Diverses Irrläufer im Kabinett

Klaus Schweinsberg, Herausgeber

Klaus Schweinsberg, Herausgeber

Die neue Regierung ist so wohltuend anders. Man merkt sie nicht. Wären da nicht drei Fanfarons, die keine Gelegenheit auslassen, sich lärmend in die Öffentlichkeit zu drängen.

Da ist zum einen Horst Seehofer, dem offenbar niemand gesagt hat, dass er dem neuen Kabinett als Agrar- und nicht als Gesundheitsminister angehört. Kein Tag vergeht, an dem der selbst ernannte Robin Hood des Sozialstaats nicht der Öffentlichkeit seine Weisheiten aufdrängt. Während Merkel und Müntefering für ihre ersten und gar nicht so falschen Reformvorstöße die Prügel einstecken müssen, sonnt sich der Bayer im Beifall der kleinen Leute.

Der zweite Störfall im Kabinett ist der neue Umweltminister Sigmar Gabriel. Für den notorischen politischen Selbsterreger ist sein Ministerium nicht mehr als ein Karriereturbo. Polternd fällt er über Kabinettskol­legen her. In dem sicheren Glauben, dies bringe ihn seinem eigentlichen Ziel näher: dem Kanzleramt. Seine offensive Präsenz auf allen Kanälen ist eine Form von medialer Umweltverschmutzung, die nicht nur seiner Regierung schadet, sondern das ohnehin angeschlagene Ansehen der Berufspolitiker weiter ramponiert.

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Zwischen diesen beiden Lautsprechern wuselt einsam und verloren, aber mit ähnlich verheerender medialer Präsenz, der neue Wirtschaftsminister herum. Michael Glos hat es in nur wenigen Wochen geschafft, die Wirtschaft zu ver­unsichern. Gleich­zeitig steigt die Zahl der Mitarbeiter in seinem Haus, die sich hinter ihren ­Aktendeckeln verschanzen, weil sie mit den Einfällen ihres neuen Chefs nicht konfrontiert werden wollen. Sei es, dass er den Deutschen rät, nur noch in Eifel und Rhön Urlaub zu machen. Oder die Tarifparteien auffordert, doch endlich mal wieder richtig Geld fließen zu lassen.

Gewiss, unter Gerhard Schröders Ägide wäre keiner der drei sonderlich aufgefallen. Dessen Kabinett war ohnedies ein Jahrmarkt der Eitelkeiten. Die aktuelle Regierung zeichnet sich hingegen bis jetzt dadurch aus, dass sich ihre Mitglieder ohne viel Auf­hebens und sehr diszipliniert an die Lösung von Sachfragen herantasten.

Das ruhige Arbeiten ohne pompöse Medienbegleitung honoriert die Bevölkerung und gibt der Kanzlerin in Popularitätsumfragen beste Noten. Lässt Merkel das Dreigestirn aus Eitelkeit, Karrieresucht und Unbeholfenheit indes weiter gewähren, wird die Stimmung rasch kippen. Merkel braucht aber diesen Rückhalt, um ­ihre Politik der neuen Sachlichkeit letztlich durchsetzen zu können.

Aus diesem Grunde muss es ­Merkels – und übrigens auch Münteferings – vordringliches Ziel sein, die drei Irrläufer möglichst rasch einzufangen. Oder besser noch: aus dem Kabinett zu entfernen.

 

Klaus Schweinsberg, Chefredakteur

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