Diverses In die dritte Dimension mit deutschem Know-how

Eine Dresdner Softwarefirma rutscht in die Pleite und wagt einen Neustart in Toronto - mit neuen Investoren. Kein Zweifel: Deutsche Ingenieurskunst zieht.

Der Himmel blau wie ein Meer und darunter Wolkenkratzer, Sonne schluckend. Toronto, Kanada, eine Stadt der Riesen aus Beton, Stahl, Glas.

Mittendrin, viktorianisch-klassisch, ein sechsstöckiges dunkles Sandsteingebäude.

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Im fünften Stock, in einem Großraumbüro mit sechs Meter hoher Decke: Spatial View Inc. – kanadische Firma mit deutschen Wurzeln. Seit vier Jahren residiert die Zentrale an der Front Street, 40 Leute gehören mittlerweile zum Team. Spatial View macht dreidimensionales Sehen auf Bildschirmen möglich, ohne dass man dafür komische Brillen aufsetzen muss.

Managing Director Wolfgang Opel, 57 Jahre alt, bärtig, erklärt die Sache mit der dritten Dimension. Ist alles eine Frage der Z-Achse. Bislang gibt es auf den Bildschirmen X- und Y-Achse, die dritte fehlt noch. Man zerlege hier, sagt Opel mit einer Mischung aus mehreren ostdeutschen Akzenten, „Content in zwei Pakete, eines für das linke, das andere für das rechte Auge“. Entwickelt also Software.

Wobei, nein, das stimmt so nicht: Die Entwicklungsabteilung von Spatial View, 20 Leute stark, befindet sich noch in Dresden. „Wegen des Images“, sagt Opel. „Deutsche Ingenieurskunst“ sei ein Begriff, der in amerikanischen und englischen Büchern vorkomme. „Alle fahren ab auf diese Mischung. Deutschland, Ingenieure, Kanada, Natur – die Kombination hat das beste Image, überall.“ Spatial View in Toronto nutzt den Ruf, deutsch zu sein, und arbeitet in Dresden an den Programmen, die es seit zwei Jahren bei Apples iTunes zum Herunterladen gibt. Damit lassen sich auf iPhones Videos und Fotos dreidimensional darstellen. Die Idee ist alt – wie die Ursprünge des Unternehmens.

Spatial View hieß früher einmal Gesellschaft für Raumbildsysteme, auch mal Dr. Baldeweg AG, und saß in Dresden.

Das Unternehmen hatte die Patente, das Know-how, gute Prognosen, Zukunft, schon vor zehn Jahren. Doch die New-Economy-Blase platzte, und der Venture-Capital-Geber, eine Tochter der Sparkasse Dresden, drehte vor sieben Jahren den Geldhahn zu. Insolvenz.

Wolfgang Opel, damals noch nicht dabei, ist sicher, dass ein zweiter Anlauf in Deutschland nicht möglich gewesen wäre.

„Einmal insolvent, das bleibt kleben.“ Außerdem gebe es nicht genug Wagniskapital.

Günstiger Forschen
Steuerliche Förderung von Forschung und Entwicklung? Nicht in deutschen Finanzämtern. Anders in Kanada: Dort können die F&E-Kosten von den Einnahmen abgezogen werden, bevor es zur Steuer geht.
Bares Geld Firmen dürfen Kosten auch sammeln und später geltend machen, wenn mehr Geld hereinkomme, sagt Peter Ballwieser, Steuerexperte bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, der lange für sein Unternehmen in Kanada gearbeitet hat. „Kapitalgesellschaften bekommen für F&E-Kosten von bis zu drei Millionen Dollar eine Steuergutschrift von 35 Prozent. Die wird unter bestimmten Voraussetzungen sogar bar ausgezahlt.“
Gutschriften Für höhere Kosten und andere Gesellschaftsformen gibt es in Kanada 20-Prozent-Gutschriften, die mit der Steuerlast der kommenden zehn Jahre oder rückwirkend für drei Jahre verrechnet werden können. Ballwieser: „Auch in Europa haben viele Länder solche Steuergutschriften, außerdem gibt es etwa erhöhte Abschreibungsraten für F&E-Aufwendungen und einen niedrigen Steuertarif für Lizenzeinkünfte.“

Und: „Europa ist nicht innovativ.“ Sagt Opel knapp, hart, aus tiefster Überzeugung. In Kanada kam das nötige Geld schnell und easy zusammen, Opel gründete eine neue Firma, kaufte die alte in Dresden, mit den Patenten, dem Know-how. „In Nordamerika gibt es genug Investoren, ein ganz anderes Klima, weil es kein mit Deutschland vergleichbares Rentensystem gibt. Man muss selbst vorsorgen.“ Das sei ein Mentalitätsding.

„Die sind hier gezwungen, sinnvoll zu investieren. Gute Investments sind besser als Sparpläne.“ Die Fördermittel in Deutschland und Kanada seien gar nicht mal so unterschiedlich, sagt Opel. Allerdings kann man in Kanada alle Forschungs- und Entwicklungsausgaben sofort und vollständig von der Steuer abziehen – anders als in Deutschland. Und: Nordamerika sei der große Markt, Europa hinke hinterher.

„Eigentlich müssten wir im Silicon Valley sitzen, in New York oder Schanghai. Aber dafür hatten wir nicht das Geld.“ Noch nicht. Inzwischen leistet sich Spatial View ein valleynahes Büro in San Francisco.

Optische Tiefe schaffen Die Firma nutzt nun als kanadische Incorporated und nicht mehr als deutsche GmbH die Patente, die Atomphysiker Frank Baldeweg einst einbrachte. Der Professor beschäftigte sich in der DDR mit Kraftwerkssicherheit, also Regelkreisläufen und deren Kontrolle. In den 90er- Jahren wanderte er in die Medizin ab, wo Ärzte nicht mehr allein mit Skalpellen, sondern mit Lasern operieren, dabei auf Bildschirme schauen und eine exakte dreidimensionale Darstellung brauchen.

Wolfgang Opel zeigt, wie es funktioniert.

Digitale Daten werden um- und hochgerechnet, um optische Tiefe zu schaffen. Alles, was mit zwei Kameras aufgenommen wurde, kann eine dritte Dimension bekommen. Software allein reicht jedoch nicht. Opel, Ingenieur, Kybernetiker und Technikfreak, jetzt richtig in Fahrt, nimmt eine Plastikscheibe von seinem Laptopbildschirm ab und hält sie hoch. Triumphierend schwenkt er die Eigenentwicklung herum, was in diesem Raum mit der hohen Decke wie ein religiöser Akt wirkt, als präsentiere er eine Reliquie. „Die Welt ist dreidimensional, das müssen die Geräte doch darstellen können“, ruft er begeistert. Mithilfe solcher Plastikscheiben kommt jetzt die Z-Achse auf die Bildschirme.

Opel setzt sich wieder, nimmt ein Handy auseinander, hält die Scheibe ins grelle Neonlicht und reicht die durchsichtige Platte über den Schreibtisch. Er war zu DDR-Zeiten Ingenieur in einem Kombinat für Waggonbau. Danach gründete er mit anderen eine Firma, Cideon, ein Systemhaus, das Programme für CAD, Computer- Aided Design, entwickelte. Er stieg aus, ging nach Toronto und trieb Geldgeber für Baldewegs Neustart auf. Die Ironie der Geschichte: Es ist vor allem europäisches Geld in der Firma. Geld aus der Schweiz, aus Belgien, das meiste jedoch kommt aus Deutschland. Aber diese Investoren stiegen erst ein, als die Firma in Kanada neu anfing.

In Dresden hatte es lange nicht nach einem Comeback ausgesehen. Baldewegs erster Angestellter, der Informatiker Steffen Böttcher, verließ das Unternehmen nach der Pleite Richtung Fraunhofer-Institut.

Und der Professor, der sich so viel erhofft hatte, starb an einem Herzinfarkt, bevor die Firma abhob.

Jetzt ist alles anders. Böttcher ist als Head of Software Development zurückgekehrt, als das Unternehmen wiederauferstand, „aus Überzeugung“, wie er sagt. Die Dresdner Spatial-View-Entwickler arbeiten in der Nähe des Elbufers, in einem typisch deutschen Gewerbegebiet.

Kein Metropolencharme, keine Wolkenkratzer, kein Gefühl mehr von Meer.

Stattdessen flache Gebäude, unauffällige Architektur, eine Bushaltestelle in der Nähe, an jeder Ecke ein Bäcker und fast überall ein Friseur. Spatial View hat kleine Büros im dritten Stock eines Neubaus, keine hohen Decken.

Die Welt hat drei Dimensionen

Baldewegs Patent hängt dort hinter Glas an der Wand. Es heißt „gestische Interaktion im dreidimensionalen Raum“.

Am Ende „kann man mit dem Finger in dreidimensionale Darstellungen auf den Bildschirmen eingreifen, Personen zur Seite schieben“, erklärt Böttcher, der seinen Professor noch heute bewundert.

Und er sagt, wie schon Wolfgang Opel in Toronto: „Die Welt hat drei Dimensionen, nur auf dem Bildschirm noch nicht.“ In Dresden ist jetzt viel zu tun. Product Director Bernhard Schipper führt die neueste Errungenschaft für den Massenmarkt vor. Denn Spatial View will Masse, ist nun auf dem sogenannten Accessory- Markt, hat dafür eine Marke geschaffen: „Wazabee“. Apple lieferte das iPhone, drumherum wächst ein Markt, eine Zulieferindustrie für ein hippes Produkt. Steve Jobs kassiert 30 Prozent, wenn Apple die Spatial-View-Programme auf iTunes anbietet, ebenso wenn die Hardware in den Apple Stores verkauft wird. Hardware, das sind die Wazabee- 3Dee-Shells für das iPhone, eine Schutzhülle mit Plastikscheibe vor dem Touchscreen.

Diese Hüllen und die Programme machen 3-D-Sehen möglich.

Seit März gibt es die Shells in den amerikanischen Apple Stores, sie wurden dort sogar im Frühstücksfernsehen präsentiert.

Schipper sprüht vor Zuversicht.

Amüsiert sich über die Farben. Gold und Silber werden in den USA gut gehen, das seien Farben für dort. Blau wird deutsch.

„Der Metallicrot-Ton, der läuft in Kanada.“ Schipper ist jung, wirkt cool, lustig, erzählt gerne von seinem Kunststudium in Leipzig. Er trägt eine Brille mit dunklem Rahmen und hat, wie fast alle hier, einen ostdeutschen Akzent. Meist arbeitet er im neuen Spatial-View-Büro in San Francisco, oft aber auch in Dresden. Er mag dieses „Oh, this is great, perfect“, ohne das in Amerika nichts geht. „Wir sind ja eher ernsthaft.“ Sagt er und grinst.

„Die Shell ist der niedrigste Einstieg in 3-D. Wir wollen den Kultstatus nutzen.“ Es ist ein Anfang, schon bald soll es weitergehen.

„Wir standen immer in Kontakt mit Apple, und als wir denen die Programme zur Abnahme gegeben haben, kam nach zwei Tagen das Okay.“ Und: „Jedes mobile Gerät ist heute 3-D-fähig.“ Schipper führt vor: zweimal fotografieren mit dem iPhone, das Spatial-View- Programm macht daraus ein dreidimensionales Bild. Auch bei Facebook gibt es inzwischen Spatial-View-Programme.

Man kann sich aller Welt dreidimensional präsentieren. 13,3-Zoll-Aufsätze für Laptop-Screens sind ebenfalls fertig entwickelt, 15 Zoll, 17 Zoll werden folgen.

Sie sprechen viel im Futur hier.

Von einem Bildschirm, auf dem ein Rockvideo läuft, scheint der Hals der Gitarre aus dem Bild zu springen. Es funktioniert, weil eine Kamera die Augen des Betrachters filmt, dem Rechner mitteilt, in welchem Winkel und Abstand er steht. Der Rechner rackert, verändert in Millisekunden die Darstellung so, dass alles, auch wenn man wegzuckt, dreidimensional wirkt. 3-D, das hatten sie gelernt bei der kleinen Gesellschaft für Raumbildsysteme, lässt sich nicht nur in der Medizintechnik anwenden.

Da sind größere Märkte: Treiber sind die Computerspiele. Wenn geballert oder geschlagen wird, sollen Kugel oder Faust eine Dimension mehr haben, damit es echter wirkt. Hollywood dreht schon dreidimensionale Filme, die man noch mit spezieller Brille anschauen muss.

Bald nicht mehr. Steven Spielbergs Dreamworks hat bei Spatial View eingekauft. Zuvor Disney. Auch auf Messen besteht Bedarf. Autohersteller wollen Einparkhilfen mit der zusätzlichen Dimension bieten. Architektursoftware braucht 3-D. Alles neue Geschäftsfelder für Spatial View.

Dresden – Toronto. Die Idee, einst an der Elbe erdacht, formuliert und zur Marktreife gebracht, hat sich in ein kanadisches Produkt verwandelt, das weiterhin in Sachsen produziert wird.

Verkehrte Welt? Global Village? Egal: Die Flüge nach San Francisco und sein zweites Büro genieße er schon, sagt Bernhard Schipper. Amis seien wirklich unterhaltend.

Aber, hm, er zögert, wie soll er es formulieren? „In Dresden fühle ich mich wohler“, sagt er dann. Da habe er, der nicht aus der Stadt kommt, Heimatgefühle.

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 05/2009.

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