Diverses Kontrollierte Turbulenzen

Ende 2011 ist Schluss mit der Klassengesellschaft. Dann starten Premium- und Billigflieger in Berlin erstmals vom selben Flughafen. Der Airport-Betreiber hat alle Hände voll zu tun, es beiden Gruppen recht zu machen.

Für Wolfgang Mayrhuber ist es das kleinere Übel. Vehement hatte sich der Lufthansa-Chef zuletzt dagegen gewehrt, dass der verhasste Golf-Carrier Emirates künftig auch die deutsche Hauptstadt anfliegen darf. Mit Erfolg: Die Route Berlin-Dubai wird ab dem Winter zwar dreimal wöchentlich angeboten. Fliegen wird sie allerdings nicht Emirates, sondern Air Berlin – der deutsche Widersacher der Kranichlinie. Ein „attraktives Angebot, sowohl für Geschäftsreisende als auch für Urlauber“, sei das, stichelt Air-Berlin-Chef Joachim Hunold am Donnerstag im Roten Rathaus.

Auch wenn seine Ankündigung zunächst für Berlin-Tegel gilt, ist das Signal klar: Anderthalb Jahre, bevor der Stadtflughafen und der etwas außerhalb gelegene Airport Schönefeld zu Berlin Brandenburg International (BBI) zusammengelegt werden, bringen sich die Fluglinien für das neue Drehkreuz in Stellung. Am Freitag wird auf der Baustelle im Süden der Stadt das Richtfest gefeiert. Trotz des harten Winters und der Verzögerungen hält BBI-Geschäftsführer Rainer Schwarz an seinem Ziel fest: „Wir sind fest davon überzeugt, dass wir in der Nacht zum 30. Oktober 2011 umziehen können.“

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Knapp 20 Jahre, nachdem im Zuge der Wiedervereinigung erstmals darüber nachgedacht wurde, nimmt das Megaprojekt endlich Form an. Für 2,5 Milliarden Euro wird Schönefeld ausgebaut – zu einer 1470 Hektar großen Fläche, das entspricht gut 2000 Fußballfeldern. Auf parallel liegenden Start- und Landebahnen, die unabhängig voneinander betrieben werden können, sollen zunächst bis zu 25 Millionen Passagiere im Jahr starten und landen können. Die Genehmigungen, die Kapazitäten auf bis zu 45 Millionen ausweiten zu können, hat Schwarz sich gesichert: Eine Hängepartie wie am Frankfurter Flughafen will er vermeiden. 440 Millionen Euro zahlt der Betreiber, 430 Millionen Euro übernehmen Bund und Länder. Banken stellen einen Kredit in Höhe von 2,4 Milliarden Euro bereit.

Der BBI, der später nach dem Altkanzler Willy Brandt benannt werden soll, ist in jeder Hinsicht ein ehrgeiziges Projekt. Erstmals in der Geschichte der Hauptstadt ziehen Billigflieger wie Easyjet, die bislang nach Schönefeld flogen, mit Premiumanbietern wie der Lufthansa – die bis dato Tegel ansteuern – unter ein Dach. Das stellte die Planer vor Probleme: Eine Fluglinie wie Ryanair etwa hat kein Interesse an Fluggastbrücken, über die die Passagiere direkt ins Flugzeug steigen können – eine Lufthansa, die mit ihrem Service wirbt, aber schon.

Ein bislang einmaliges „Cafeteria-Konzept“ soll nun Abhilfe schaffen: Anstatt einem Entgelt für alle könne sich jede Airline „aussuchen, was ihr gefällt“, sagt Geschäftsführer Schwarz. Bei den Low-Cost-Anbietern werde die Abfertigung auf einer Ebene mit dem Rollfeld angesiedelt, sodass die Passagiere zu ihrem Flugzeug laufen können. Am anderen Ende der Skala befinde sich dann das eigene Gate für den Riesen-Airbus A 380. Die neue Nähe müsse kein Nachteil sein, sagt der Unternehmensberater und internationale Flughafenexperte Stefan Höffinger: „Die Low-Cost-Carrier versuchen upzugraden, da gibt es eine Konvergenz, die auch den Wettbewerb fördert. Die Einteilung in Billig- und Premiumanbieter stammt noch aus den 90ern.“

Eines haben die Fluglinien schon jetzt gemeinsam: Sie alle wollen so wenig zahlen wie möglich. Das neue Entgeltmodell wurde ihnen bereits präsentiert; jetzt wird über die absolute Höhe gefeilscht. Drei Viertel der nötigen 440 Millionen Euro hat der Flughafenbetreiber schon erwirtschaftet. Um aber die mindestens 100 Millionen Euro, die ab 2012 für die Tilgung des Kredits sowie Zinsen jährlich fällig werden, setzt Schwarz auf die margenstärkeren Einnahmen aus dem Einzelhandel sowie aus der Vermietung von Bürogebäuden.

Bis aber der BBI mit Leben gefüllt ist, genießt Air-Berlin-Chef Hunold die Vorreiterrolle: Er sei „ein gutes Beispiel für andere Fluggesellschaften“, lobt Bürgermeister Klaus Wowereit: „Durch die Aktivitäten anderer Konkurrenten wird die Lufthansa reagieren, um sich das Geschäft nicht entgehen zu lassen.“

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