Diverses Frisches Kapital durch Mikrofinanzierer

Von Banken gibt es derzeit kaum Geld, klagen Unternehmer. Jetzt will die Bundesregierung mit einem Milliardenprogramm dagegen angehen. Benötigen Firmen nur kleine Beträge, gibt es jedoch auch ein anderes Mittel als die Hausbank: Mikrofinanzierer.

Fotos? Besser draußen. Dieses Büro
taugt einfach nicht als Kulisse: gut
40 Quadratmeter, in der Mitte ein
Tisch mit drei Computern, eine Wand mit
Metallspinden, übersät mit Aufklebern,
gegenüber ein Tresen, Kartons, ein paar
Stühle unter grellem Neonlicht.

In diesem wenig repräsentablen Ambiente
betreiben Maria Naber, 28, und
Bernd Closmann, 31, gleich zwei Firmen.
Ihre Werbeagentur BAM Industries, gegründet
2006, und seit Anfang dieses
Jahres auch Foretitude, eine Marke für
Golfkleidung der eher schrillen Sorte.

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Für den Start beider Unternehmen benötigten
sie, klar, Geld. Doch bei ihren
Hausbanken blitzten die Gründer ab.
„Werbung und Klamotten. Das geht gar
nicht für Banker“, fasst Naber ihre Erfahrungen
mit Geldhäusern zusammen. Im
Internet fand Closmann die Alternative: die Gesellschaft für Unternehmensberatung
und Mikrofinanzierung, kurz GUM,
in München. Dort hörte man den examinierten
Werbern zu und stellte ihnen
2006 ein Darlehen für den Start von BAM
Industries in Aussicht. Sie mussten allerdings
eine makellose Schufa-Auskunft
und ein Erfolg versprechendes Konzept
mit Liquiditäts- und
Rentabilitätsplanung
für drei Jahre vorlegen.

Kein Problem für
Closmann und Naber.
Letzter Satz ihres Businessplans:
„Wir sind jung
und brauchen das Geld.“
Zwei Wochen später waren
15.000 Euro auf dem
Konto. Das reichte für die
karge, wenig fotogene Büroausstattung
und „für eine richtig gute Eröffnungsparty“,
sagt Naber. BAM ist heute profitabel,
der Kredit bereits zurückgezahlt.
Das Kapital für ihre zweite Firma Foretitude,
ebenfalls 15.000 Euro, gab auch
GUM, „unbürokratisch und schnell“, erinnert
sich Naber.

Minidarlehen lohnen sich nicht für Institute

Gründungskapital, Geld für eine Auftragsfinanzierung
oder eine kurzfristige
Liquiditätshilfe ist von Banken in der Krise
schwer zu bekommen. Und wenn nur
ein paar Tausend Euro benötigt werden,
ist das Nein der Geldhäuser – egal ob
Deutsche Bank, Sparkasse oder Volksbank
– eher die Regel als die Ausnahme.
Der Grund: Die Bearbeitung eines
Kreditantrags
kostet eine Bank schnell mehr als
1000 Euro. Minidarlehen lohnen sich
nicht für die Institute.

Beratungshäuser wie die Münchner
GUM schließen diese Lücke. Das sind keine
Kredithaie, die in der Zeitung mit
Kleinanzeigen ihre Opfer in die Schuldenfalle
locken. Nein, es geht um sogenannte
Mikrofinanzierer, die oft mit
öffentlichen
Stellen kooperieren. Aktuell
sind 13 dieser Kleinkreditvermittler vom
Deutschen Mikrofinanz Institut (DMI)
akkreditiert, das heißt geprüft und für
seriös
befunden.

Einheitszins zehn Prozent

Die Berater vermitteln Darlehen bis
10.000 Euro pro Person, Einheitszins:
zehn Prozent, Laufzeit: bis zu zwei Jahre.
Das Geld kommt aus einem Fonds,
der von den Bundesministerien für Wirtschaft
und Arbeit sowie von der KfW Bankengruppe
mit 3,1 Millionen Euro ausgestattet
wurde. Die Verwaltung des Fonds
und die Abwicklung der Kredite übernimmt
die GLS Bank in Bochum.

Seit der Gründung des DMI im Herbst
2004 wurden mehr als 400 Darlehen mit
einer Gesamtsumme von rund drei Millionen
Euro ausgereicht – an Friseure und
Kneipiers genauso wie an Onlinehändler
oder Kfz-Meister. Und die Nachfrage
steigt rasant. Bis Ende Juni hatten die
DMI-Berater bereits mehr Kreditanträge
bearbeitet als im gesamten Jahr 2008.
Die Idee der Mikrokredite geht zurück
auf Mohammad Yunus. Der Ökonom aus Bangladesch gründete in den 70er-
Jahren die Grameen Bank, die seither
Kleinstkredite zur Existenzgründung vergibt.
Nach dem Prinzip Hilfe zur Selbsthilfe
bekämpft Yunus auf diese Art die
Armut in seinem Heimatland.

Markus Weidner, der Geschäftsführer
des DMI, will die Idee auf das Industrieland
Deutschland übertragen. Dreitagebart,
schulterlanges Haar – nur der Sportwagen
von MG, den er fährt, deutet auf
den Ex-Banker in Weidner hin. „Über die
ersten Kreditanträge haben wir noch
ganz nüchtern, allein auf Grundlage der
betriebswirtschaftlichen Daten entschieden.
So wie das jede Bank macht“, erinnert
er sich. Das Resultat: Kaum ein Antrag
wurde bewilligt. „Nach einiger Zeit
hatten wir dann begriffen, dass der
Kreditnehmer
selbst viel wichtiger ist als
das bloße Geschäftsmodell.“ Das Credo
der Mikrofinanzierer lautet seither: „Banken
finanzieren Geschäftskonzepte. Wir
finanzieren Menschen.“

Retter in der Not

Dann erscheint so manche Geldverleihung
als gar kein so großes Risiko mehr.
Etwa im Fall von Stefan Krüger aus dem
ostfriesischen Friedeburg. Seit 2003
verkauft
der 44-Jährige Naturheil- und
Nahrungsergänzungsmittel in seinem
Onlineshop Vanverde.com. Gut 20.000
Kunden sollen regelmäßig bei ihm bestellen
und für einen Jahresumsatz von
400.000 Euro sorgen.

Kurz vor Weihnachten im vergangenen
Jahr aber hatte Krüger ein massives
Problem. Seine Kasse war leer, doch er
musste gegen Vorkasse Ware ordern, um
die anziehende Nachfrage bedienen zu
können. 15.000 Euro brauchte der Händler,
um sein Geschäft in Gang zu halten.

Seine Hausbank wollte ihm nichts geben.
Der wahrscheinliche Grund: Krüger
ist seit Jahren in juristische Scharmützel
mit einem Konkurrenten verwickelt, die
Existenz der Firma mit vier Angestellten
ist bedroht. Krüger werden Verstöße gegen
das Wettbewerbsrecht vorgeworfen;
eine endgültige Klärung seiner Causa
steht noch aus.

Durch einen Fernsehbericht erfuhr er
von Artel, einem Mikrofinanzierer aus
Hannover. Die Geschäftsführer von Artel,
Eugen Murdasow und Mila Gepfner, waren
nach einem langen Gespräch mit
Krüger sicher, dass der Unternehmer diese
Krise überstehen wird. Binnen zwei
Wochen bekam Krüger einen Kredit. So
konnte er weiter Ware bestellen und seine
Kunden pünktlich beliefern.

Obwohl vom Antrag bis zur Auszahlung
meist nur etwa zwei Wochen vergehen,
fällen die Mikrofinanzierer ihre
Entscheidungen offenkundig nicht vorschnell.
Denn nur knapp sechs Prozent
der bisher ausgegebenen Kredite wurden
nicht pünktlich oder gar nicht bezahlt.
Der Erfolg hat Gründe: Die Kreditberater
vertrauen ihrer Klientel nicht blind. Kontroll-
und Disziplinierungsmechanismen
sorgen für eine meist reibungslose Abwicklung.

Zum einen muss die Hälfte der
Leihsumme von Bürgen besichert sein.
Für bis zu 3000 Euro kann eine Person
geradestehen. „Das sorgt für Druck auf
die Schuldner. Niemand möchte vor Geschwistern,
Eltern oder Freunden sein Gesicht verlieren“, so DMI-Chef Weidner.
Zum anderen erhalten die Kreditnehmer
zu jeder Monatsmitte
einen Anruf, ob die
nächste Tilgungsrate wirklich kommt.
Und die Mikrofinanzierer wollen monatlich
schriftlich Informationen über die
geschäftliche Situation.

Beratung und laufende Betreuung ziehen
mittlerweile sogar Unternehmer an,
die noch nicht von der Bank abgewiesen
wurden. Peter Spies etwa ging zu Artel,
ohne zuvor bei einem Kreditinstitut
vorstellig
geworden zu sein. „Vermutlich
hätte ich auch bei der Bank Geld bekommen“,
sagt er, „aber mir sagte das schnelle,
unkomplizierte Vorgehen der Mikrofinanzierer
zu.“

Spies ist Chef von Infoways TV, einer
Videoproduktionsfirma
aus Hamburg,
die er 1995 gegründet hat. Bisher bediente
er vor allem Marketingabteilungen von
Energie- und Medizintechnikunternehmen.
Vergangenes Jahr hatte er eine
Idee, wie er auch Autohändler als Kunden
gewinnen kann: mit einer DVD, die
einen Fahrzeugtyp präsentiert und das
Autohaus als Partner vorstellt. Name des
Produkts: Autopilot. Nach mehreren Monaten
der Marktsondierung und Arbeit
am Konzept wandte Spies sich an Artel.
Für die Herstellung der ersten DVDs bekam
er 10.000 Euro. Gut investiertes
Geld, wie es scheint. An mehr als 40 Autohäuser
hat Spies mit seiner sieben
Mann starken Vertriebstruppe die Filme
zur Absatzförderung bereits verkauft.

Auf den Erfolg der Kunden angewiesen

Auf den Erfolg ihrer Kunden sind die
Mikrofinanzierer angewiesen. Denn sie
haften für 20 Prozent ihres vermittelten
Kreditvolumens selbst. Für den Rest steht
der Mikrofinanzfonds gerade. Das verhindert
zwar, dass die Berater wahllos
Geld verteilen. Doch gleichzeitig schränkt
es die Mikrofinanzierer ein. Schließlich
müssen sie für ein Fünftel jedes neu vergebenen
Kredits Risikokapital stellen.
Das gibt mal eine öffentliche Einrichtung,
mal eine Sparkasse. Oft aber sind
es Eigenmittel. „Das bremst unsere Entwicklung“,
sagt Weidner.

Drei Tage in der Woche ist der DMIChef
im Schnitt unterwegs, um mit Politikern,
Bankern und Mikrofinanzierern
über weitere Verbesserungen im System
zu sprechen. Angetrieben von einem ehrgeizigen
Wunsch: „Schon bald“, sagt er,
„wollen wir 3000 Mikrokredite pro Jahr
vergeben.“

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