Diverses In Generationen zu denken, rüstet für bewegte Zeiten

Wir erleben derzeit eine erstaunliche Renaissance des Familienunternehmens in der Öffentlichkeit. Gleichzeitig beobachten wir einen Vertrauensverlust bei Finanz­gesellschaften und börsennotierten Aktiengesellschaften. Sind Familienunternehmer mithin bessere Menschen? Generell sicher nicht. Aber sie unterscheiden sich in ihren Werten.

Familienunternehmer denken nicht kurzfristig, sondern in Generationen. Das ist es, was sie unter langfristiger Perspektive verstehen: Ihr Unternehmen ist ihr Lebenswerk, dessen Fortbestand die Familie sichern muss. Und umgekehrt. Denn wenn das Unternehmen nicht mehr existiert, droht auch der Zerfall der Familie. Der Erhalt der Firma ist der übergeordnete Wert, dem sich alle individuellen Interessen unterzuordnen haben.

Deshalb hämmern vor allem Firmengründer ihren Kindern oder anderen Nachfolgern immer wieder die Botschaft ein: Du hast nicht Aktien oder Geld geerbt, sondern ein Vermögen, das belastet ist mit einer Verpflichtung – die Langfristigkeit des Unternehmens zu erhalten.

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Die Perspektive der Vorstände in den Aktiengesellschaften dagegen lautet: hohe Gewinne in kürzester Zeit. Sie geraten unter gewaltigen und fast täglichen Druck ihrer Aktionäre und Finanzanalysten. Das Augenmaß für das, was richtig und angemessen ist, geht in einem solchen Wirbel leicht unter. Wenn sich dann Gewinnstreben in Gier verwandelt, wird die Grenze der Angemessenheit oft überschritten.

Das Verhältnis zu den Mitarbeitern spielt eine untergeordnete Rolle, wenn man in einem Zeithorizont von wenigen Jahren denkt. Der Familienunternehmer dagegen kann kein Interesse daran haben, kurzfristig seine Mitarbeiter zu wechseln, wenn er selbst langfristig dem Unternehmen zur Verfügung stehen soll. Für ihn hat der Faktor Mensch eine andere Bedeutung. Allerdings stellt er auch ganz andere Anforderungen an seine Mitarbeiter, als Konzerne dies tun.

Wer in einem Familienunternehmen arbeiten will, braucht mehr als eine hohe Qualifikation. Er muss bereit sein, auf die absolute Spitzenposition zu verzichten, denn die wird in der Regel von der Familie ausgefüllt. Vor allem aber muss die Chemie stimmen zwischen ihm und dem Chef. Denn er ist den persönlichen Stärken und Schwächen des Unternehmers viel stärker ausgesetzt als ein Mitarbeiter in einer anonymen Aktiengesellschaft.

Da­raus entstehen indes Bande, die helfen, auch schwierigste Krisen gemeinsam zu meistern. Das ist für Familienunternehmer wichtiger als für den Manager. Wenn der Manager in seinem Unternehmen scheitert, kann er auf einen gleich gut dotierten Posten in einem anderen Konzern hoffen. Scheitert der Familienunternehmer, sind Vermögen, Einfluss und der gute Ruf der Familie dahin.

Doch was nutzen solche Werte, wenn es im Zeitalter der Globalisierung letztlich nur um Schnelligkeit geht? Die Antwort darauf lautet: Ge­rade in Zeiten großer Veränderung beweist sich die Beweglichkeit und rasche Entscheidungsfindung von Familienunternehmen.

Nach einer Ver­zögerungsphase am Anfang ist die Zahl der mittelständischen Familienunternehmen, die heute auf der ganzen Welt aktiv sind, außerordentlich gestiegen. Im Bereich der neuen Technologien sind eigentümergeführte Firmen häufig die Innovationstreiber. Und moderne Vertriebsformen werden fast ausschließlich von Familienunternehmen beherrscht, wie etwa Aldi, Lidl, Otto oder Tengelmann beweisen. Familienunternehmen mögen ihre Traditionen haben, sie sind aber zugleich Motoren des Fortschritts.

Jörg Mittelsten Scheid, 69, stand 40 Jahre lang an der Spitze der Vorwerk & Co KG in Wuppertal und ist heute Vorsitzender des Beirats. Das
Familienunternehmen mit 45.000 Mitarbeitern erwirtschaftet weltweit einen Jahresumsatz von 2,2 Milliarden Euro. Viele Jahre lang war er Vize-Präsident des DIHK.

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