Diverses Für wen wechseln lohnt

Der in Kraft getretene Gesundheitsfonds krempelt die Krankenabsicherung kräftig um. Unternehmer sollten ihren Schutz jetzt gründlich überprüfen - und im Zweifel den Versicherer wechseln.

„Der Zeitpunkt ist irgendwann gekommen, da hört man auf, sorglos mit seiner Gesundheit umzugehen“, sinniert Christopher Sottorf. Deshalb ist der Hamburger Verleger, der in Berlin mit einem Partner die Firma Huffmann Business Publikationen betreibt, umgestiegen. Raus aus einer gesetzlichen Betriebskrankenkasse, rein in eine private Krankenversicherung (PKV). Nach Jahren der Hochbelastung wollte er besser auf seinen Körper achten. „Ich hatte es aber satt, ständig von Ärzten darauf hingewiesen zu werden, dass diese oder jene Leistung nicht von der Kasse ge­tragen wird“, erzählt der 53-jährige Unternehmer.

Den Krankenversicherungsschutz zu wechseln ist eine der wichtigeren Entscheidungen im Leben. Die Bedingungen, die Unternehmer zu einem solchen Schritt veranlassen, hat die Gesundheitsreform, die seit Jahresanfang in Kraft ist, stark verändert. Für viele gesetzlich Versicherte wird der Wechsel in die PKV nun interessanter. Gleichzeitig ist es für bereits privat Versicherte erstmals möglich, den Anbieter zu wechseln und zumindest Teile der Altersrückstellungen mitzunehmen. „Viele Unternehmer können kräftig sparen und zudem bessere Leistungen erhalten, vorausgesetzt sie sind jung, gesund und ledig.

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Alle anderen müssen genau rechnen, ob sich ein Wechsel lohnt“, rät Gerd Güssler vom Marktbeobachter KV-Pro aus Freiburg. Um Unternehmern die Orientierung zu erleichtern, hat impulse unterschiedliche Varianten verglichen und zeigt, wer seinen Krankenversicherungsschutz wie verbessern kann.

Beiträge steigen

Die neuen Regeln resultieren aus einer der größten Reformen der Kranken­versicherung in Deutschland . Erstmals hat jeder ein Recht auf eine Absicherung. Selbst derzeit nicht Versicherte dürfen zurück in den Gesundheitsschutz. Für Unternehmer, die freiwillig in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) sind, steigen die Beiträge deutlich. Betroffen sind hiervon laut Bundesgesundheitsministerium rund 1,5 Millionen Kassenpa­tienten. Für sie und alle anderen gesetzlich Versicherten gilt künftig ein Einheitsbeitrag.

Die Gelder fließen in den neuen Gesundheitsfonds, der die Beiträge dann auf die einzelnen Krankenkassen verteilt. Hat eine Kasse mehr Kranke als andere, erhält sie auch mehr aus dem Fonds. Kommen die Häuser mit dem Geld nicht aus, dürfen sie von ihren Versicherten einen Zuschlag von bis zu einem Prozent des beitragspflichtigen Einkommens verlangen.

Für jeden Selbständigen, der Pflichtmitglied der GKV ist, gilt statt 15,5 Prozent ein ermäßigter Satz von 14,9 Prozent. „Dafür entfällt aber der Krankengeldanspruch ab dem 43. Tag der Arbeitsunfähigkeit“, erläutert Michael Schmitz von der Techniker Krankenkasse. „Wir werden das Gesetz rückwirkend aber noch einmal ändern und allen Selbständigen, die bisher schon einen Krankengeldanspruch hatten, die Möglichkeit geben, diesen Schutz zu erhalten, wenn sie den allgemeinenen Beitragssatz von derzeit 15,5 Prozent zahlen“, sagt Klaus Vater, Sprecher des Bun­desgesundheitsministeriums.

Alternativ können Selbständige auch einen Wahltarif abschließen, der früher Krankengeld zahlt. Damit ist man jedoch drei Jahre an die Kasse gebunden. „Wer einen Wechsel zur privaten Krankenversicherung überlegt, sollte das Tagegeld privat absichern“, empfiehlt Stefan Albers, Präsident des Bundesverbands der Versicherungs­berater.

Bereits vor dem 1. Januar 2009 privat Versicherte, die erstmals ihre Krankenpolice wechseln und gleichzeitig zumindest einen Teil ihrer Altersrückstellungen mitnehmen dürfen, haben jedoch nicht viel Zeit. Der Gesetzgeber hat ein Fenster bis zum 30. Juni 2009 geöffnet. Haken: Unternehmer müssen zunächst in den sogenannten Basistarif, der Leistungen auf dem Niveau der gesetzlichen Kassen bietet.

Erst später dürfen sie einen Tarif mit mehr Komfort wählen. „Damit will die Branche ein Weglaufen junger und gesunder Kunden auf Kosten der Alten und Kranken verhindern“, erläutert Thomas Adolph von der Unternehmensberatung AFW aus Frankfurt am Main. Neukunden, mit Verträgen ab dem 1. Januar 2009, können hingegen einen Teil ihrer Altersrückstellungen immer mitnehmen. Doch diese kleine Freiheit gibt es nicht frei Haus. „Die Assekuranzen haben ihre Beiträge um bis zu 15 Prozent angehoben“, schätzt Güssler.

Stetig steigende Prämien sind ein wichtiger Aspekt, den Unternehmer, die von der gesetzlichen in die private Krankenversicherung wechseln wollen, berücksichtigen sollten. Vor allem Jüngere locken die anfangs günstigen Beiträge. Das lohnt oft. „Ich zahle pro Monat nur 280 Euro“, freut sich Jens-Uwe Seyfarth, 38, aus Wennigsen bei Hannover. Der Architekt, der gerade in die Selbständigkeit eingestiegen ist, hat bei der Central einen Vollschutz abgeschlossen.

Dass für viele die Prämien günstiger sind, liegt vor allem daran, dass die private Versicherung die Beiträge nach Alter, Geschlecht und Gesundheit der Versicherten zum Zeitpunkt des Vertragsschlusses kalkuliert. Ältere bezahlen mehr als Jüngere. Auch für Frauen ist der Beitrag höher, da die Geburt von Kindern mitversichert ist.

Verleger Sottorf muss deshalb seinem Alter entsprechend deutlich tiefer in die Tasche greifen. Er zahlt pro Monat rund 500 Euro. Besonders teuer wird es, wenn der potenzielle Kunde bei Abschluss einer Privatpolice schon krank ist. Wer beispielsweise hohen Blutdruck hat oder an einem Bandscheibenschaden laboriert, muss mit deutlichen Beitragszuschlägen oder sogar Leistungseinschränkungen rechnen.

Familie kostet extra

Natürlich ist bei der Frage „privat“ oder „gesetzlich“ auch die Lebensplanung entscheidend. Während bei den privaten Anbietern jede Person einen eigenen Vertrag abschließen und bezahlen muss, gilt bei der GKV die Familienversicherung – einer zahlt, alle direkten Angehörigen sind automatisch mitgeschützt. „Arbeitet nur ein Partner, und sind viele Kinder geplant, wird der Umstieg in die private Kasse schnell teuer“, warnt Stefan Albers, Versicherungsberater aus Montabaur. Schon für ein Kind sind monatlich zwischen 100 und 200 Euro zu zahlen. Der Experte rechnet zudem mit erheblichen Preissteigerungen für privat Versicherte. „Pro Jahr sind fünf bis zehn Prozent drin“, so Albers. Das sei der Preis für die bessere Versorgung und den medizinischen Fortschritt.

Durch den Wechsel zur PKV Erspartes sollte daher tunlichst Gewinn bringend fürs Alter angelegt werden. Zwar geht bei den Privaten automatisch ein Teil der Beiträge in die sogenannten Altersrückstellungen. Doch damit wird der Preisanstieg nur gebremst. Gerade Selbständigen mit schwankendem Einkommen können höhere Preise über den Kopf wachsen. In der GKV ist eine finanzielle Überforderung indes ausgeschlossen, weil sich die Beiträge nach dem Einkommen richten.

Dafür profitieren privat Versicherte oft von besserem Service. Architekt Seyfarth gefällt gut, dass es seit dem Umstieg in die PKV beim Arzt „deutlich schneller“ geht: „Das hilft mir vor allem derzeit, weil mein Kalender sehr voll ist.“ Der Jungunternehmer hat für die Konstruktion und den Bau der eigenen Immobilie gerade den Titel „Haus des Jahres 2008“ erhalten. Dass Privatpatienten bei vielen Ärzten tatsächlich den First-Class-Status genießen, hat sogar das wissenschaftliche Institut der AOK (Wido) bewiesen: Sie erhalten viel schneller einen Termin.

Wer von der GKV zur PKV wechselt, gibt allerdings ein Stück Flexibilität auf. Ein privater Krankenschutz ist meist ein Bund fürs Leben. Ab 55 Jahren ist die Rückkehr in die GKV grundsätzlich nicht mehr möglich. Auch ein sinkendes Einkommen berechtigt Unternehmer nicht mehr zum Eintritt in eine gesetz­liche Krankenkasse. Sie müssen ihre Selbständigkeit schon ganz aufgeben. Oder sie finden eine Anstellung mit
einem Bruttoverdienst unterhalb der Pflichtgrenze.

Umso wichtiger ist es, den Abschluss einer privaten Krankenpolice genau zu durchdenken. Sonst kann es teuer werden. „Da es bei den Privaten keine vorgeschriebenen Leistungen gibt, sollten Unternehmer genau vergleichen. Zwar bieten fast alle Tarife deutlich mehr Leistungen als die gesetzlichen Kassen – wie etwa freie Arztwahl, kein Leistungsausschluss, bezahlte Vorsorge, Chefarztbehandlung und keine Rezeptgebühr. Doch es gibt auch Policen, die weniger leisten als der gesetzliche Katalog“, warnt Berater Albers.

So kann die Psychotherapie nur mit wenigen Sitzungen oder gar nicht abgesichert sein. Auch bei der Anerkennung der Arzthonorare gibt es erhebliche Unterschiede. impulse hat den Dschungel der Privat­tarife mithilfe des Marktbeobachters KV-Pro durchforstet und die besten Angebote für Selbständige ermittelt. Güssler und seine Experten haben zwischen Komfortschutz und Top-Schutz unterschieden.

Während die Komforttarife beim stationären Schutz ein Zweibettzimmer vorsehen und bei Zahn­ersatz die unterste Leistungsgrenze bei 60 Prozent liegt, gibt es bei Top-Schutz-Tarifen im Krankenhaus ein Einbettzimmer und bei Zahnersatz mindestens 75 Prozent Aufwandsentschädigung. Günstigster Anbieter beim Komforttarif ist die Mannheimer, sie verlangt 213 Euro für die Absicherung eines 35-jährigen – gesunden – Mannes.

Eine gleichaltrige Frau kostet er 269 Euro Prämie. Den günstigsten Top-Schutz gibt es von der Halleschen für 303 Euro für einen Mann und von der Hanse Merkur für 353 Euro für eine Frau. Die Hochleistungstarife haben außerdem einen unschätzbaren Vorteil: Steigen im Alter die Preise, können die
Versicherten entsprechende Erhöhungen durch Abspecken der Leistungen auffangen. Umgekehrt ist es kompliziert. Wer später mehr Leistung möchte, aber in einem Einsteigertarif angefangen hat, kann in der Regel nur nach erneuter Gesundheitsprüfung wechseln.

Hier drohen, wenn sich der Gesundheits­zustand verschlechtert hat, hohe Zuschläge. Ausweg: Auch Kunden können erst günstig in die private Krankenversicherung einsteigen und per „Anwartschaft“ Alter und Gesundheit „konservieren“.

Wer bereits vor dem 1. Januar 2009 einen privaten Komplettschutz abgeschlossen hat, kann wie gesagt nur bis Ende Juni seine Asse­kuranz wechseln und einen Teil seiner Altersrückstellungen mitnehmen. Nachteil: Jeder muss erst einmal eineinhalb Jahre auf Gesundheitskomfort verzichten, weil er in den Basistarif des neuen Anbieters gezwungen wird. Wer direkt beim Wechsel seine Gesundheit per „Anwartschaft“ konserviert, muss später keinen erneuten Gesundheitscheck durchführen lassen. „Ob sich ein Anbieterwechsel über den Basistarif tatsächlich lohnt, kann man nur im Einzelfall beurteilen“, sagt Berater Albers. Der spätere Schutz muss schon deutlich preiswerter und umfangreicher sein als die bisherige Absicherung.

Da ist es für privat versicherte Selbständige sehr viel leichter den Schutz zu optimieren, indem sie einfach in einen günstigeren Tarif desselben Versicherers wechseln. „Solange der neue Tarif nicht mehr Leistungen als der alte bietet, können die Versicherten ohne neue Gesundheitsprüfung umsatteln, und auch die Altersrückstellungen bleiben erhalten“, erläutert Peter Schramm, freier Versicherungsaktuar.

Versicherte ab 60 muss die Assekuranz sogar von sich aus auf günstige Alternativtarife hinweisen. „Doch die Angebote der Assekuranzen sind, auch wenn der Kunde aktiv nachfragt, meist nicht die attraktivsten“, so Schramm. Der Ver­sicherer verliert durch einen solchen Wechsel richtig viel Geld. Daher hilft in der Regel nur, wenn ein unabhängiger Dritter nach einem optimalen Umsteigertarif sucht. Und das lohnt. Denn oft können über 50 Prozent des Monats­beitrags gespart werden.

Weil die Assekuranzen verhindern wollen, dass viele Kunden in günstigere Tarife wechseln, bauen sie Hürden auf. Die Allianz etwa verlangt bis zu 140 Euro an Wechselgebühr. Doch inzwischen wächst der Widerstand. Die Aufsichtsbehörde, die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungen (Bafin) hat sich ein­geschaltet, um die Gebührenschinderei zu stoppen. Einige Kunden wollen gerichtlich vorgehen. „Wir werden die Allianz verklagen“, sagt Arno Schubach von der Anwaltskanzlei Dr. Caspers, Mock & Partner aus Koblenz. „Der Zuschlag ist ganz eindeutig willkürlich“, so der Jurist, der Vorstand in der Arbeits­gemeinschaft Versicherungsrecht im Deutschen Anwaltverein (DAV) ist.

Viele Selbständige würden sogar eine Wechselgebühr in Kauf nehmen, wenn sie nur in die PKV kämen. Doch weil sie krank oder zu alt sind, nimmt keine Versicherung sie auf oder nur zu horrenden Prämien. Für diese Gruppe hat die Techniker Krankenkasse ein neues Angebot: gesetzlich versichert, wie ein Privat­patient behandelt, heißt die Losung. Kunden zahlen bis zu 70 Euro jeden
Monat extra und dürfen fortan Rechnungen von Spezialärzten einreichen. Güssler: „Echte Privatpatienten sind die Kunden dennoch nicht. Was über den gesetzlichen Leistungskatalog hinausgeht, wird nicht erstattet.“

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