Diverses Interview mit Prof. Dr. Jochen Zapf: „Es kann jeden treffen“

Interview mit Prof. Dr. Jochen Zapf: "Es kann jeden treffen"

Stressforscher und Mobbingexperte Prof. Dr. Jochen Zapf von der Uni Frankfurt über die Ursachen von Mobbing im Mittelstand, die Folgen für die Arbeitgeber und wie man bei Mobbingberatern die Spreu vom Weizen trennt.

Ist Mobbing ein Problem, das auf bestimmte Branchen oder Betriebsgrößen begrenzt ist?

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Nein, aus unseren Beratungserfahrungen wissen wir, dass Mobbing in allen Betriebsgrößen vorkommt. Mittelständler und Großbetriebe sind gleichermaßen betroffen. Allerdings tritt das Phänomen häufiger im öffentlichen Dienst als in der Privatwirtschaft auf, was aber auch damit zusammenhängt, dass in der freien Wirtschaft Arbeitnehmer sehr viel schneller bereit sind, ihren Arbeitsplatz zu wechseln, wenn sie erste Anzeichen von Mobbing entdecken. Der Arbeitgeber hat die Folgen zu tragen: Qualifizierte Mitarbeiter wandern ab. Einer der Kostenpunkte, die sich aus Mobbing ergeben.

Lassen sich die Kosten überhaupt beziffern?

Auf Heller und Pfennig sicher nicht. Aber wenn man überlegt, dass Mobbing kein typisches Arbeiterproblem ist, sondern meist Facharbeiter, Angestellte oder Führungskräfte betrifft, sind die Folgekosten einer Kündigung aufgrund von Mobbing nicht zu unterschätzen – der Verlust an Know-how, die Personalsuche, die Einarbeitungszeit. Und selbst wenn es zu keiner Kündigung kommen sollte: Mobbing-Opfer sind weniger leistungsfähig und ihre Fehlzeiten steigen.

Besonders kleinere Unternehmen werden von Mobbing hart getroffen. Hier sind die Arbeitsbeziehungen sehr viel persönlicher. Wird aktiv gemobbt, versickern wichtige Informationen, Arbeitsprozesse werden blockiert, streckenweise kann der Geschäftsbetrieb fast völlig zum Erliegen kommen.

Und wie kommt es im Einzelnen zu Mobbing? Eigentlich streitet sich doch niemand gerne?

Ganz allgemein ist Mobbing die Summe der ungelösten Konflikte innerhalb eines Betriebs. Folglich steigt mit der Höhe des Konfliktpotentials auch das Mobbingrisiko. Besonderes Konfliktpotential bergen unklare Zuständigkeiten, aus denen sich innerhalb der Kollegenschaft Kompetenzstreitigkeiten ergeben. Das hat oft mit einer schlechten Arbeitsorganisation zu tun, ein Problem, das Sie vor allem in kleineren Betrieben finden.

Eine weitere Konfliktquelle sind personelle Veränderungen innerhalb eines Unternehmens oder einer Abteilung. Da diese in den Unternehmen immer schneller aufeinander folgen, ist es kein Wunder, dass das Problem Mobbing in den letzten Jahren stark zugenommen hat. Je häufiger sich eine Gruppe ändert, desto größer wird die Gefahr von Anpassungsschwierigkeiten. Um so wichtiger ist eine saubere Einarbeitung neuer Arbeitnehmer. Nicht allein in die Arbeitsabläufe, sondern auch in die sozialen Prozesse.

Kann ich als Chef dem gemobbten Mitarbeiter überhaupt noch helfen? Und wenn ja, wie?

Wenn die Situation eskaliert ist, bietet es sich vor allem für kleinere Betriebe an, externe Berater hinzu zu ziehen. Mobbingfälle sind schwer zu rekonstruieren und ein Unternehmer hat wohl weder Zeit noch Nerven, sich haargenau mit allen Einzelheiten auseinander zu setzen. Speziell eingerichtete Beratungsstellen der Kirchen oder Krankenkassen, an die sich außer Mobbing-Opfer auch Führungskräfte – bei Bedarf anonym – wenden können, entlasten da doch sehr.

Selbsternannte Mobbing-Berater haben Konjunktur. Alleine im Internet findet sich eine Fülle an Angeboten von Anwälten, Psychologen oder Unternehmensberatern, die ihre Dienste anbieten. Worauf sollte man achten?

Leider ist nicht jeder dieser angeblichen Experten wirklich kompetent. Je mehr Berater auf den Mobbing-Zug aufspringen, desto größer wird die Anzahl der schwarze Schafe. Viel zu häufig beschränkt sich deren Erfahrung auf die Lektüre des Mobbing-Buchs von Heinz Leymann. Mein Tipp an den Unternehmer: Lassen Sie sich von den in mittlerweile fast allen größeren Städten vorhandenen Mobbing-Selbsthilfegruppen oder dem Verein gegen psychosozialen Stress und Mobbing e.V. geeignete Ansprechpartner nennen und erkundigen Sie sich genau nach deren Referenzen.

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