Diverses Firmenchefs müssen umdenken

Lebens- und Rentenversicherung sind Klassiker der privaten Vorsorge für Unternehmer. Doch die Assekuranz hat mittlerweile Probleme, auf attraktive Renditen zu kommen. Viele Chefs müssen deshalb ihre Absicherung fürs Alter überdenken.

Christoph Zschocke schwante nichts
Gutes, als er Ende vergangenen Jahres
die Nummer seines Steuerberaters
im Telefondisplay erkannte – seine
ganz persönliche Hiobsbotschaft mitten
in der Finanzmarktkrise. „Wir müssen
über ihre Lebensversicherung reden“,
eröffnete
der Berater das Gespräch mit
dem Berliner Unternehmer. „Das Geld
wird nicht reichen.“

Gerade hatten deutsche Lebensversicherer
verkündet, dass die Renditen wieder
nur knapp oberhalb von vier Prozent
liegen würden. Für den 46-jährigen
Zschocke, dessen Firma Ökotec Windenergieparks
plant und Industriebetriebe
energieeffizienter macht, ist das ein
ernstes Problem: 2002 hat er ein Mietshaus
gekauft und den Kredit mit einer
Lebenspolice
gesichert. 2035 sollte sie
eigentlich
rund eine Million Euro abwerfen,
denn damals ging die Assekuranz
noch von sechs bis 6,5 Prozent Rendite
pro Jahr aus. „Doch bei den jetzigen, mageren
Überschüssen“, seufzt Zschocke,
„geht diese Rechnung nicht mehr auf.“

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Stabiler Steuervorteil

12/60-Privileg Bei Altverträgen (vor
2005) sind Erträge steuerfrei, sonst gilt:
Wer zwölf Jahre eingezahlt hat und älter
als 60 Jahre ist, versteuert nur die Hälfte
der Erträge – per Einkommensteuersatz.

Bonus bei Leibrente Wer eine lebenslange
Rente bezieht, zahlt zwischen
22 und 18 Prozent Steuern auf die Erträge.
Dieser „fiktive Ertragsanteil“ richtet
sich nach dem Alter bei Rentenbeginn.

Malus bei Verkauf Wer seine Police verkauft,
zahlt auf seine Rendite in jedem
Fall die Abgeltungsteuer. Früher war nur
eine Kündigung innerhalb der ersten
zwölf Jahre steuerpflichtig.

Um 4,3 Prozent vermehren deutsche
Versicherer die Gelder ihrer Kunden derzeit
im Schnitt. Im Vergleich zum Fiasko
bei Aktienfonds, die teilweise fast die
Hälfte der Anlegergelder verzockt haben,
mag so eine Rendite ansehnlich erscheinen.
Doch die Überschüsse der Lebensversicherungen
sinken nicht nur wegen
der Krise. Vielmehr gibt das allgemeine
Zinsniveau nun schon seit fast 15 Jahren
immer weiter nach. Und Versicherer können
auf Dauer einfach nicht mehr bieten
als die Rendite, die sie mit Staatsanleihen
und Pfandbriefen erwirtschaften.

Es besteht Handlungsbedarf: Ältere
Unternehmer, die zur Altersvorsorge
meist auf Kapitallebensversicherungen
oder Rentenpolicen gesetzt haben, müssen
umsteuern. Und jüngere Firmenchefs
sollten überlegen, ob diese Policen für sie
überhaupt als finanzielle Vorsorge taugen.
Und ob sie bereit sind, für mehr Rendite
mehr Risiko in Kauf zu nehmen. Für alle
stellt sich dabei die Frage: Welcher Anbieter
ist der richtige? Die Antwort liefert der
exklusive Vergleich des Versicherungsanalysten
Morgen & Morgen.

Die Rechnung für die Älteren ist jedenfalls
ernüchternd: Wer bereits einen Vertrag
abgeschlossen hat, der noch 15 Jahre
läuft, bekommt nach Schätzungen von
Experten am Ende wahrscheinlich bis zu
28 Prozent weniger Geld ausgezahlt als
einst prognostiziert. Bei 30 Jahren Restlaufzeit
soll die Einbuße bei bis zu 47
Prozent liegen.

Thomas Ouarab, Mittelstandsexperte
der Pensionsberatung Longial in Düsseldorf,
warnt deshalb: „Wer sich auf die
Lebensversicherung
verlassen hat, muss
seine Altersvorsorge jetzt neu strukturieren.“
Um im Alter den Lebensstandard zu
halten, sind manchmal 2000 oder 3000
Euro zusätzliche Beiträge pro Monat
nötig. „Geld, das viele Unternehmer gar
nicht haben.“ Aber auch schon kleinere
Summen verringern die Lücke im Alter.
Auch der Berliner Windanlagenbauer
Christoph Zschocke überlegt notgedrungen,
die Monatsbeiträge zu erhöhen. „Ich
werde nachschießen müssen.“

So schnell dürfte sich an der Misere
auch nichts ändern. Der Bund der Versicherten
prognostiziert weiter sinkende
Überschussbeteiligungen und warnt sogar, dass einige Versicherer bald wohl
nur noch den gesetzlichen Garantiezins
schaffen. Die Branche zehrt nämlich von
der Substanz: 2008 haben Assekuranzen
mit dem Geld ihrer Kunden am Kapitalmarkt
im Schnitt 3,62 Prozent erwirtschaftet
– deutlich weniger als die 4,3
Prozent, die sie ausschütten. Das geht
nur, weil sie Reserven anzapfen, Abschreibungen
auf Aktien und Anleihen
hinausschieben, die Verwaltungskosten
senken. Eine Strategie, die auf Dauer
nicht funktionieren kann.

Renditen nur noch gegen Risiko

Auf dem ziellos schwankenden Aktienmarkt
ist nichts zu holen, Staatsanleihen
bringen keine nennenswerte Rendite.
Deshalb setzen die Versicherer immer
stärker auf Unternehmensanleihen. Ein
riskantes Spiel, denn die Schuldscheine
bieten derzeit zwar vergleichsweise hohe
Zinsen, Experten rechnen aber auch
mit einer steigenden Zahl an Firmenpleiten.
Dann fallen die Papiere aus, die Rendite
der Versicherer schrumpft weiter.

Die Assekuranz, die sich gern als Fels
in der Brandung sieht, wackelt: Ein
„Stresstest“ des Deutschen Finanz-Service-
Instituts hat im Mai gezeigt, dass
von 98 deutschen Versicherern nur 42
bei einem extremen Börsencrash mit
dem angelegten Kapital die Ansprüche
der Versicherten decken könnten.

Aktien
und Anleihen im Bestand der Unternehmen
sind mitunter nicht mehr dasselbe
wert wie bei ihrem Kauf. Sind die Kurse
höher, heißt das „stille Reserve“, ist der
Markt aber im Keller, entstehen „stille
Lasten“. Bisher liegen die Zahlen nur für
2007 flächendeckend vor. Experten befürchten
aber, dass die 2008er-Daten
noch schlechter ausfallen. Da werden Erinnerungen
an die Beinahepleite der USVersicherung
AIG wach, die bis zum Hals
in toxischen Derivaten steckte und im
Februar
nur mit Staatshilfe überlebte.

In
Deutschland denkt man an den Fall
Mannheimer: Mitte 2003 war die Versicherung
pleitegegangen, weil sich ihre
Vermögensverwalter an der Börse verspekuliert
hatten – die erste Insolvenz
eines
deutschen Versicherers seit 50 Jahren.
Damals sprang die Auffanggesellschaft
Protektor ein, eine Art Einlagensicherungsfonds. Die Frage ist: Was hält
Protektor aus? „Kleinere oder mittlere
Versicherer dürften zu verkraften sein“,
glaubt Martin Zsohar, Experte des Versicherungsanalysten
Morgen & Morgen.

„Ein Schwergewicht könnte Protektor
kaum ohne Weiteres auffangen.“ Mit einer
großen
Pleite rechnet derzeit jedoch
niemand.
Versicherte, verspricht Zsohar,
können sich an den Ratings von Morgen
& Morgen orientieren: Die Anbieter
in den für impulse erstellten Tabellen
zählen zur Topgruppe.

Katrin Fiebig hat keine Angst, dass ihr
Lebensversicherer
ausfallen könnte. Über
die Rendite auf die Beiträge, die sie laut
Plan noch bis 2045 zahlt, macht sich die
junge Chefin eines Sicherheitstechnikunternehmens
in Schwedt an der Oder
aber auch keine Illusionen. „Meinen
Lebensstandard
werde ich damit wohl
nicht sichern können“, sagt sie. Für die
28-Jährige, die auch in einen Bausparvertrag
und eine Betriebspension einzahlt,
bildet die Lebensversicherung nur
noch eine Basis für die Altersvorsorge.
Von der gesetzlichen Rente hat sich die
Geschäftsführerin befreien lassen. „Das
bringt ja noch weniger.“

Die Unternehmerin verfolgt eine clevere
Strategie: Denn Lebensversicherungen
können sich für Firmenchefs lohnen,
wenn sie die Verträge mit Fondssparplänen
und Instrumenten der betrieblichen
Altersvorsorge kombinieren, etwa indem
sie Teile ihres Geschäftsführergehalts
steuergünstig in einen Pensionsfonds einzahlen
– wie Katrin Fiebig. Für jüngere
Chefs sind vor allem Leibrenten interessant,
weil sie steuerlich günstig sind.
Und: „Der Vorteil dieser Policen ist, dass
sie bis zum Tod zahlen“, erklärt Vermögensberater
Guido Bauer aus Münster. Heute
30-Jährige sollten sich klarmachen, dass
die statistische Lebenserwartung
in den
nächsten Jahrzehnten auf die 90 zugeht.
Versicherungsmathematiker würden sagen:
Das Langlebigkeitsrisiko
steigt.

Wer vom Selbstgesparten leben will, kommt meist nicht weit

Eine private Rentenversicherung, die
im Pensionsalter garantiert lebenslang
zahlt, kann sich da durchaus sehen lassen.
Wer vom Selbstgesparten leben will,
kommt nämlich unter Umständen nicht
weit: Eine Million Euro reichen gerade
mal zwölf Jahre, wenn Unternehmer
jährlich 100 000 Euro verbrauchen und
im Schnitt vier Prozent Nettorendite für
den Rest bekommen.

Mancher Chef allerdings geht angesichts
der momentanen Lage als Anleger
ganz radikal vor. So wie der 41-jährige
Softwareunternehmer Jürgen Lange aus
Frankfurt am Main. Der Chef der Convotis
AG besaß drei Lebensversicherungen.
Jetzt hat er eine Police gekündigt und die
anderen beiden bis auf Weiteres beitragsfrei
gestellt: „Ich überlege mir derzeit, ob
und wann ich wieder einzahle“, sagt
Lange.
„In den nächsten fünf Jahren eher
nicht.“ Das Geld, das bis dato in die
Policen
floss, steckt Lange in Aktienfonds,
„die sind derzeit so unschlagbar günstig“,
rechnet der Firmenchef vor. Risiko gehört
zum Unternehmerdasein.

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