Diverses Haste mal ’ne App?

Clevere Applikationen machen Smartphones zu Werbeträ­gern und sorgen für Kontakt zum Kunden. Jetzt sind sie schon für ein paar Hundert Euro zu haben – durch Baukastenlösungen.

Bei einer Kaltakquise offene Türen einzurennen passiert auch Tanja Engler eher selten. Als die Marketingchefin der Stuttgarter Software­schmiede Liquid Air Lab im Hotel „Der Zauberlehrling“ anklingelte, kam sie kaum wieder los. „Ich bin sofort angesprungen“, sagt Hotelchef Axel Heldmann, „auf so etwas hatte ich lange gewartet.“

Er kaufte ein kleines Programm, das sich seine Gäste nun kostenlos auf ihr Smartphone laden können. Wer diese sogenannte App (kurz für Application, auf Deutsch: Anwendung) installiert hat, kann schon vor der Anreise in der Speisekarte blättern oder einen Video- und Fotorundgang durchs Haus machen. Zum Reservieren tippt der Gast auf die angezeigte Telefonnummer, schon ruft das Edelhandy die Wirtsleute an. Demnächst soll auch das Internetbuchungssystem Opentable eingebunden werden; dann zeigt die App den Gästen an, wann ein Tisch frei ist.

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Noch im vorigen Jahr wäre so ein Vorhaben für ein inhabergeführtes Hotel ein paar Nummern zu groß gewesen, die Kosten hätten in einem absurden Verhältnis gestanden zur geringen Zahl von Gästen, die ein passendes Handy besitzen. Wer eine attraktive iPhone-App entwickeln lassen wollte, musste sich auf eine Rechnung über 10.000 Euro gefasst machen – plus Zuschlag für die Anpassung an Betriebssysteme von Nokia, RIM (Blackberry) oder Google. Jedes der Systeme hat zudem seinen eigenen Online-App-Store mit eigenen AGB und Nutzungsverträgen. Deshalb leisteten sich fast nur Großunternehmen wie Bahn, Post, Banken, Medienkonzerne oder bekannte Markenartikler den Luxus.

Liquid Air Lab will mit Pilotkunden wie dem Zauberlehrling-Hotel beweisen, dass es auch anders geht. Der 47-jährige Chef der Softwarefirma, Mikko Linnamäki, verspricht, die Einstiegskosten in den dreistelligen Euro-Bereich zu drücken. Der Hebel: Er betreibt die Programmentwicklung nicht mehr als Einzelanfertigung, sondern modular. Im August schaltet er den Softwarebaukasten My App Studio als Do-it-yourself-Service im Internet frei. „Es geht sofort auf die Masse“, sagt Linnamäki, „es wird sofort günstig.“ Nicht nur fürs iPhone, sondern auch für Blackberrys, Android- und Samsung-Handys sowie verschiedene Nokia-Produktlinien. Programmierkenntnisse sind nicht erforderlich, der Nutzer wählt aus einem Repertoire an Vorlagen, in die er Texte, Fotos, Videos und das Firmenlogo einfügt. Der Grundbaukasten soll 99 Euro kosten, die monatliche Servicepauschale geht bei 29 Euro los. „Bis kommenden Sommer werden wir 3000 bis 5000 Apps in den App-Stores haben“, hofft Linnamäki.

Die Zahl der Nutzer von prozessorstarken, internetfähigen Handys wird auf jeden Fall steigen. Ende 2009 besaß laut der Technologieberatung Accenture fast jeder fünfte deutsche Mobiltelefonierer ein Smartphone; der Verband Bitkom erwartet dieses Jahr einen Absatz von acht Millionen Geräten. Für 2013 hat die Unternehmensberatung Booz & Company den weltweiten Bestand an App-fähigen Handys auf eine Milliarde hochgerechnet.

Hinter dem Begriff Smartphone verbergen sich unterschiedliche Geräte. Wie intensiv damit Onlineangebote genutzt werden, hängt nicht nur vom Handy ab, sondern auch vom Ausbau der Funknetze und von den Datentarifen der Anbieter. Roman Friedrich, Branchenexperte bei Booz, spricht gleichwohl von einer milliardenschweren „App-Economy“ als „nachhaltigem Trend“.

Die Beraterin Heike Scholz aus Hamburg, Betreiberin des Fachblogs Mobile Zeitgeist, warnt trotzdem vor überstürztem Handeln. „Jeder Unternehmer muss sich erst einmal fragen, wen und was er mit der App überhaupt erreichen will.“ Wer einfach seine bestehende Firmenwebsite an die Minibildschirme der Handys anpassen lasse, erziele meist eine größere Reichweite als mit einer App fürs iPhone, das nur drei Prozent der Bevölkerung nutzten. Dass allein Apples App-Store Ende 2009 die Marke von drei Milliarden Abrufen weltweit überschritten hat, beeindruckt Scholz nicht: „90 Prozent aller Apps, die sich die Leute herunterladen, schauen sie sich einmal und nie wieder an.“ Sie sieht die Gefahr einer Übersättigung.

Nicht so Achim Rothenbühler. Der Chef der Stuttgarter Friseurkette J.7 Group ist ebenfalls ein Pilotkunde der Baukastensoftware, die er nicht fürs ­Handy nutzen will, sondern für den Tablet­computer iPad, der genau wie Smart­phones mit Apps läuft. Auf dem Bildschirm präsentieren Friseure multimedial Frisurentrends.

Solche Anwendungen, die Papier ersetzen, wie die Frisurenvorschau oder auch Bauanleitungen, haben Zukunft, sagt Christian Sauter, Mitgründer und Vorstand des Stuttgarter Softwarehauses Excelsis Business Technology. Er stellt sich darauf ein, dass Apps noch stärker in den Kundendienst hineinwachsen: „Sie werden viele Anwendungen ablösen, die wir heute über Spracherkennungscomputer abwickeln.“

Ein Spielzeug für Stammkunden

Wenn Petros Siamitras seine Gäste beobachtet, hat er den Eindruck, Smart­phones gehören längst zum Alltag wie Handtasche und Kugelschreiber. Mit seiner App, die auch die wechselnde Speisekarte enthält, will der Besitzer des Düsseldorfer Lokals Riva nicht in erster Linie Lauf­kunden ansprechen, sondern vor allem Stammgäste. Und die seien zu etwa 70 Prozent iPhone-Nutzer wie er selbst. „Der Rest hat Blackberry.“ In den ersten Wochen zählte der Wirt 300 Abrufe.

Auf Stammgäste setzt auch das Atlas Grand Hotel in Garmisch-Partenkirchen. Direktor Thorsten Lindner sieht Smartphones oft bei seinen Kunden und will ihnen „etwas Neues bieten“. Nun ist die App fertig, und Lindner fragt sich: Wie mache ich das publik?

Bei einer jüngeren Klientel könnte Empfehlungsmarketing über soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter ziehen. In der Gastronomie bieten sich auch Tischaufsteller oder Visitenkarten an. In Hotels der obligatorische Feedbackbogen: „Wie hat es Ihnen bei uns gefallen? Möchten Sie diese Fragen lieber auf Ihrem Smartphone beantworten?“

Die meisten anderen Branchen, für die Liquid Air Lab App-Bausteine entwickelt, haben mangels Publikumsverkehr diese Möglichkeit der Kundenansprache nicht. Darum hat Firmenchef Linnamäki das Angebot marketingtechnisch mit einem Vorläuferprodukt verknüpft, mit dem er seit 2009 erfolgreich ist: Web­radio-Apps. Die Softwaremodule, die aus einem internetfähigen Handy ein virtuelles Radio machen, sind bei vielen Privatsendern im Einsatz. Am oberen Bildrand befindet sich ein Werbefenster, das von Liquid Air vermietet wird. Von dem Teaser führt ein direkter Weg zur App; da ein Smartphone normalerweise weiß, in welcher Stadt es sich befindet, kann regionale Werbung eingespielt werden.

Der Betrieb in der Hosentasche

Selbst für den internen Einsatz im Unternehmen können Apps nützlich sein. So hat die Leverkusener IT-Firma GIA eine Software namens Biapps entwickelt, mit der Betriebe sich selbst Apps schreiben können, sodass der Chef beispielsweise unterwegs Einblick in Daten der Produktion nehmen kann. Programmierkenntnisse sind unnötig. Außer dem Kauf ­einer Lizenz – der Preis wird individuell verhandelt – fallen keine Kosten an.

Mit der Anbindung mobiler Geräte an die Informationstechnik von Firmen befasst sich auch das Hamburger Startup LB-Lab. Firmengründer Georg von Waldenfels setzt wie Liquid Air Lab auf einen Softwarebaukasten, allerdings nicht auf Kampfpreise. Eine „werthaltige Applikation“, die Daten aus verschiedenen Quellen zusammenführe, sei eine Investition, die 10.000 Euro kosten könne. Als Einsatzgebiete sieht er den Vertrieb und den technischen Kundendienst. Die Mitarbeiter könnten prüfen, an welchen Standorten Waren oder Ersatzteile vorrätig sind, Betriebszustände von Maschinen checken oder Produkt- und Wartungsvideos abrufen. Für den Handel werde es wichtig, sich mit Apps für ortsbezogene Services und Informationen zu befassen: „Das wird in den nächsten zwei, drei Jahren ein Trend, den ein Mittelständler nicht ignorieren kann.“

Entkommen kann der schönen neuen Technikwelt wohl keiner. So kann es heute schon sein, dass ein Kunde im Laden Strichcodes auf Verpackungen mit seinem Handy scannt. Die App, die Einzelhändler fürchten, heißt Red Laser und zeigt an, wo es die Ware billiger gibt. Gern auch online. Das ist kein Zufall: Die App ist ein Kundenbindungsinstrument des Internetauktionshauses Ebay.

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