Diverses Kapitalspritze lohnt sich nicht für jeden Betrieb

Nur wenige Chefs beteiligen ihre Mitarbeiter am Unternehmen. Die jüngsten gesetzlichen Neuregelungen sollen das ändern. Doch die Kapitalspritze aus den eigenen Reihen macht sich nicht immer bezahlt. Experten raten zur Vorsicht.

Toni Werner hat gegenüber zahlreichen anderen mittelständischen
Unternehmern derzeit einen Vorteil:
Für seine Bank ist er eine erste
Adresse,
trotz Wirtschaftskrise. Schon
1998 wandelte der Inhaber der Werner
AG im bayerischen Laufach seine Möbelschreinerei
in eine Aktiengesellschaft
um. An zehn seiner 15 Mitarbeiter vergab
er vinkulierte Namensaktien, also
Aktien, die nicht ohne Zustimmung weiterverkauft
werden dürfen. Mit rund
25.000 Euro pro Kopf kauften die Angestellten
sich in die neue Gesellschaft ein.

Beide Seiten haben davon profitiert:
Werner verschaffte sich eine bessere
Eigenkapitalbasis
und damit Luft für
Investitionen.
Die Mitarbeiter haben als
Quasimitunternehmer ein ganz anderes
Selbstverständnis als früher und verdienen
über die Gewinnbeteiligung mit. „Alle
ziehen hundertprozentig an einem
Strang“, freut sich Werner. „Jetzt stehen
wir sehr gut da und haben mit der Rezession
nichts zu tun.“

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Einblick in Geschäftsunterlagen
Unternehmen wie die Werner AG hatte
die Große Koalition bei der Neuregelung
der Mitarbeiterkapitalbeteiligungen im
Hinterkopf. Die jüngsten Neuregelungen,
die Anfang April in Kraft traten und rückwirkend
seit Jahresbeginn gelten, sollen
Unternehmern die Einbindung ihrer Mitarbeiter erleichtern. Chefs können
jetzt zum Beispiel bis zu 360 Euro steuerfrei
an ihre Mitarbeiter zahlen, wenn diese
das Geld wieder zur Stärkung des Firmenkapitals
in den Betrieb stecken. Bislang
lag der Freibetrag bei 135 Euro.

Neue Köder für Mittelständler

Die Mitarbeiterkapitalbeteiligung war in deutschen Firmen bislang wenig beliebt.
Dabei kann sie helfen, die Kapitalbasis zu verbessern und Mitarbeiter zu motivieren. Ob
die jüngsten Neuregelungen das Interesse der Unternehmer wecken, ist noch unklar.

Freie Entscheidung
Besteht in der Firma bereits ein Modell für die Beteiligung der Mitarbeiter, kann der Unternehmer
die alten Regelungen noch bis zum 31. Dezember 2015 weiter gelten lassen.

Mehr Förderung
Die Neuregelung sieht vor, dass der Chef bis zu 360 Euro steuerfrei zuschießen kann, wenn
der Mitarbeiter eine gleich hohe Beteiligung zeichnet. Bislang waren es 135 Euro.

Weniger Auswahl
Unternehmer konnten bislang frei entscheiden, welche Mitarbeiter sie an der Firma beteiligen.
Steuerliche Zuschüsse gibt es künftig nur noch dann, wenn allen Mitarbeitern ein
Beteiligungsangebot gemacht wird. Das soll die Solidarität fördern.

Neue Möglichkeiten
Die Förderung von Aktienfondsanteilen entfällt. Dafür können von den Unternehmen
Mitarbeiterbeteiligungsfonds
eingerichtet werden.

In der Vergangenheit stießen Mitarbeiterbeteiligungen
nur auf wenig Interesse.
Angestellte zu Teilhabern zu machen,
die womöglich noch Einblick in die
internen Geschäftsunterlagen haben –
das ist besonders für mittelständische
Unternehmen häufig noch undenkbar.

Hinzu kommt: Die Einführung ist kompliziert,
und es gibt kaum Vorbilder. „In
Deutschland sind bisher rund 4275 Firmen
teilweise in der Hand der Mitarbeiter“,
sagt Volkmar Hanf von der
Unternehmensberatung GIZ in Kassel,
die auf Modelle zur Mitarbeiterbeteiligung
spezialisiert ist. Das entspricht gerade
mal etwa zwei Prozent aller Unternehmen.

Ob die Betriebsinhaber in Zukunft
häufiger Kapital von den Mitarbeitern
einsammeln, ist noch offen. Überzeugte
Alleininhaber werden sich wohl auch
künftig kaum dafür erwärmen.

Unternehmer wie Werner, die
die Mitarbeiterkapitalbeteiligung
erfolgreich eingeführt haben,
schwärmen dagegen von den Vorteilen
der Kapitalspritze aus den eigenen Reihen:
von weniger Fluktuation bei den
Angestellten, einem besseren Rating wegen
der hohen Eigenkapitalquote und davon,
dass die Mitarbeiter ihr Geld wegen
der attraktiven Verzinsung langfristig im
Unternehmen lassen – sei es als Darlehensgeber,
über eine stille Beteiligung,
per Genussrechte oder sogar durch Übernahme
eines GmbH-Anteils.

Wichtigste Voraussetzung: Vertrauen

Grundsätzlich gilt aber: Bevor Chefs
Partizipationsmöglichkeiten schaffen,
müssen sie genau prüfen, ob sich das
lohnt. „Für Unternehmer, die schnell
Geld brauchen, sind die Mitarbeiterkapitalbeteiligungsmodelle
nichts“, sagt Norbert
Bröcker, Rechtsanwalt und Partner
bei der Kanzlei Hoffmann Liebs Fritsch &
Partner. „Wenn aber die Voraussetzungen
stimmen, ist die Mitarbeiterkapitalbeteiligung
ein interessanter Weg zur
Liquiditätsschonung
oder sogar zur Kapitalbeschaffung.“

Wichtigste Voraussetzung ist, dass
Unternehmer
und Angestellte sich vertrauen.
„Ohne eine partnerschaftliche
Unternehmenskultur sind Mitarbeiterbeteiligungen
sinnlos“, warnt Hanf. Immerhin
bilden Chef und Angestellte eine
Schicksalsgemeinschaft: Macht das Unternehmen
Gewinn, erhalten die Mitarbeiter
ihren Anteil davon – schreibt die
Firma rote Zahlen, stehen die Mitarbeiter
je nach Beteiligungsform im Rahmen
ihrer Einlage auch für Verluste gerade.

Förderung geht am Bedarf vorbei

Um Vertrauen aufzubauen, muss die
Belegschaft
deswegen das angebotene
Beteiligungsmodell verstehen, sonst wird
es nicht angenommen. Überzeugen können
Unternehmer ihre Mitarbeiter nur,
wenn sie ein maßgeschneidertes Konzept
anbieten. Wie viel Geld soll jeder mitbringen?
Wie lange soll das Geld in der
Firma bleiben? Und wie kann die Firma
die Mitarbeiterbeteiligungen absichern?

Dabei dürfen Unternehmer ihre Ziele
nicht aus dem Blick verlieren. Gab es
auch früher bei der Mitarbeiterbeteiligung
schon Fußangeln, so haben die
Neuregelungen das verschärft: Steuerliche
Förderung gibt es zum Beispiel künftig
nur noch dann, wenn sich das Angebot
zur Beteiligung an alle Arbeitnehmerrichtet, die ein Jahr oder länger beschäftigt
sind.

Sechs Optionen für eine Beteiligung

Wer seine Mitarbeiter an der eigenen Firma beteiligen will, hat die Wahl zwischen einem
halben Dutzend unterschiedlicher Modelle. Auch Kombinationen sind möglich

1. Mitarbeiterdarlehen

Das Prinzip: Der Chef besorgt sich einen Teil des Kapitals bei seinen Angestellten. Die
Firma zahlt für die Darlehen mehr Zinsen, als die Mitarbeiter bei der Bank bekämen.

Steuer: Die Kreditkosten sind als Betriebsausgaben absetzbar.

Recht: Keine Mitsprache- oder Kontrollrechte für die Darlehensgeber.

impulse-Bewertung: Einfach und flexibel. Gut als Ergänzung zu anderen Modellen.

2. Genussscheine

Das Prinzip: Die Firma beteiligt Mitarbeiter durch Genussrechte am Gewinn. Sie kann
Verzinsung, Laufzeit, Kündigung und Verlustbeteiligung weitgehend frei gestalten.

Steuer: Ausschüttungen sind Betriebsausgaben, wenn die Genussrechte nur eine
Gewinnbeteiligung verbriefen. Zu einem Viertel wird allerdings Gewerbesteuer fällig.

Recht: Die Mitarbeiter erhalten keine Mitsprache- und Kontrollrechte.

impulse-Bewertung: Das Modell sichert dauerhaft Finanzmittel.

3. Stille Beteiligung

Das Prinzip: Mitarbeiter beteiligen sich mit einer Einlage. Sie erhalten dafür eine reine
Gewinnbeteiligung oder eine Gewinn- und Verlustbeteiligung sowie eine Verzinsung.

Steuer: Gewinnausschüttungen sind steuermindernde Betriebsausgaben, kosten
allerdings Gewerbesteuer.

Recht: Nur eingeschränkte Kontrollrechte.

impulse-Bewertung: Speziell geeignet für Führungskräfte, weil sie am Erfolg teilhaben.

4. GmbH-Anteile

Das Prinzip: Mitarbeiter kaufen sich ins Unternehmen ein und erhalten Gesellschaftsanteile, die Firma langfristiges Eigenkapital.

Steuer: Gewinnausschüttungen an die Anteilseigner sind nicht absetzbar.

Recht: Teilhaber bekommen Mitspracherechte in der Gesellschafterversammlung.

impulse-Bewertung: Geeignet für Firmen, die Führungskräfte mit Gesellschafterrechten eng an sich binden wollen.

5. Belegschaftsaktien

Das Prinzip: Das Unternehmen ist eine AG und beteiligt Mitarbeiter durch Ausgabe von Aktien an Vermögen, Gewinn und Verlust.

Steuer: Dividenden sind eine Gewinnverwendung, also keine Betriebsausgabe.

Recht: Stimmrechte können durch die Ausgabe von Vorzugsaktien ausgeschlossen werden.

impulse-Bewertung: Billiger ist nicht an Kapital zu kommen. Empfiehlt sich für Firmen mit ordentlichem Wachstum und entsprechendem Kapitalbedarf.

6. Beteiligungsfonds

Das Prinzip: Angestellte kleiner und mittlerer Betriebe legen ihre vermögenswirksamen Leistungen in Beteiligungsfonds an.

Steuer: Zinsen sind für die Firma Betriebsausgaben, kosten allerdings Gewerbesteuer.

Recht: Anleger erhalten nach einer Frist die Möglichkeit, ihre Anteile zurückzufordern.

impulse-Bewertung: Für Firmen unsicher, weil sie nicht wissen, ob das Geld via Beteiligungsgesellschaft zurückfließt.

Das will längst nicht jeder
Firmenchef.
Schließlich sind mit einer
stärkeren Kapitaleinbindung häufig
Informations-
oder auch Mitwirkungsrechte
verbunden. Unproblematisch ist
so etwas wohl nur bei altbewährten Mitarbeitern,
die mit dem Chef an einem
Strang ziehen – wie zum Beispiel bei der
Werner AG.

Exklusive Programme, etwa nur für
bestimmte Manager, werden nicht gefördert.
Ein Fehler, denn Unternehmer verbinden
mit ihren Beteiligungsangeboten
häufig den Wunsch, gerade hochqualifizierte
Manager dauerhaft an den Betrieb
zu binden. Für sie ist das ein Instrument,
um den Abfluss von wichtigem Knowhow
zu verhindern. „Um weniger qualifizierte
Angestellte zu motivieren, bietet
sich häufig ohnehin eher eine Sonderzahlung
an“, gibt Rechtsanwalt Bröcker
zu bedenken.

Auf wenig Begeisterung stößt auch das
neue Instrument des Mitarbeiterbeteiligungsfonds.
Neben der direkten Beteiligung
an der eigenen Firma können die
Mitarbeiter verschiedener Unternehmen
das vom Chef spendierte Geld künftig in
einen solchen Fonds einzahlen. Der
Fondsmanager kann dann das eingesammelte
Kapital in eine oder mehrere der
teilnehmenden Firmen stecken, muss es
aber nicht. „Viel zu unflexibel und keinerlei
Leistungsanreiz“ sei dies, moniert
Hans Heinrich Driftmann, der neu
ernannte
Präsident des Deutschen Industrie-
und Handelskammertags.

Steuerberater basteln eifrig an Möglichkeiten,
wie Unternehmer unliebsame
Bestimmungen abmildern können. So ist
etwa die reine steuerbegünstigte Beteiligung
der Mitarbeiter nach dem neuen
Gesetz in der gegenwärtigen Wirtschaftslage
eher unsinnig: Chefs haben wenig
davon, wenn sie mit der einen Hand
360 Euro verschenken und es mit der
anderen
wieder einsammeln.

Um tatsächlich die Finanzkraft der
Firma
zu stärken, sind weitere Schritte
nötig. „Der Chef kann das Beteiligungsgeschenk
beispielsweise an die Bedingung
knüpfen, dass die Mitarbeiter
gleichfalls eigenes Kapital in den Betrieb
stecken“, rät der Münchner Steuerberater
Sven Fritsche von der Kanzlei RP
Richter & Partner.

Immer eine Einzelfallentscheidung

Wegen der zahlreichen möglichen Probleme
raten Experten Unternehmern, sich
bereits im Vorfeld abzusichern. Wichtig
sind etwa Regelungen für den Fall, dass
Mitarbeiter ausscheiden: Sie müssen bereits
beim Kauf ihres Anteils zu dessen
Rückgabe verpflichtet werden. Und zwar
zum ursprünglichen Preis, damit sie nicht
von der Rückzahlung profitieren.

Mitarbeiterkapitalbeteiligung macht
also viel Arbeit. Doch gerade in Krisenzeiten
kann eine nüchterne gemeinsame
Bestandsaufnahme der Unternehmenslage
helfen, die Weichen für Überleben
und Wachstum der Firma neu zu stellen.
„Ob das Instrument infrage kommt, sollte
aber immer eine Einzelfallentscheidung
bleiben“, sagt Bröcker.

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