Diverses Ist sie edel, knirscht sie

Krefeld war ein Mekka der Krawattenherstellung. Heute produziert nur noch Ascot Seidenbinder am Niederrhein. Drückt man die und reibt zart, machen sie komische Geräusche.

Seit 101 Jahren fertigt die Ascot Karl Moese GmbH Krawatten, bis zu 600 Stück täglich. Oberstoff, Etiketten und Futter kommen hier zueinander. Rund 20 Angestellte arbeiten in der traditionsreichen Produktionsstätte am Niederrhein. „Qualitätsmerkmal der Krawatte ist der Knirsch. Dann merkt man, dass sie aus Seide ist“, sagt Barbara Pauen, Tochter des Firmenchefs Wolfgang Moese. Sie ist mit ihrem Bruder Jan Moese und dem Vater für die Geschäfte zuständig. Die Nachfrage nach den Bindern sei rückläufig. Der Krawattenumsatz fiel von fünf auf drei Millionen Euro, abfedern konnten die Moeses diesen Einbruch unter anderem wegen der stärkeren Nachfrage für Schals.

Die Krefelder sind der letzte Fabrikant, der noch am Niederrhein fertigt. „Es gibt viele Krawattenfirmen und Seidenwebereien, doch die produzieren in China“, so Pauen. Krefeld durchlief in den letzten dreißig Jahren einen tiefgreifenden Strukturwandel: Tragender Wirtschaftszweig ist heute die Schwerindustrie, von der „Stadt wie Samt und Seide“ – so der Beiname – gibt es nur noch Überbleibsel. Wenn auch nicht wenige. „Das Textilgewerbe in Krefeld liegt immer noch deutlich über dem Landesdurchschnitt“, sagt Rainer Nöfer von der Industrie- und Handelskammer. Auch der Schlips könne sich weiterhin behaupten, den Ton in Sachen Krawattenmoden bestimme immer noch Krefeld. Der Schlüssel zum Erfolg sei die Spezialisierung. Da gebe es viele Beispiele aus dem einstigen Seidenmekka, etwa in der Segelproduktion oder in der Stoffherstellung für Medizinprodukte.

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Agieren in der Nische

Auch Ascot agiert in der Nische, indem sich der Betrieb auf hochwertige Krawatten konzentriere. Mit deutscher und italienischer Seide entstehen die Edelbinder. 18 Arbeitsschritte sind notwendig, um den Stoff richtig zusammen zu falten. Die hochwertigen Krawatten ließen sich nur herstellen, wenn man mit lokalen Partnern zusammenarbeitet, so Pauen.

Im Detail meint die gelernte Textilingenieurin damit unter anderem den Oberstoff sowie die Einlage. Ist die Krawatte aus Seide, dann knirscht es, wenn man den Stoff drückt und zart reibt. Die Einlage besteht aus einer gerauten Wollmischung. Diese sorgt dafür, dass sich der Schlips , etwa nach einem langen Arbeitstag, von selbst aushängt und die Stofffalten verschwinden.

Wer an der Krawattenherstellung beteiligt ist:

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Oberstoff: Seidenweberei Güsken, Krefeld

Nähgarn: Amann, Bönningheim

Futter: Devetex Krefeld

Etikett: Dieter Steffen GmbH, Wuppertal

Nadeln: Schmetz, Herzogenrath

Nähmaschine: Dürkopp Adler, Bielefeld

Bandmesser: Wastema, Veringenstadt

Anhänger: Scherpe, Krefeld

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Oberstoff: Seidenweberei Güsken, Krefeld

1932 übernahm Ludwig Güsken das 1918 gegründete Unternehmen. Heute leitet Enkel Cornel den Betrieb mit 60 Angestellten. Die Weber produzieren den Stoff vollständig in Krefeld. Eigene Krawatten stellt Güsken in China her, das Werk wurde 2006 in Meixian gegründet.

„Es war für uns undenkbar, dass wir irgendwann auch Krawatten herstellen“, sagt Vertriebschef Silvio Piseddu. Doch nur so könne die Firma überleben. Krise und Billiglohnkonkurrenz setzen dem Familienbetrieb zu. „Um die Weberei zu stützen, haben wir andere Standbeine aufgebaut“, so Piseddu. Neben der Krawattenherstellung haben die Krefelder auch Geschäftsfelder im Web gefunden. Da vertreiben sie Fahnen, Banner und Tücher über insgesamt sechs Portale.

Oberstoff: Seidenweberei Güsken, Krefeld

Nähgarn: Amann, Bönningheim

Futter: Devetex Krefeld

Etikett: Dieter Steffen GmbH, Wuppertal

Nadeln: Schmetz, Herzogenrath

Nähmaschine: Dürkopp Adler, Bielefeld

Bandmesser: Wastema, Veringenstadt

Anhänger: Scherpe, Krefeld

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Nähgarn: Amann, Bönningheim

Das Unternehmen aus dem Zabergäu operiert mit seinen 1500 Mitarbeitern international. Die Firma mit 20 Tochtergesellschaften weltweit ist einer der größten Hersteller von Nähgarn. Amann spinnt unter anderem den Faden, der die Krawatte zusammenhält. Über 40.000 Kilometer werden pro Stunde produziert, das entspricht locker dem Erdumfang.

Pro Tag kommt Amann auf 1,1 Millionen Kilometer Nähfaden. Um die linienförmigen Textilprodukte herzustellen, verarbeiten Maschinen synthetische Vorprodukte. Grundstoff der einzelnen Fäden – im Fachjargon Multfilamente genannt – ist meist Polyester. Um die Filamente herzustellen, wird Spinnmasse durch Siebe („Brauseköpfe“) gepresst. Die Fadenherstellung ist stark maschinell geprägt. In der Spinnerei oder Zwirnerei laufen die Anlagen rund um die Uhr.

Oberstoff: Seidenweberei Güsken, Krefeld

Nähgarn: Amann, Bönningheim

Futter: Devetex Krefeld

Etikett: Dieter Steffen GmbH, Wuppertal

Nadeln: Schmetz, Herzogenrath

Nähmaschine: Dürkopp Adler, Bielefeld

Bandmesser: Wastema, Veringenstadt

Anhänger: Scherpe, Krefeld

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Futter: Devetex Krefeld

Das Innenleben der Krawatte, das Futter, gilt als wichtiges Merkmal einer Ascot. Aus Zettelbäumen und Garn wird eine Webkette gesponnen, der Futterstoff. Zettelbaum ist der Fachausdruck für gerollten Faden. Der Futterstoff wird gefärbt, gewaschen, in die Krawatte eingearbeitet. Devetex entstand 1997 als Fusion der Firmen Delius und Verseidag und wurde europäischer Marktführer für Futterstoff. Die Situation ist angespannt: 2008 entließ das Unternehmen 133 Mitarbeiter, ein Drittel der Belegschaft. In Krefeld arbeiten 60 Angestellte.

Oberstoff: Seidenweberei Güsken, Krefeld

Nähgarn: Amann, Bönningheim

Futter: Devetex Krefeld

Etikett: Dieter Steffen GmbH, Wuppertal

Nadeln: Schmetz, Herzogenrath

Nähmaschine: Dürkopp Adler, Bielefeld

Bandmesser: Wastema, Veringenstadt

Anhänger: Scherpe, Krefeld

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Etikett: Dieter Steffen GmbH, Wuppertal

Seit 40 Jahren handelt der 62-jährige Dieter Steffen mit den kleinen Schildchen. „Etikette ist mein Leben“, sagt der Unternehmer doppeldeutig. Sein Ruhrpott-Akzent ist dabei nicht zu überhören. Fünf Mitarbeiter beschäftigt er im Vertrieb, produziert wird nur an Webautomaten in Wuppertal, darauf legt Steffen wert.

An einer Ascot haften drei Etiketten, die zumeist aus dem Stoff Color-Satin bestehen. Solche Etiketten zeichnen sich durch eine hohe Schussdichte aus. Zwei Arten von Fäden winden sich durch die Etikette. Kett – und Schussfäden. Kettfäden laufen längs, Schussfäden füllen den Zwischenraum. Aus dieser dichten Verwebung entsteht der Oberstoff.

Oberstoff: Seidenweberei Güsken, Krefeld

Nähgarn: Amann, Bönningheim

Futter: Devetex Krefeld

Etikett: Dieter Steffen GmbH, Wuppertal

Nadeln: Schmetz, Herzogenrath

Nähmaschine: Dürkopp Adler, Bielefeld

Bandmesser: Wastema, Veringenstadt

Anhänger: Scherpe, Krefeld

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Nadeln: Schmetz, Herzogenrath

Der Nadelhersteller entstand 1851. Lange boomte das Geschäft mit angespritztem Draht. Nicht die Krawattennadel, sondern das Produktionsteil ist gemeint. Schmetz lieferte nach Norditalien, hier blühte die Krawattenproduktion. Heute beschäftigt das Unternehmen aus dem Ort bei Aachen 800 Mitarbeiter weltweit. Spezialgebiet: die Produktion von Nadeln für Nähmaschinen. „Die Krawattennadel ist nicht mehr zeitgemäß“, so Geschäftsführer Jörg Lehnen. Die Nadel wurde bei der maschinellen Herstellung benötigt, um den Faden durch die Krawatte zu ziehen. Dieser Arbeitsschritt wird heute zumeist in China per Hand erledigt.

Oberstoff: Seidenweberei Güsken, Krefeld

Nähgarn: Amann, Bönningheim

Futter: Devetex Krefeld

Etikett: Dieter Steffen GmbH, Wuppertal

Nadeln: Schmetz, Herzogenrath

Nähmaschine: Dürkopp Adler, Bielefeld

Bandmesser: Wastema, Veringenstadt

Anhänger: Scherpe, Krefeld

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Nähmaschine: Dürkopp Adler, Bielefeld

Die AG beliefert Ascot mit Schnellnähmaschinen. Die schaffen 5000 Stiche pro Minute, fünfmal so viele wie herkömmliche Geräte. Sie arbeiten das Futter in die Krawattenspitze ein. Kommen die Schnellnäher zu Ascot, sind sie bereits auf ein bestimmtes Material programmiert, können also nur dieses verarbeiten.

Die Nähmaschinen wurden ursprünglich von der Firma Kochs Adler entwickelt. 1990 fusionierten Kochs Adler und Dürkopp. Der Umsatz des Konzerns belief sich im ersten Halbjahr 2009 auf 36 Millionen Euro, hat sich im Vergleich zum Vorjahr fast halbiert. 300 von mehr als 1700 Mitarbeitern wurden entlassen. Besonders im Geschäftsbereich Nähtechnik musste die Aktiengesellschaft, zu der 12 Tochtergesellschaften gehören, Auftragseinbrüche hinnehmen. Hier gab es in den letzten Jahrzehnten tiefgreifende Veränderungen – auch, weil in China für viele Arbeitsschritte keine Maschinen mehr benötigt werden.

Vor rund 15 Jahren produzierte Dürrkopp für Firmen wie Ascot noch das „Karussell“. Der Name leitet sich von der Produktionsart ab: Stoff rein, vornähen, Stoffkanten beschneiden, bis sich der Kreis schließt. Produktmanager Dietrich Kähler erinnert sich: „Das Karussell war eigentlich für Hemden gedacht, wurde dann aber für die Krawatte abgewandelt“.

Oberstoff: Seidenweberei Güsken, Krefeld

Nähgarn: Amann, Bönningheim

Futter: Devetex Krefeld

Etikett: Dieter Steffen GmbH, Wuppertal

Nadeln: Schmetz, Herzogenrath

Nähmaschine: Dürkopp Adler, Bielefeld

Bandmesser: Wastema, Veringenstadt

Anhänger: Scherpe, Krefeld

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Bandmesser: Wastema, Veringenstadt

„Der Zuschnitt von Textilien ist vergleichbar mit dem Fundament eines Bauwerks, jeder Fehler hat Folgen“, sagt Geschäftsführer Claus Steinhäuser. In dem kleinen Dorf auf der Schwäbischen Alb stellt das Familienunternehmen in dritter Generation Bandmesser her. Das sind Schnittroboter. Flaggschiff ist der STV 492 (Steinhäuser Textilmaschine Veringenstadt). Auf acht Quadratmetern schnippeln die Geräte die Krawatte in Form. Die GmbH beschäftigt 30 Mitarbeiter, produziert neben Schneidemaschinen Untergestelle für Nähmaschinen.

Oberstoff: Seidenweberei Güsken, Krefeld

Nähgarn: Amann, Bönningheim

Futter: Devetex Krefeld

Etikett: Dieter Steffen GmbH, Wuppertal

Nadeln: Schmetz, Herzogenrath

Nähmaschine: Dürkopp Adler, Bielefeld

Bandmesser: Wastema, Veringenstadt

Anhänger: Scherpe, Krefeld

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Anhänger: Scherpe, Krefeld

70 Jahre produziert das Unternehmen bereits in der Seidenstadt, heute Anhänger, früher auch Schallfolien, also Tonträger. Ihre Laufrillen wurden unter Druck ins Material geprägt, ähnlich wie die Heißfolie bei Anhängern. Technisch ein komplizierter Vorgang.

Auf einem Druckbogen befinden sich 20 Anhänger. Nachdem diese ausgestanzt worden sind, wurschteln Heimarbeiter die Kordel durch die Lochhalterung, damit der Anhänger auch zum Anhänger wird. Prokurist Heinrich Peters vereinfacht den Vorgang: „Drucken, prägen, stanzen.“ Zwei Tochterfirmen gehören zu Scherpe und sitzen in Norderstedt und Düren. Vor etwa vier Jahren ging die Druckerei an den Investor Aurelius.

Oberstoff: Seidenweberei Güsken, Krefeld

Nähgarn: Amann, Bönningheim

Futter: Devetex Krefeld

Etikett: Dieter Steffen GmbH, Wuppertal

Nadeln: Schmetz, Herzogenrath

Nähmaschine: Dürkopp Adler, Bielefeld

Bandmesser: Wastema, Veringenstadt

Anhänger: Scherpe, Krefeld

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