Diverses „Wir ließen uns überzeugen, dass unser Flug nicht gefährdet sei“ (Mein größter Fehler, Gerd Seidensticker)

Gerd Seidensticker, 79, Textilfabrikant, über die Einführung eines falschen Führungsmodells und eine Entscheidung mit fatalen Folgen.

Wie es bei Fehlern üblich zu sein scheint, beging ich ihn in bester Absicht. In den 60er-Jahren waren die vier Warenhauskonzerne so schnell gewachsen, dass Kommunikationsprobleme entstanden. Man ließ Mitarbeiterschulungen organisieren und führte ein Führungsprinzip ein, das die Rolle von Mitarbeitern und Vorgesetzten klar umschreibt. Es wurde später das Harzburger Modell genannt.

Es hat seiner scheinbaren Klarheit wegen viele Unternehmen überzeugt. So auch uns. Seine Schwäche, eine Bürokratie zu entwickeln, hinter der sich Mitarbeiter verstecken konnten, entdeckten wir erst bei laufendem Betrieb. Wie eine falsche Entscheidung eine zweite nach sich ziehen kann, erlebten wir schmerzlich: Es erschien notwendig, nahe am Handel zu sein. Weil ein großer Mitbewerber das angeblich erfolgreich praktizierte, entschlossen auch wir uns, ein zweimotoriges Firmenflugzeug mit zwei Berufspiloten anzuschaffen.

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Unter anderem hatten wir einen Betrieb in Sonthofen im Allgäu. Dort war in der Nacht vom 2. auf den 3. Mai 1967 so viel Schnee gefallen, dass in Kempten auf der Piste eine Spur gelegt werden musste. Obwohl ich schon eine Zugverbindung gewählt hatte, ließen wir uns überzeugen, dass unser Flug nicht gefährdet sei. Ein Toter, vier Schwerverletzte und ein zerstörtes Flugzeug waren die Folge dieser Fehleinschätzung. Schmerzfreie Tage habe ich seit jenem Unglück nicht mehr erlebt.

Aufgezeichnet von Judith-Maria Gillies

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