ein zufriedenes Walross. Er
moderiert souverän, mit tiefer, rauer
Stimme. Provoziert gern: „Alle reden von
Hightech und klingen so, als würden sie
von der Zukunft sprechen. Es ist doch
genau
umgekehrt, das ist ein Blick zurück
in die Vergangenheit.“ Oder: „Das
scheint keiner mitzukriegen, aber der
größte Wirtschaftszweig der Erde ist der
Tourismus. Unser Wetter ist für die meisten
Menschen das bestmögliche.“

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Ein Labor zum Schmieden von Ideen

Junge Menschen stellen eifrig Businessideen
vor. Konstantin Kutzer erzählt von
seiner Firmengründung. „Seit 14 Uhr
heute online“, sagt der Student. Jeder
brauche Passbilder. Fotografen in Studios
gäben sich wenig Mühe und nähmen viel
Geld. „Das kann jeder zu Hause besser,
am Computer, mit der Webcam, biometrisch.“
Kutzer redet, Leute machen Verbesserungsvorschläge.
In diesem „Labor
für Entrepreneurship“ gilt: Was an Ideen
kommt, gehört dem Firmengründer.
Trotzdem gibt es Ideen satt von allen.
„Man nutzt die Gruppe, gibt aber zurück“,
sagt Faltin.

Auch der Professor steuert immer wieder
mal was bei und stellt Fragen als Steilvorlagen,
damit die Leute losstürmen
können. „Da ist ja jetzt nichts neu erfunden,
oder?“ Dazu ein fragender Blick,
und Konstantin Kutzer erklärt stolz, dass
er nichts programmiert habe. Das machen
andere. Auch sonst: „Wir kombinieren
vorhandene Komponenten.“ Die 40
Leute im Saal sind neugierig. Immer ist
eines zu merken: Wir riskieren was oder
wollen mal was riskieren. Wir sind nicht
Durchschnitt. Wir haben Gründerblut.
Und: Ohne Faltin gäbe es das nicht. Um
ihn dreht sich hier alles. Er ist das Vorbild.
Wenn der Guru spricht, herrscht gespannte
Stille. Sein Erfolg als Teehändler gibt
ihm Autorität.

Von der Idee zum Erfolgskonzept

Vor 20 Jahren gründete Faltin als Betriebswirtschaftsprofessor
an der Freien
Uni Berlin die Teekampagne. Um zu zeigen,
was geht. „Man kann nicht Entrepreneurship
lehren, ohne in der Praxis
was gemacht zu haben.“ Die Firma lief,
kaufte Tee direkt in Indien. Denn teuer
wird Tee durch viele Zwischenhändler
und die kleinen Packungen. Faltin bietet Tee in Riesenpackungen
billig an. Die Firma lief nicht
nur, sie rannte. Heute ist Faltin
der größte Darjeeling-Händler der Welt, sagt das Tea
Board of India.
Größer als
Nestlé oder Lipton. Früher
wurde sein Tee an der Uni auf
Tapeziertischen verkauft,
dann in eigenen Läden, jetzt
meist übers Internet. 2008 allein in
Deutschland 180.000 Tonnen.

Faltin, Weltenbummler und Besitzer
eines Häuschens in Chiang Mai in Nordthailand,
importiert auch Tee nach Japan,
„weil der japanische Tee so verseucht
ist mit Schwermetallen“. Die Firma dort
kämpft noch, sagt er. Noch andere Projekte
hat er laufen, ist bei vielen Business-
Angel. Faltins griffige Aussage: Jeder
sollte Unternehmer werden, jeder
kann Unternehmer werden, noch nie war
es so leicht.

Sein aktuelles Buch heißt „Kopf schlägt
Kapital“, es verkündet stark verkürzt:
Heute braucht man vor allem mal eine
richtig gute Idee. Geld für Investitionen
ist nicht so wichtig, wie es mal war. Es
geht oft ohne. Patentschutz? „Überschätzt!
Studien zeigen, es geht um die
Idee, das Timing.“

Baukastenprinzip für Firmengründungen

Faltin hat das, was er
geschrieben hat, weiterentwickelt. Wird
es in ein paar Wochen im Internet vorstellen,
sein Baukastenprinzip
zum Firmengründen. „Man
braucht heute keinen Vertrieb
mehr, da gibt es Profis, die
das übernehmen.“ Man brauche
auch keine Buchhaltung.
Steuerberatung? Notar zur
Gründung? Kann man alles
ranholen. „Man muss sein Produkt
auch nicht selber herstellen,
das kann wer anders mit Erfahrung
besser.“

Auch das Marketing könne man
nach draußen geben. „Man braucht, ach,
eigentlich kann man mit dem Laptop im
Park sitzen und eine Firma gründen.“ Vor
allem sollte man sich keinen teuren
Apparat
aufbauen. Lieber auf Bewährtes
zurückgreifen. Sein Hintergedanke: Marketing
und Vertrieb sorgen für einen Kostenfaktor
zehn. Das heißt: X wird für einen
Euro hergestellt, muss für zehn Euro
verkauft werden, um das Drumherum zu
finanzieren. Es gehe billiger, wenn man
das Drumherum gar nicht hat.

Firmen im Web

Unternehmen lassen sich heute auf der
Parkbank gründen, so Faltin. Klingt verrückt,
doch es gibt Erfolgsbeispiele:

Büros? Überflüssig!

Ebuero, 2005 gegründet von Holger
Johnson, bietet einen Büroservice, nimmt
Anrufe und Geschäftspost entgegen,
organisiert Telefonkonferenzen. Inzwischen
gibt es Konkurrenz.
www.ebuero.de

Warum Wasser tragen?

Fruchtsäfte werden aus Konzentrat hergestellt,
das Getränkefirmen kaufen, um
es mit Wasser zu mischen und als Saft zu
verkaufen. Warum also schwere Kisten
schleppen? Man kann doch zu Hause
Saft selbst mixen, dachten sich Faltin
und Rafael Kugel. 2008 machte Ratiodrink,
eine AG, 300 000 Euro Umsatz, wie
Kugels zweite Firma Rapskernoel. Beides
sind „Null-Mann-Firmen“ und setzen Faltins
Baukastenprinzip eins zu eins um:
www.ratiodrink.de, www.rapskernoel.info

Mail der Merkel!

Promis können nicht all ihre E-Mails
lesen
oder gar beantworten. Caveh
Zonooz
liefert
mit seiner „Many to one“-
Idee eine
Hitparade: Man schreibt die
E-Mail auf einer Website. Alle Nutzer
wählen dann die zehn besten Mails aus.
Die werden
weitergeleitet und kriegen
Antwort.
Das Tool nutzt das Kanzleramt
für Mails an Merkel – ebenso Telekom-
Chef René Obermann, Metro-Boss
Eckhard
Cordes, Familienministerin
Ursula
von der Leyen und Brandenburgs
Ministerpräsident Matthias Platzeck.
www.direktzu.de

Billiger bürsten!

Der Geologe Peter Hanstein las Faltins
Buch „Kopf schlägt Kapital“ und blieb
auf Seite 111 hängen. Da steht, eine Firma
bei Bonn stelle für fast alle Marken Zahnbürsten
her. Zahnbürsten haben den
Preisfaktor zehn. Die Herstellungskosten
betragen ein Zehntel des Endpreises.
Hanstein bietet nun im Internet eine billigere
Zahnbürste an und ist bereits profitabel.
www.silber-zahnbuerste.de

Bitte daheim lächeln!

Im Fotostudio entsteht ein schnelles,
teures Foto. Das kann man allein besser
und viel billiger am Computer, dachte
sich Konstantin Kutzer.
www.clickyourpic.de

Beim Gespräch mit Faltin: Sein linker
Arm hängt über die halbhohe Rückenlehne
des Sessels, lässiger kann man das
nicht machen, und sein rechter wandert
gleichzeitig durch die Luft, stark betonend,
was er sagt. Er wirkt manchmal
mehr als überzeugt, fast selbstgefällig,
gleichzeitig drängend und fordernd. Der
Sessel ist aus geflochtenem philippinischem
Schilfgras. Auch eine erfolgreiche
Geschäftsidee, Schilfgras ist völlig überflüssig,
eigentlich Abfall. Kann man gut
Geld mit verdienen. Im Buch erklärt er,
wie. Er trägt eine helle Baumwollhose,
eine seiner 50. Dunkles Hemd, C&A. Ein
Jackett, in Asien billig gekauft.

Er, der Gründer der Teekampagne,
trinkt Tee, kokettiert
aber damit, dass er
eigentlich
Kaffeetrinker ist.
Isst viele der Bonbons, die die
Assistentin auf dem Glastisch
platziert hat. Zehn, zwölf
Stück in zwei Stunden. Spricht
viel und wirkt dabei immer
so, als hätte er alles schon mal
durchdacht und zurechtgelegt. Als sei er
alles schon mal gefragt worden. Er
erzählt
von früher: „Ich habe als Student
mein Geld mit Programmieren
verdient.“ Das war in den 60ern? „Ja,
für Remington, für IBM, bei Daimler-
Benz, bei der Zurich Versicherung. Da
hab ich viel verdient, war angenehme
Arbeit.“

Er studierte bei Ernst Bloch
und Walter Jens. Promovierte
bei Professor Hans-Jürgen Vosgerau
in Konstanz. Der, schon
lange in Rente, erinnert sich
gut an Faltin. „Das war ein Linker,
aber das waren damals ja
alle“, sagt Vosgerau am Telefon
und lacht. „Moment, da, das ist
dem Faltin seine Arbeit.“ Er hat
so etwas wie ein Best-of im Regal seines
Wohnzimmers, liest vor: „Dauerhafte
Konsumgüter und Permanent-Income-
Hypothese zur Operationalisierung von
Einkommen … Wie bitte? An was ich mich
noch erinnere? Der konnte Computer. Das
war zu der Zeit was Besonderes.“ Ärger?
„Er konnte streiten. Aber fundiert.“

Das Labor

Jeden zweiten Donnerstag gibt es in
Berlin-
Friedenau, Niedstraße 28, das
„Berliner Labor für Entrepreneurship“.
Dort stellen Gründer ihre Firmen, mögliche
Gründer ihre Ideen vor.

Die Stiftung

Veranstalter ist die Stiftung Entrepreneurship,
die Günter Faltin 2001 mit einem
Kapitalstock von einer Million Euro
ausstattete. Im Kuratorium sitzen unter
anderen Muhammad Yunus, der Gründer
der Grameen Bank, und der Wirtschaftswissenschaftler
Hernando de Soto.
www.entrepreneurship.de

Berater von McKinsey haben mehr
Probleme mit Faltin. Ihre Arbeit und seine
Ideen, das passt nicht. Also küren sie
zwar weiterhin gute Neugründungen,
aber nicht mehr mit ihm. Seine Ex-Studenten
bewundern ihn, sagen aber auch,
er sei „schon durchsetzungsfähig“. Peter
Hanstein, der ihn zwei Jahrzehnte kennt
und nach Faltins Prinzipien eine Firma
gründete, lobt: „Ein umgänglicher
Mensch, will aber bei manchen Sachen
keinen Widerspruch hören.“

Irgendwann im Gespräch wird Faltin
unterhaltend. Ist nicht mehr belehrend,
wenn er von seiner Kindheit erzählt, sondern
legt nun Gefühl in die Themen. Am
meisten, wenn er von seiner Mutter
erzählt.
„Sie war ein bisschen anders.“
War witzig, hatte Probleme mit dem
Kleinstadtmief. Der Vater war Ingenieur.
Faltin redet eine halbe Stunde über Sparsamkeit,
über sinnloses Protzen mit Dingen,
die man sich kaum leisten kann. Er
benutzt das Wort „Rolex“ als Schimpfwort.
Widerspricht nicht, wenn man ihn
geizig nennt. Er beklagt die Gier, das
Zuviel
an Konsum, das Vergessen der
Tugend
Sparsamkeit. Und macht dabei
Druck: Er hat recht, und die Gesellschaft,
die hat ein Problem.

Faltin wurde in Bamberg geboren, erzählt
viel von der Enge dort. Er sei
schlecht gewesen in der Schule. Andere
Jungs lasen Cowboygeschichten, er immer
nur Unternehmensgeschichten. Von
Ford, Morgan, Carnegie. „Dieses ,Wie haben
die das gemacht?‘, das war spannend.“
Er habe als Kind erkannt, „König
kann man nicht werden, wirtschaftlicher
Unternehmerkönig schon“.

Seinen Michel-aus-Lönneberga-Ansatz
benutzt er oft: „Wir Kinder in der
katholischen
Kleinstadt sahen: Auf dem
Weg zum Erwachsenwerden muss was
passieren, das alle verrückt macht. Davon
waren wir überzeugt.“ Verrückt? „Als Kinder
sagten wir uns, bloß nicht erwachsen
werden, nicht langweilig und bieder.“ Es
gab kein Taschengeld, er hat schon früh
die Buchhaltung im Schokoladengeschäft
der Großeltern übernommen. Mit 14
kaufte er Aktien. „Meine erste war MAN.“
Mit 16 japanische. „Die Bank musste die
in Tokio für mich kaufen.“ Der Mann am
Schalter sagte dem Jungen, er solle doch
was Rechtes kaufen. Idiot. Antizyklisch,
sagt Faltin, habe er gekauft. Er könne
sich mit Aktienhandel durchschlagen, da
sei er gut.

Abi und weg aus dem Mief, Studium
in der Schweiz, Tübingen, Konstanz. Professur
in Berlin, Gastprofessuren in aller
Welt. Leben in Wohngemeinschaften.
Eine
Beziehung, die fünf Jahre hielt. Er
sei eher Einzelgänger. Die Idee. Firmengründung.
Reichtum. Er redet von der
„Armut der Begierde.“ Für ihn ist Luxus:
Rotwein, frische Oliven. Sonst nichts.
Auf der Abendveranstaltung ist auch
Clara Mavellia, Korrespondentin der
„Vogue Italia“. Zum dritten Mal. Sie kam
erstmals, um Faltin zu interviewen. Jetzt
hat sie selbst eine Geschäftsidee. Sagt
feurig italienisch: „Ist er nicht toll?“ Für
sie ist das keine Frage.

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