Diverses Geist auf Staatskosten

Die Regierung will zig Millionen verteilen und wird sie nicht los. Dabei ist es viel einfacher, an das Geld zu kommen, als viele Unternehmer denken.

Nur langsam kehren die großen Containerschiffe in den Hamburger Hafen zurück, die Logistikbranche steckt nach wie vor tief in der Krise. 3500 Angestellte der Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) sind in Kurzarbeit. Für Tim Oelkers bedeutet das: Überstunden. Die HHLA will den Leerlauf nutzen, um ihre Mitarbeiter fit für zukünftige Aufgaben zu machen. Oelkers ist Personalmanager. Er will einige seiner Kollegen zu Fachkräften für Hafenlogistik umschulen lassen, andere sollen zu Hafentechnikern ausgebildet werden. „Viele hier haben nur eine grundlegende technische oder kaufmännische Ausbildung“, sagt Oelkers. Während des Schifffahrtbooms der vergangenen Jahre waren Fachkräfte rar, er musste auch Seiteneinsteiger einstellen, hatte keine Zeit, sie zu qualifizieren. Nun ist die Gelegenheit da. 300 Kollegen machen eine Weiterbildung. Neun Monate lang, oft aber auf eineinhalb Jahre verteilt. Die Angestellten lernen dann einen Monat und arbeiten einen – damit sie den Anschluss im Betrieb nicht verlieren. Ein Bildungsanbieter hat die Schulungen maßgeschneidert.

So hat sich die Regierung das für Hunderte Betriebe überall in Deutschland vorgestellt, als sie im Januar zwei Fördertöpfe bereitstellte – gefüllt mit insgesamt mehr als 166 Millionen Euro. Geld, das bislang kaum einer haben will. Für die Förderung von Geringqualifizierten liegen 150 Millionen Euro im ersten Fördertopf. Bis heute sind gerade einmal zwölf Prozent dieser Mittel ausgeschöpft. Arbeitskräfte mit Berufsabschluss werden über den Europäischen Sozialfonds (ESF) gefördert; für sie stehen 16,5 Millionen Euro zur Verfügung – erst die Hälfte ist ausgezahlt.

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Unternehmer greifen nicht zu

Dabei könnte es mit dem Geldsegen bald vorbei sein. Bildungsangebote für qualifizierte Arbeitnehmer werden zwar noch bis ins Jahr 2013 bezuschusst. Doch wie es mit der Förderung für die Weiterbildung ungelernter Arbeiter weitergeht, ist unklar. Möglicherweise wird sie zum Jahresende auslaufen, eine Verlängerung wird diskutiert, ist aber noch nicht beschlossen.

Dass Unternehmer nicht zugreifen, liegt vor allem an den ganz unterschiedlichen Formen von Kurzarbeit: Während der eine Betrieb vormittags die Arbeit ruhen lässt, streicht der andere Nachtschichten. Das erschwert es, Weiterbildungskurse zu finden, die zeitlich passen. Andere fragen sich: Warum der ganze Aufwand, wenn die Fähigkeiten meiner Mitarbeiter für die Arbeit im Betrieb schon jetzt ausreichen? Auch können viele nur schwer einschätzen, wie lange die Kurzarbeit andauern wird und auf wie viele Wochen oder Monate die Qualifizierung angesetzt werden sollte.

Doch genau nachzurechnen kann sich lohnen. Insgesamt liegen noch 140 Millionen Euro in den Weiterbildungstöpfen. Die Agentur für Arbeit bezuschusst Seminare, Schulungen und weiterführende Ausbildungen, teilweise werden die Kosten sogar vollständig übernommen.

Weniger Bürokratie als erwartet

Die Antragsformulare, die viele Unternehmer abschreckten, sind seit Beginn des Jahres deutlich entschlackt und vereinfacht worden. „Viele wissen gar nicht, wie einfach es ist, an die Fördergelder zu kommen“, sagt Susanne Seibold von der Firma Arinko Stuttgart. Sie beschäftigt Entwickler und Konstrukteure für den Maschinen- und Fahrzeugbau.

Im Frühjahr brachen dem Unternehmen fast alle Aufträge weg. „Entlassen war keine Lösung für uns“, sagt Seibold. „Stattdessen wollten wir für die Zeit nach der Krise wettbewerbsfähiger werden.“ Sie ließ sich telefonisch von der Arbeitsagentur beraten, die schickte die Formulare ins Haus, Seibold musste sie nur noch ausfüllen. Nach drei Wochen waren die Seminare für die elf betroffenen Mitarbeiter genehmigt. Arinko hatte sich dafür entschieden, die Mitarbeiter vier Monate lang in einem 3-D-Zeichenprogramm zu schulen. „Das kriegen Sie im normalen Arbeitsalltag in der Tiefe gar nicht hin“, sagt Seibold. „Es war also keine Notlösung, sondern eine echte Verbesserung unseres Angebots.“ Arinko kann dadurch neue Zielgruppen ansprechen – gerade laufen die ersten Gespräche mit neuen Kunden.

Maßschneidern lassen

Für Arinko fiel die Wahl des Weiterbildungsanbieters leicht: Die Kurse wurden von einer Schwesterfirma durchgeführt. Wie aber finden andere Unternehmen den passenden Partner auf dem unübersichtlichen Bildungsmarkt?

Das Wichtigste bei dieser Wahl: Die jeweilige Maßnahme muss von der Agentur für Arbeit zertifiziert sein. Online kann sich jede Firma in der Datenbank Kursnet über zertifizierte Seminare in der Nähe informieren. In jedem Fall lohnt ein Gespräch mit einem Mitarbeiter der örtlichen Agentur für Arbeit: „Dort erfährt man auch von anderen Unternehmen, die weiterbilden möchten“, sagt Adriana Galunic von der Bundesagentur für Arbeit. Denn viele Firmen würden die Maßnahmen gern auf ihre Branche und deren Bedürfnisse zuschneiden – dafür müssen die Seminargruppen aber für gewöhnlich mindestens zehn oder 15 Teilnehmer haben. Schließen sich Unternehmen zusammen, so kommen sie viel eher auf die erforderliche Gruppengröße. Galunic rät: „Wenden Sie sich auch dann an Ihre Agentur, wenn Ihre Vorstellungen noch nicht zu 100 Prozent konkret sind. Sie erfahren dort von allen Möglichkeiten.“

Was aber, wenn ein Betrieb nicht 100 Prozent Kurzarbeit angemeldet hat, sondern die Angestellten nur einige Tage pro Woche die Arbeit ruhen lassen? Wieder ist die Antwort: maßschneidern!

Bei der Spedition Knapp aus Herne etwa arbeiteten die 45 Mitarbeiter von Montag bis Mittwoch – und wurden am Donnerstag und Freitag geschult. So lernten sie etwa, wie man spritsparend fährt oder wie die Ladung im Lkw besser gesichert werden kann. Das wirke sich auch psychologisch positiv aus, sagt Andreas Fast, Prokurist der Spedition. „Wir haben verhindert, dass die Leute zu Hause auf der Couch sitzen und wegen der Kurzarbeit ein unangenehmes Bauchgefühl haben.“

Mittlerweile gibt es noch mehr gute Nachrichten: Das Fahrpersonal der Spedition ist nicht mehr in Kurzarbeit. Und auch das Geschäft hat sich wieder ein wenig belebt.

Vier Schritte zum Bildungsgeld

1. Kurse finden

Suchen Sie im Kursnet der Arbeitsagentur nach einem geeigneten Bildungsangebot in Ihrer Nähe, oder treten Sie mit Anbietern in Kontakt, um ein Programm maßschneidern zu lassen. So können Sie die Weiterbildung an Ihre Form der Kurzarbeit anpassen. Auch Zusammenschlüsse mit anderen Unternehmen ergeben Sinn, wenn sie dieselben Schulungen brauchen. Jede neue Maßnahme muss durch die Agentur für Arbeit zertifiziert werden. Achtung: Es wird zwischen „allgemeinen Weiterbildungen“ (etwa EDV-Kenntnisse, Schulungen im Kundenservice) und „speziellen Weiterbildungen“ (Qualifizierung für bestimmte Maschinen) unterschieden – diese werden unterschiedlich hoch bezuschusst.

2. Wie viel gibt es?

Gering qualifizierte Arbeitnehmer (ohne abgeschlossene Berufsausbildung oder Arbeiter, die angelernt wurden und ihren eigentlichen Beruf seit mindestens vier Jahren nicht mehr ausüben) erhalten die volle Übernahme der Kosten und der Sozialversicherungsbeiträge, wenn mindestens 50 Prozent der Kurzarbeit für Weiterbildung genutzt werden. Bei qualifizierten Arbeitnehmern werden je nach Größe des Unternehmens 25 bis 80 Prozent der Kosten übernommen (je kleiner das Unternehmen, desto höher der Zuschuss). Die Sozialversicherungsbeiträge werden voll vom
Staat bezahlt, wenn mindestens 50 Prozent der Kurzarbeit für Weiterbildung genutzt werden.

3. Geld abrufen

Qualifikationen für gering qualifizierte Arbeitnehmer werden pauschal mit der Agentur für Arbeit abgesprochen. Diese informiert dann alle Mitarbeiter im Betrieb und teilt dort Bildungsgutscheine aus. Bei
qualifizierten Arbeitnehmern muss der Chef zusätzlich zu einem Anmeldeformular für jeden Angestellten eine Beschreibung der jeweiligen Maßnahme formulieren und eine Gesamtteilnehmerliste abliefern.

4. Mitarbeiter einbinden

Bieten Sie die Teilnahme freiwillig an, damit die Mitarbeiter das Programm nicht nur „absitzen“. Der Vertrag mit dem Bildungsanbieter sollte eine Ausstiegsklausel beinhalten: So wird sichergestellt, dass die Weiterbildungsmaßnahme abgebrochen werden kann, wenn die Kurzarbeit vorzeitig enden sollte. Qualifikationen können auch im eigenen Betrieb mit eigenem Personal stattfinden. Nicht bezuschusst werden Maßnahmen, die sowieso hätten durchgeführt werden müssen oder die gesetzlich vorgeschrieben sind. Das sind zum Beispiel Erste-Hilfe-Kurse.

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