Diverses Image und Umsatz – webgemacht

Mit dem Web 2.0 ist das Internet endgültig zum Mitmach-Web für alle geworden – auch für Unternehmen. Doch die haben zum Teil noch große Berührungsängste.

Im Januar feierte Kirstin Walther den vierten Geburtstag ihres „Saftblogs“. Und bedankte sich bei Ihren Lesern für „die geniale Zeit mit Euch. Das klingt seltsam – ich weiß. Es handelt sich um ein umstrittenes, zeitweise als unpersönlich und sinnlos verschrienes Medium. Aber was ich sagen kann ist: Der Start des Saftblogs war extrem wichtig. Für mich, für dieses Unternehmen, aber in allererster Linie für mich.“

Kirstin Walthers Großvater hatte vor mehr als 80 Jahren in der Nähe von Dresden die gleichnamige Obstsaftkelterei, die Getränkehändler im Umkreis von 20 Kilometern rund um die alte Residenzstadt belieferte. Im Jahr 2003 übernahm die 38-Jährige die Geschäfte, wohl wissend, dass es um die Firma nicht gerade zum Besten stand. „Ich war gezwungen, andere Wege zu gehen.“ Also startete sie ein Online-Tagebuch mit dem sinnigen Namen „Saftblog“ und rettete ihren kleinen Betrieb damit vor der drohenden Insolvenz. Allerdings bestätigt sie das nicht so gerne. Doch die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Heute sind 8000 Kunden aus ganz Deutschland registriert. „Seit Einführung des Blogs ist der Umsatz extrem gestiegen.“

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„Die Leute interessiert sehr, wie man Säfte herstellt”, erzählt Walther. Also bloggt sie darüber, veröffentlicht ein „Apfeltagebuch“, schreibt über die Aroniabeere und klärt darüber auf, dass Säfte keine Durstlöscher sind. Seit kurzem versendet sie auf Twitter auch Kurznachrichten an mittlerweile 2000 „Follower“. „Twitter bringt uns näher an die Kunden”, sagt sie.

Unerkannter Nutzen

Hinter dem Web 2.0 steckt die Idee, die Nutzer einzubinden und mit ihnen direkt zu kommunizieren, ganz interaktiv. Ein „Mitmach-Web“ also, dessen Software mit niedrigen Kosten verbunden ist. Dennoch: bei vielen Unternehmen überwiegt die Skepsis gegenüber Web 2.0. So ergab eine Studie der Fazit-Unternehmensberatung, dass nur etwa sieben Prozent der Unternehmen „Social Software“ wie etwa Weblogs, Wikis oder Podcasts nutzen. 63 Prozent planen erst gar nicht, derartige Anwendungen in naher Zukunft einzuführen.

Auch die Studie des „Netzwerks Elektronischer Geschäftsverkehr“ kommt zum Schluss, dass „kleine und mittelständische Unternehmen das Potenzial von Web 2.0-Diensten und -Anwendungen noch nicht erkannt“ haben. Besonders die rechtlichen Risiken empfinde man als sehr hoch, aber auch die Gefahr des Missbrauchs durch externe User.

Großer Vorreiter

„Unternehmen stellen sich oft die Frage, ob sich der Web 2.0-Einsatz lohnt. Die eigentliche Frage aber lautet: Kann ein Unternehmen es sich leisten, nicht aktiv zu werden?“, sagt Florian Koch, Leiter Digitale Medien beim IT-Branchenverband Bitkom. Und der Web 2.0-Experte Bernd Pitz rät: „Gerade Mittelständler müssen sich zuvor überlegen: Was will ich, welche Zielgruppe will ich adressieren, welchen Personal- und Zeitaufwand kann ich investieren und wie bringe ich die Aktivitäten in meine Organisation ein?“ Pitz gibt sich sicher: „Dem Web 2.0 gehört die Zukunft.“ Man müsse nur die Chancen nutzen, die Wissenssammlungen wie Wikis, Nachrichtenformate wie RSS oder soziale Netzwerke wie Xing, StudiVZ oder Facebook böten.

Der weltgrößte Mobilfunker Vodafone ist seit vergangenem Jahr auf mehreren Web-2.0-Ebenen unterwegs. „Wir sind eine der Speerspitzen, eine der ersten Firmen, die in der Breite hineingegangen sind“, sagt Volker Gläser, Chef der Internet Services bei Vodafone Deutschland. Ein Blog, ein Twitter-Konto, Applikationen für mobile Endgeräte oder Networking-Angebote in den Communitys sind für Volker Gläser „perfekte Instrumente für die Umsetzung unserer Web-2.0-Strategie“.

Mitmachen bringt Mitarbeiter

Web 2.0 dient dem Mobilfunkunternehmen dabei als PR- und Marketinginstrument. „Wir möchten als Vorreiter im Bereich mobiles Internet wahrgenommen werden“, sagt Gläser. Dass gerade mobile Anwendungen immer wichtiger werden, bestätigt auch Florian Koch von Bitkom: „Die Internetnutzung wird zunehmend mobiler. Der Übergang dahin ist fließend und hat bereits begonnen.“

Immer mehr Unternehmen setzten Web 2.0 zudem als Mittel für die Personalsuche ein. „Wer nicht im Netz ist, wird auch bei den Millionen Studenten auf Facebook oder StudiVZ weniger wahrgenommen“, sagt Koch. So hätten gerade kleinere Unternehmen die Chance, sich als attraktives Unternehmen darzustellen. Bei rund 30 Millionen Deutschen ab 14 Jahren, die sich in einer „Community“ tummeln, sicher keine schlechte Ausgangslage. Immerhin: 13 Prozent aller Community-Nutzer wollen auch berufliche Kontakte pflegen, heißt es in einer Bitkom-Studie.

Offenheit kommt an

Zur Kundenbindung à la Web 2.0 gehören zudem interaktive E-Commerce-Lösungen. „Es gibt immer noch zu wenig Shops, die Bewertungssysteme anbieten“, sagt Johannes Klinger, Chef von Websale, einer Aktiengesellschaft, die Shoplösungen anbietet. Dabei könne sich ein Shopbetreiber damit „positiv von anderen abheben.“ „Mit der Bewertungsfunktion bietet man seinen Kunden mehr Nutzen, dadurch wird das Kaufverhalten positiv beeinflusst.“

Dass Web 2.0 allein nicht glücklich macht, darüber sind sich alle einig. „Nur weil ich sage, ich verwende Web 2.0, bin ich allein nicht erfolgreich“, sagt Klinger. Der Mix mache es. Die Website sollte suchmaschinenoptimiert und intuitiv verständlich zu benutzen sein, gut aussehen und natürlich auch technisch funktionieren. Und sie muss etwas Interessantes bieten.

Wie zum Beispiel die für Unternehmen oft heikle Frage, wie mit Reklamationen umgegangen werden kann. Kirstin Walther redete in ihrem Blog ganz offen über die eine oder andere Firmenpanne. Mit erstaunlichem Ergebnis: „Die Kommentare im Blog waren alle positiv.“

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