Diverses Kaum noch Deckung für Exporteure

Selbst für Lieferungen in EU-Länder und die USA bekommen Exporteure praktisch keine Kreditversicherung mehr. Besonders stark trifft es Automobilzulieferer und metallverarbeitende Betriebe. Jetzt soll der Staat einspringen.

Für Harald Purainer birgt die Rezession
immer neue Risiken. Der Finanzvorstand
der bayerischen Schattdecor-
Gruppe muss täglich befürchten, dass
Kunden pleitegehen und der Weltmarktführer
für bedruckte Dekorpapiere auf
unbezahlten Rechnungen in Millionenhöhe
sitzen bleibt. Noch vor Kurzem war
Schattdecor gegen solche Ausfälle über
Warenkreditversicherungsverträge weitgehend
abgesichert, doch der Versicherer
winkt immer häufiger ab.

„Wir erhielten
in den ersten Monaten 2009 praktisch
täglich die Mitteilung, dass einer unserer
Kunden gestrichen wurde“, sagt Purainer.
Inzwischen kann Schattdecor, seine 1100
Mitarbeiter setzen etwa 400 Millionen
Euro um, nicht einmal mehr 70 Prozent
des Geschäftsvolumens absichern. Ein
Riesenproblem: Die Firma macht das
Gros der Umsätze mit laufender Auftragsfertigung
für rund 200 Großkunden in aller
Welt. „Da müssen wir von heute auf
morgen entscheiden, ob wir Ausfallrisiken
von mehreren Millionen Euro selbst
schultern oder die Auslieferung stoppen,
auch wenn die Ware bereits auf Lager
liegt“, klagt Purainer.

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Die Hermesdeckung vom Staat

Theoretisch könnte Schattdecor seine
Auslandsgeschäfte neuerdings auch vom
Staat absichern lassen: über Hermesdeckungen.
Zwar sind EU-Mitgliedsstaaten
und OECD-Kernländer (Australien,
Island, Japan, Kanada, Neuseeland,
Norwegen, Schweiz und die USA) bislang
von dieser Beihilfe ausgenommen,
aber in Zeiten der Wirtschaftskrise zeigt
sich die zuständige EU-Kommission
großzügig.

Bereits im Dezember 2008
wurde eine befristete Flexibilisierung der
Regelung beschlossen.
Seitdem dürfen die Mitgliedsstaaten
ausnahmsweise – und nur bis Ende
2010 – Deckungen übernehmen. Bedingung
ist der Nachweis, dass es keine
andere Absicherung gibt. Dazu muss
entweder
ein privater Kreditversicherer
bestätigen, dass er keinen Schutz für ein
bestimmtes Land mehr gewährt. Alternativ
können auch vier etablierte Exporteure
bei der Kommission belegen, dass
sie keine private Absicherung erhalten.

Zähes Prüfungsverfahren

Eigentlich sollte die EU-Kommission
innerhalb von zwei Monaten entscheiden,
wer wo auf die Ausnahmeregelung
hoffen darf. Von deutscher Seite wurden
bereits Anfang April für 18 EU- und
OECD-Staaten die nötigen Belege beigebracht,
darunter Frankreich, Österreich
und die USA. Mit der Prüfung der Anträge war Brüssel
allerdings auch Mitte Juli noch nicht
fertig. „Das Verfahren gestaltet sich reichlich
zäh“, klagt Alexander Lau, Referatsleiter
Außenhandelspolitik beim Deutschen
Industrie- und Handelskammertag
(DIHK) in Brüssel, „aber wir sind zuversichtlich,
dass auch die letzten technischen
Fragen bald geklärt sind.“

Unternehmen stehen im Regen

Ablehnungen vorzuweisen war für die
betroffenen Unternehmer kein Problem.
Angesichts weltweit dramatisch sinkender
Umsätze und steigender Insolvenzrisiken
stufen Versicherer derzeit im
großen Stil Unternehmen, aber auch
ganze Branchen und Länder in ihrer
Bonität
herab, kürzen Limits und verweigern
Deckungen – für Exportgeschäfte
wie für den Handel im Inland. 23 Prozent
der Mittelständler, die nach einer
aktuellen Umfrage des DIHK über verschlechterte
Kreditkonditionen klagen,
nennen fehlende Kreditversicherungen
als Ursache.

Besonders stark sind Automobilzulieferer
(28 Prozent), metallverarbeitende
Betriebe (32 Prozent) und Unternehmen
im Druckgewerbe (34 Prozent) vom
Versicherungsnotstand
betroffen. „Die
Angebotsverknappung bei Warenkreditversicherern
gefährdet die Finanzierung
ganzer Lieferketten“, warnt Alexandra
Böhne, Referatsleiterin Unternehmensfinanzierung
beim DIHK. Und Andreas
Möhlenkamp, Hauptgeschäftsführer im
Wirtschaftsverband Stahl- und Metallverarbeitung,
ärgert sich stellvertretend
für seine Mitglieder über „den Regenschirm,
der eingezogen wird, sobald es
anfängt zu regnen“.

Schutz von Vater Staat

Die Bundesrepublik unterstützt den
Außenhandel bereits seit 60 Jahren mit
Exportkreditgarantien, den sogenannten
Hermesdeckungen. Wichtige Fakten:

Risikomärkte Mit der staatlichen
Hilfe sollen die deutsche Exporteure vor
Zahlungsausfällen bei der Lieferung
in schwierige und risikoreiche Märkte geschützt
werden. Bisher werden rund
75 Prozent aller Hermesdeckungen für
Lieferungen in Entwicklungs- und
Schwellenländer gewährt. Für diese
Märkte gibt es kaum Angebote
von den privaten Kreditversicherern.

Mittelstand vorn Mehr als drei Viertel
der Anträge auf Hermesdeckungen werden
von mittelständischen Unternehmen
gestellt. Für das kurzfristige Exportgeschäft
(bis 24 Monate Kreditlaufzeit)
stehen
sowohl Einzeldeckungen als auch
pauschale Sammeldeckungen für regelmäßige
Lieferungen zur Verfügung.

Strenge Richtlinien Zuständig für die
Vergabe von Hermesdeckungen ist der
Interministerielle Ausschuss (IMA) unter
Federführung des Bundeswirtschaftsministeriums.
Mit dem Management sind
der private Kreditversicherer Euler
Hermes und die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft
PricewaterhouseCoopers
beauftragt.
Der IMA hat für mehr als
190 Länder Richtlinien für die Entscheidung
über Deckungsanträge der Exporteure
festgelegt. Diese Länderbeschlüsse
werden aufgrund volkswirtschaftlicher
Daten und des Zahlungsverhaltens der
Schuldnerländer ständig überprüft.

Ausnahmeregelung Hermesdeckungen
galten bisher nicht für Geschäfte mit
EU-Ländern sowie mit einigen OECDStaaten.
Wegen der Wirtschaftskrise hat
die zuständige EU-Kommission die
Regelungen gelockert. Es gilt als sicher,
dass für folgende Länder eine zeitlich
begrenzte Ausnahmegenehmigung erteilt
wird, vermutlich bis Ende 2010: die USA,
Großbritannien, Österreich, Frankreich,
Spanien, Italien, Slowenien, Griechenland,
Polen, Ungarn, Tschechien, die Slowakei,
Rumänien, Bulgarien, Litauen,
Lettland, Estland und Island. Bedingung
für eine Hermesdeckung ist der Nachweis,
dass keine private Ausfuhrkreditversicherung
abgeschlossen werden kann.

Die Kreditversicherer rechtfertigen
ihr restriktives Geschäftsgebaren mit
dem weltweit stark gestiegenen Insolvenzrisiko.
„Wenn wir erkennen, dass
unsere Kunden bei bestimmten Engagements
eine sehr hohe Wahrscheinlichkeit
haben, dass die Forderungen ausfallen,
müssen wir gegensteuern“, betont Benoît
Claire, Vorstandsvorsitzender von Coface
Deutschland. Das Unternehmen ist mit
einem Marktanteil von etwa 20 Prozent
die Nummer drei im deutschen Kreditversicherungsmarkt,
nach der Allianz-
Tochter Euler Hermes und Atradius. Ablehnungen
dienten auch dem Schutz der Kunden, betont Claire. Schließlich müssten
die im Ernstfall ihren Selbstbehalt
von 20 bis 30 Prozent berappen. Das allerdings
dürfte für die meisten Firmen
besser zu verkraften sein, als den Schaden
komplett allein tragen zu müssen.

Risikoreiche Bauchentscheidungen

Nicht zu bestreiten ist aber, dass
immer mehr Unternehmen zahlungsunfähig
werden. Die Assekuranz müsse
in diesem Jahr voraussichtlich rund
50 Prozent mehr Schäden in der Kreditversicherung
decken, lässt der Gesamtverband
der Deutschen Versicherungswirtschaft
(GDV) verlauten, dabei seien
die Aufwendungen schon 2008 deutlich
gestiegen. Die Branche rechnet deshalb
für 2009 damit, dass die zu tragenden
Ausfälle ihre Prämieneinnahmen um 300
Millionen Euro übersteigen werden.
Zudem betonen die Versicherer gern,
die Deckungssumme und die Zahl der
Verträge seien immer noch höher als im
Jahr 2007 – wenigstens für das Inland. Gesunken ist in jedem Fall die Zahl der
gedeckten Risiken, die sich auf die innerhalb
eines Vertrags versicherten Abnehmer
des Lieferanten bezieht. Wie viele
Deckungen bisher abgelehnt wurden,
legt die Branche nicht offen.

Das Inlandsgeschäft will die Bundesregierung
nun mit Milliardenbürgschaften
für Kreditversicherungen stützen; den
Export sollen die Hermesdeckungen in
Schwung bringen. Für Schattdecor und viele andere Mittelständler
bringen die neuen Regelungen
jedoch erst einmal nichts. Denn die
Versicherungen werden meist pauschal
für ein Jahr und für mehrere Länder abgeschlossen.
Es ist weder möglich, einzelne
Kunden, die aus der privaten Deckung
herausfallen, staatlich abzusichern,
noch ist es erlaubt, ein Land
doppelt zu versichern.

Harald Purainer versucht deshalb, bei
den Kunden Vorkasse oder kürzere Zahlungsfristen
durchzusetzen. Ein schwieriges
Unterfangen, da die Firmen ihrerseits
von den Banken keine Zwischenfinanzierung
mehr bekommen. Purainer:
„Wir entscheiden jetzt oft aus dem Bauch
heraus und versuchen, gemeinsam mit
den Kunden Lösungen zu finden.“

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