Diverses „Fotos kann man nicht dementieren“

Zwanzig Jahre lang machte der Berliner Fotograf Klaus Mehner vor allem für den "Spiegel" Aufnahmen in der DDR, bis 1989 die Mauer fiel. Für impulse hat er jetzt einige Motive aus dem Wendejahr neu fotografiert. Ein Interview über Propaganda, Schikanen und das ewige Katz-und-Mausspiel mit den Behörden.

Nina Hagen sang in den 70er-Jahren „Du hast den Farbfilm vergessen, Micha“. Erlebten Sie als Fotograf die DDR grau in grau?

Die DDR war nicht grau, sie war braun. Es gab unter uns eine Begrüßungsfloskel: „Gott, siehst Du wieder schön braun aus!“ Die lapidare Entgegnung: „Kein Wunder, bei der vielen Braunkohle.“

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Sie waren schon Ende der 60er-Jahre als Fotograf im Osten Deutschlands unterwegs. Was hat Sie an der DDR interessiert?

In der Bundesrepublik wurden damals, in der Post-Adenauer-Ära, die Notstandsgesetze erlassen. In manchen Zirkeln kursierte die Auffassung, die DDR sei der bessere deutsche Staat. Ich interessierte mich für die optischen Unterschiede.

Was fiel Ihnen besonders auf?

Die vielen freien Flächen und breiten Straßen, eine militarisierte Gesellschaft, der Lysol-Geruch in öffentlichen Gebäuden und Verkehrsmitteln. Und etwas ganz Banales: In Ost-Berlin gab es die kürzesten Mini-Röcke. Mini von der Stange gab’s nicht, die musste die Trägerin selbst schneidern. Ich fotografierte, was mir vor die Linse kam: Menschen, Ministerien und historische Gebäude, respektive das, was nach dem Krieg davon übriggeblieben war.

Konnten Sie sich frei bewegen und fotografieren, was Sie wollten?

Ich gab mich blauäugig, sonst hätte ich eine Genehmigung gebraucht. Doch bald gab es den ersten Konflikt mit dem Presseamt, das später Amt Abteilung Journalistische Beziehungen hieß und im Außenministerium residierte. Man hielt mir illegales Arbeiten vor. “Moment mal“, argumentierte ich, „diese Fotos kann jeder Tourist machen.“ Dass man sogar für Straßenszenen eine Genehmigung brauchte, fand ich weltfremd.

Wie waren Ihre Erfahrungen mit der Zensur?

Nach dem Grundlagenvertrag nebst Journalistenaustausch schrieb die DDR in den Durchführungsbestimmungen fest, was ging: wenig. Die Verordnung wurde mehrfach verschärft. Ich wurde schikaniert, die Arbeit wurde mir durch eingeschränkte Visumsvergabe unmöglich gemacht. Ich wandte mich an das Kanzleramt, und die Ständige Vertretung intervenierte. Der Telexverkehr war immens: Anträge stellen, ewig nachfragen und auf rare Genehmigungen warten.

Wurden Sie überwacht?

Und ob. Schnell hatte man einen sicheren Blick dafür, wie viele Fahrzeuge oder Mitarbeiter der operativen Abteilung des Ministeriums für Staatssicherheit hinter einem her waren. „Uli“, sagte ich dann zu meinem Kollegen, „heute sind es drei Ladas“. Wir fuhren die schnelleren Autos und hängten sie ab. Doch die flächendeckende Überwachung funktionierte, sie fanden uns wieder. Es war ein ewiges Katz- und Mausspiel.

Sie waren aber Fotograf – und kein Westspion.

Militärische Einrichtungen und Sperrgebiete – davon gab es jede Menge – waren tabu. Daran hielt ich mich. Zwar sprachen die DDR-Medien schnell von „Agenten des BND“, etwa als 1978 „Spiegel“-Redakteure zum zweiten Mal rausgeworfen wurden. Obwohl ich bei dem Blatt nicht angestellt war, geriet ich in Sippenhaft und durfte mir fortan die Republik von außen ansehen.

Welchen Stellenwert hatten Fotos damals beim „Spiegel“?

Fotos waren nach Auffassung der damaligen Chefredaktion nur Beiwerk. Im Unterschied zum „Stern“ hielt das Blatt einen Fotografen im Ostberliner Büro für überflüssig. Aus meiner Sicht war das ein großer Fehler: Fotos kann man nicht dementieren, wohl aber Nachrichten. Die DDR dementierte nachgerade ritualisiert jede nicht ins Konzept passende Meldung.

Sie arbeiteten als akkreditierter Fotojournalist?

Mit meinem westdeutschen Reisepass brauchte ich keinen Passierschein, um nach Ost-Berlin einzureisen, wohl aber, um in andere Teile der DDR zu gelangen. Als Reisekorrespondent musste ich jedes Mal ein neues Arbeitsvisum beantragen. Auf diese Weise hatte die Abteilung Journalistische Beziehungen den Daumen darauf. Als der „Spiegel“ in den 70er-Jahren über Zwangsadoptionen in der DDR berichtete, wurden die Korrespondenten ausgewiesen. Auch ich durfte nicht mehr über die Grenze. Gut ein Jahr nach dem Rausschmiss konnte der „Spiegel“ den Redaktionsbetrieb wieder aufnehmen, mit Ulrich Schwarz als Korrespondenten und mir als Reisekorrespondenten.

Wie muss man sich die journalistische Alltagspraxis von damals vorstellen?

Ein Beispiel veranschaulicht die Usancen. Der „Spiegel“ hatte den Antrag gestellt, eine Reportage über landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften, LPGs, zu schreiben. Nach langem Hin und Her wurde dies genehmigt. Im tiefsten Winter reisten wir quer durch das Land und besuchten die genehmigten Betriebe. Doch summa summarum warf die mehrtägige Reise nur ein einziges verwertbares Foto ab: industrielle Schweinehaltung. Die Story ließ sich nicht bebildern und erschien nie.

Wie haben Sie die DDR-Propaganda erlebt?

Tatsächlich entschied nicht die Abteilung Journalistische Beziehungen, sondern die Abteilung Agitation und Propaganda im SED-Politbüro über die Anträge. Die SED versuchte über das Genehmigungsverfahren, die Berichterstattung in ihrem Sinne zu gewichten. Die Darstellung der DDR als schönes Reiseland rangierte bei den Propagandisten ganz oben. Ein Antrag, über Arbeitsbedingungen berichten zu dürfen, hatte keine Chance. Deshalb war Kreativität gefragt. Wenn westliche Bundesminister, Ministerpräsidenten oder Parteivorsitzende die DDR besuchten, hängte man sich an den Gast, immer mit dem Hintergedanken: Bei einem Staatsbesuch wird sich die DDR kaum trauen, Reporter auszuschließen.

Und das funktionierte?

Die durchschauten das natürlich, aber die Diplomatie war wichtiger. Nach einem Gesprächstermin bei Honecker oder einem Mitglied des Politbüros umfasste das Programm in der Regel den Besuch eines Vorzeigebetriebs nebst Kultursightseeing in Weimar oder Dresden. Man reiste im Tross des Gastes durch die Republik und kam dabei auch in ein Werk hinein. Der Führungsoffizier von der Abteilung Journalistische Beziehungen, der die Gruppen begleitete, fischte mich aus jenen Teilen der Werkhallen, die der Staatsgast nicht zu Gesicht bekam. Dort stellte ich mich mit „Guten Tag, ich bin der Klassenfeind“ vor und erfuhr nach dem Gelächter, dass sie zuvor tagelang den Betrieb geputzt und Wände gestrichen hatten. So kam ich auch 1989, im Tross des Forschungsministers Heinz Riesenhuber, in das Werkzeugmaschinenkombinat Fritz Heckert hinein.

War es Ende der 80er-Jahre einfacher, Fotos in der DDR zu machen?

Von Anfang 1987 an bot das Internationale Pressezentrum, das dem Außenministerium unterstand, Exkursionen in Betriebe an, die Devisen erwirtschafteten, etwa das Flachglaskombinat Torgau. Oder zu Vorzeigeobjekten wie der strategisch wichtigen Eisenbahnfährlinie von Mukran nach Klaipeda, die den unsicheren Kantonisten Polen umging. Auch das ehrgeizige, im Fünfjahresplan ausgerufene Wohnungsbauprogramm stand auf der Liste. Eine Exkursion in das Plattenwerk Gera folgte einem simplen Kalkül: Die Ostdeutschen misstrauten der DDR-Propaganda. Eine durch die Westmedien ins Land zurückschwappende Berichterstattung würde die verheißene Planerfüllung bei der Bevölkerung glaubwürdig machen.

Bei Ihren Leipziger Stadtansichten aus dem Jahr 1989 ist von propagandistischer Inszenierung nichts mehr zu spüren. Die Bilder zeigen schonungslos leere Schaufenster, zerbrochene Scheiben, den baulichen Verfall. Auf den Fotos glich Leipzig einer Geisterstadt.

In der Republik rumorte es an allen Ecken und Enden, sogar Funktionäre riskierten hinter vorgehaltener Hand Kritik. Im Lande kursierte der Slogan „Ruinen schaffen ohne Waffen“, und die Leute wollten nur noch weg. Diese Stimmung war nicht zu illustrieren, also mussten Fotos den Grund für die miese Lage zeigen. Nach DDR-Lesart war das natürlich illegal, aber zweimal jährlich war in Leipzig Messe. Man beantragte, den Rundgang von Partei- und Staatsführung fotografieren zu dürfen, und ging anschließend auf Motivsuche. Angesichts der allgemeinen Untergangsstimmung reagierten die Genossen milde bis gar nicht.

Jetzt haben Sie 20 Jahre nach dem Mauerfall für impulse noch einmal Motive fotografiert, die Sie schon 1989 aufgenommen hatten, unter anderem das ehemalige Kombinat Fritz Heckert in Chemnitz. Wie war ihr Eindruck?

Die Genehmigung war problemlos nebst freundlicher Pressebegleitung, die darauf achtete, dass kein Know-how der Firma auf den Fotos preisgegeben wird. Einige Motive schieden damit aus. Aber das ist heutzutage Usus. Kein Unternehmen lässt sich gerne in die Karten schauen. Zwei Werkhallen des ehemaligen Kombinats sind zurzeit geschlossen, man arbeitet kurz – in der Krise.

Wie haben Sie, als Sie jetzt wieder Fotos machten, den visuellen Wandel von 1989 bis 2009 erlebt?

Als ich in Gera das Stativ aufbaute, kam ein Passant hinzu und meinte: „Was fotografieren sie denn? Das ist eine sterbende Stadt. Die Leute ziehen weg.“ Schon bei der Einfahrt in die Stadt fallen zuerst die vielen leerstehenden, teils zugemauerten Häuser auf. In der Peripherie hingegen gibt es Automeilen und Einkaufszentren. Es muss noch viel geschehen, damit blühende Stadtteile entstehen.

Biografie Klaus Mehner:
1941 in Berlin geboren; aufgewachsen in West-Berlin; fünf Jahre freiwillig Soldat; Volontariat als Fotojournalist bei der Agentur Keystone in Köln; seit 1967 selbstständiger Fotograf in Westberlin. Mehner fotografierte 1973 bis 1989 im Auftrag des „Spiegel“ in der DDR. Die Stasi führte über ihn einer Akte unter dem Decknamen „Wurm“.

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