Diverses Kosten senken ohne großen Aufwand

Die Umwelt schonen und gleichzeitig Ausgaben reduzieren: Unternehmer, die mit offenen Augen durch Produktionshallen und Büros gehen, entdecken schnell versteckte Stromfresser. impulse.de zeigt die größten Energielecks und wie Firmenchefs ihre Klimabilanz verbessern können.

In der Produktionshalle der Firma
Richard Henkel zischte es jahrelang.
Eine veraltete Druckluftanlage und
undichte Schläuche waren schuld daran,
aber auch das Verhalten der 45 Mitarbeiter.
Über die Druckluftanlage läuft fast
die halbe Produktion des Unternehmens.
Richard Henkel stellt Stahlrohrmöbel für
Schwimmbäder her – von der Sonnenliege
bis zum Bistrotisch. Auf die Produkte
kommt eine Lackschicht, die möglichst
dünn und gleichmäßig sein soll,
aufgetragen per Sprühpistole durch die
Mitarbeiter. „An jedem Zischen konnten
wir hören, wo Druckluft entwich und
wir unnötig Energie verbrauchten“, sagt
Geschäftsführerin Susanne Henkel. Seit
dem Einbau einer neuen Druckluftanlage
im Jahr 2007 ist Ruhe – und der Stromverbrauch
heute um fast die Hälfte
gesunken.

Veraltete Maschinen und falsches Verhalten
gehören zu den größten Energiedieben
in Unternehmen. Sie treiben den
Verbrauch in die Höhe, und das schlägt
direkt auf die Kosten durch. Industrieunternehmen
setzen daher längst auf
energiesparende Technologien – ob bei
Druckluftanlagen, Beleuchtung oder Klimatisierung.
Zusätzlich kann der Energieverbrauch
aber auch mit einfachen
Handgriffen ganz ohne teure Technik gesenkt
werden.

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„Gerade kleine Projekte
lassen sich umgehend realisieren, kosten
nicht viel und zeigen schnell erste
Ergebnisse
– etwa wenn Unternehmen
Glühbirnen durch Energiesparlampen ersetzen“,
sagt Gerd Marx, Beratungschef
der Energieagentur NRW. „Je nach Branche,
Alter der Maschinen und Struktur
der Firma spart das bis zu 30 Prozent.“

Viel zu tun im Mittelstand

Das Bewusstsein der Unternehmer für
das Thema Energieeffizienz ist geschärft.
„Sie fragen gezielter nach als noch vor
fünf Jahren“, sagt Marx. Hauptgrund dafür
sind die in den vergangenen Jahren
stark gestiegenen Energiepreise. „Viele
Firmen reagieren auf den Kostendruck,
denken also eher ökonomisch als ökologisch“,
so Marx. Allerdings entdecken
auch immer mehr Unternehmen einen
ganz anderen Effekt des Energiesparens:
Wer umweltbewusst produziert, verbessert
sein Image.

Bei Mittelständlern besteht großer
Nachholbedarf. Während Konzerne umfangreiche
Umweltrichtlinien haben und
oft mit energieeffizienter Technik produzieren,
arbeiten viele kleinere Unternehmen
mit jahrzehntealter Technik. „Viele
inhabergeführte Unternehmen steigen
beim Thema Umweltmanagement gerade
erst ein“, weiß Marx. „Oft fehlt zwar
noch das grundlegende Wissen. Doch die Firmen erkennen die Notwendigkeit,
jetzt zum Beispiel Strom zu sparen.“

Unternehmerin Henkel ersetzte 2007
nicht nur die zehn Jahre alte Druckluftanlage,
sondern ließ auch Leitungen
verkürzen, Löcher abdichten und die
Mitarbeiter schulen. Ein bewussteres
Verhalten war wesentlicher Bestandteil
des Projekts. Denn: Die Druckluftpistolen
verbrauchen besonders viel Strom,
wenn die Mitarbeiter falsch mit ihnen
umgehen. Die Druckluft lässt sich über
eine Düse regulieren. Vergisst ein Mitarbeiter,
sie zu schließen, geht unnötig
Energie verloren. Der Verbrauch ist dann
fast viermal so groß wie nötig, erklärt
die Geschäftsführerin. Damit ist es jetzt
vorbei: „Das ist wie beim Zähneputzen“,
sagt sie. „Da machen Sie doch auch den
Wasserhahn zu.“

Auf den Geschmack gekommen
Henkel legt schon lange Wert auf Energieeffizienz
und Umweltschutz. Seit 20
Jahren produziert das Unternehmen umweltschonend
mit möglichst geringem
Chemieeinsatz, kühlt Maschinen mit
Regenwasser und nutzt keine Klimaanlage,
sondern lüftet mit einem modernen
Fenstersystem. „Es gibt viele Möglichkeiten,
Strom zu sparen und die
Umwelt zu schonen“, sagt die Unternehmerin.

„Ist man erst einmal auf den
Geschmack gekommen, schaut man genauer
hin, hört auf jedes Geräusch und
findet so immer neue Ansatzpunkte.“ Das
rechne sich fürs Unternehmen schon
nach kurzer Zeit. So wird sich die neue
Druckluftanlage allein durch die Stromersparnis
bereits nach sechs Jahren
amortisieren.
Jörg Mittelsten Scheid, persönlich
haftender
Gesellschafter von Vorwerk,
leistet sich sogar einen eigenen Energiespezialisten.
Bereits Mitte der 70er-Jahre
– kurz nach dem ersten Ölpreisschock –
setzte er das Thema auf die Agenda.

Ursachenforschung

Die
Wuppertaler Firma produziert und vertreibt
Haushaltsgeräte, Teppichböden
und Kosmetika. Im Jahr 1981 stellte Vorwerk
Werner Kämper als Energiemanager
ein. Seitdem hat er jeden Winkel der
Produktionshallen und Verwaltungsgebäude
nach Energiedieben durchsucht.
Allein 150 Stromzähler ließ er installieren,
um einzelne Verbraucher zu identifizieren.
„Damit beginnt das Umweltmanagement“,
erklärt Kämper. „Erst wenn
man weiß, wo der Strom fließt, kann
man an der richtigen Stelle ansetzen.“

Heute steuert Kämper Raumtemperatur,
Lüftungs-, Druckluft- und Heizanlagen
sowie die Beleuchtung per Computer.
An 4500 Punkten im Unternehmen
hat er Sensoren angebracht, die einem
Großrechner melden, wie warm es ist
und ob Fenster oder Türen geschlossen
sind. „Wir messen und steuern alles über
ein System“, sagt Kämper. „Ist eine Tür
zu lange offen, schaltet sich zum Beispiel
die Heizung in dem Bereich aus. Unnötigen
Energieverlust erkenne ich sofort.“

Die größten Energiediebe

In fast jedem Unternehmen geht Energie
verloren: Produktionswärme entweicht ungenutzt,
Wechselstrommaschinen verschlingen
Blindstrom, Druckluft zischt aus Lecks in
Leitungen, Geräte und Maschinen laufen
auch in Pausen oder nach Feierabend. Wie
Unternehmer die Energiediebe aufspüren.

Produktionswärme
Maschinen in Industriebetrieben erzeugen
Wärme, die oft ungenutzt über die Luft
entweicht. Denn viele Unternehmen sehen
darin nur ein Abfallprodukt. Dabei lässt
sich die Wärme auffangen – zum Beispiel
per Wärmetauscher – und dann zum
Heizen
verwenden. Vorteil: Die eigentliche
Heizung verbraucht deutlich weniger
Energie.

Blindstrom
Laufen Maschinen mit Wechselstrom,
verbrauchen
sie sogenannten Blindstrom.
Der treibt die Maschine nicht an, sondern
pendelt nur zwischen Energiequelle und
Verbraucher
hin und her. Dabei belastet er
das Netz und wird der Firma deshalb vom
Versorger in Rechnung gestellt. Unternehmer
können mit einer Blindstrom-Kompensationsanlage
Abhilfe schaffen.

Druckluft
Industrieunternehmen erzeugen mit Kompressoren
Druckluft, die Maschinen und
Werkzeuge antreibt. Zu denen gelangt die
Druckluft durch ein oft weitverzweigtes
System von Rohren und Schläuchen.
Haben
sie Lecks oder Risse, entweicht Luft
ungenutzt. Das Problem: Die Löcher sind
oft so klein, dass man sie mit bloßem Auge
kaum erkennen kann.

Lastspitze
Laufen mehrere große Maschinen in
einem
Unternehmen gleichzeitig an,
entsteht
eine Lastspitze – der Stromverbrauch
schnellt für eine kurze Zeit in
die Höhe. Das ist für ein Unternehmen
deutlich teurer als ein konstanter Stromverbrauch.
Deshalb lohnt es sich, Maschinen
nacheinander zu starten.

Leerlauf
Schalten Mitarbeiter Maschinen und
Geräte
in Pausen und zum Feierabend
nicht aus, verbrauchen sie weiter Energie.
Strikte Regeln helfen Chefs dabei,
solchen
Leerlauf zu vermeiden.

Bereits 1990 installierte er die erste
Sensoranlage. Heute ist schon die dritte
Generation in Betrieb. Der Energieprofi
schätzt den zentralen Zugriff, der zwar
auch Strom kostet, sich aber dennoch
rechnet: „Wir können per Software jede
Maschine überwachen und Unregelmäßigkeiten
schnell erkennen.“ Fällt bei
einer Maschine etwa die Kühlung aus,
schlägt das System sofort Alarm.
Kämper hat den Ablauf seiner Checks
selbst entwickelt. „Natürlich kommt es
auf Fachwissen an, aber wichtig ist vor
allem, dass man Spaß am Energiesparen
hat“, sagt er.

Gehe man mit offenen
Augen
durch den Betrieb, kämen immer
wieder neue Ideen. „Als ich etwas über
Wärmetauscher erfahren habe, bin ich
sofort in unseren Betrieb gegangen und
habe geschaut, wo wir das System einsetzen
könnten“, erzählt der Vorwerk-Experte.
„Jetzt heizt die Abwärme der
Produktion unser Verwaltungsgebäude.“

Einen Energiespezialisten wie Kämper
kann sich natürlich nicht jede Firma
leisten.
Stattdessen holen sich viele Unternehmer
für eine begrenzte Zeit einen
Berater ins Haus. Der kommt meist
erst einmal für einige Tage und überprüft
den Stromverbrauch einzelner Maschinen
und Anlagen. Ist der Berater mit
dieser
Analyse fertig, erfahren die Unternehmen,
welche Möglichkeiten sie überhaupt
haben, Energie zu sparen.

Auch Stromversorger bieten solche Beratung
an. Die verdienen zwar am Verbrauch,
dennoch rechnet sich die Beratung
auch für die Energielieferanten.
„Wenn wir unseren Kunden beim Energiesparen
helfen, sind sie zufrieden und
treu“, sagt Roman Kaak, Geschäftsführer
von Eon Hanse Vertrieb. Seit 2007 arbeitet
der Versorger mit der Stadt Hamburg
zusammen. Die Kosten der Beratung
tragen
zu gleichen Teilen die Stadt, der
Energiekonzern und der Kunde. Für 800
Euro machen Kaak und seine Kollegen
Wärme-, Licht- und Kältechecks bei Mittelständlern.

Kaak kennt den Nachholbedarf der Unternehmen.
Besonders viel sparen lässt
sich in Firmen, die mit alten Maschinen
arbeiten. Die haben einen schlechten Wirkungsgrad,
sind zudem oft zu groß und
lassen Wärme ungenutzt entweichen.
Nach einem Check drückt Kaak dem Chef eine ganze Mappe mit Ideen und Projektvorschlägen
in die Hand. „Kaum ein Unternehmen
setzt alles um, meist reicht das
Geld nur für 30 Prozent der Vorschläge“,
sagt Kaak.

Deswegen sagt er seinen Kunden
auch, ob sie mit neuen Maschinen,
neuen Fenstern, Heizkesseln oder einer
Isolierung am meisten sparen. „So können
Firmen mit einzelnen
Projekten anfangen,
die eine besonders hohe Einsparung bei
geringem Aufwand versprechen.“

Baut ein Unternehmen neue Hallen,
kann es von vornherein Energiesparmaßnahmen
einplanen. Wie etwa der Bremer
Fotodienstleister Photo Dose: Seit 2005
betreibt der Mittelständler ein Großlabor.
2007 zog Photo Dose damit in eine
1500 Quadratmeter große Halle, seitdem
entwickeln 20 Maschinen dort rund
40 Millionen Fotos im Jahr. Mit dem Bau
des neuen Großlabors konnte Geschäftsführer
Heino Kaiser Pläne umsetzen, die
in einem bestehenden Bau undenkbar
gewesen wären.

So besticht die neue Halle
zum Beispiel mit ihrem Lichtkonzept:
Eine große Fensterfront sorgt dafür, dass
Photo Dose möglichst viel Tageslicht nutzen
kann. „Außerdem halten wir unsere
Mitarbeiter an, das Licht auszuschalten,
wenn es hell genug ist“, sagt Kaiser. Zudem
benutzt Photo Dose Leuchtstoffröhren,
die effizienter sind als Glühbirnen.
„Wir brauchen rund ein Drittel weniger
Strom für die Beleuchtung als früher.“

Neue Order vom Chef

Auch das Heizsystem ist eine Hightech-
Lösung: Unter der Hallendecke verlaufen
sogenannte Deckenstrahlplatten. In ihnen
fließt warmes Wasser, das die Wärme an
den Raum abgibt. „Die Alternative wäre
Warmluft gewesen, die von Ventilatoren
verteilt wird“, erklärt Kaiser. „Dann
herrscht aber stets Durchzug, außerdem
ist das Geräusch auf Dauer unangenehm
für die Mitarbeiter.“ Zudem ist jedes
aufgewirbelte Staubkorn schlecht für die
Fotoentwicklung.

Geschäftsführer Kaiser kann sich aber
nicht nur für Großprojekte wie den Hallenneubau
begeistern. Er erinnert seine
Mitarbeiter auch immer wieder daran,
täglich an den Stromverbrauch und die
Umwelt zu denken – etwa Türen und
Fenster zu schließen, sobald die Klimaanlage
läuft. Ende März kam eine neue
Order: Bei der Umstellung von Winterauf
Sommerzeit sollten die Filialleiter
die Zeitschaltuhren der Außenreklame
anpassen. „Beleuchtung ist im Einzelhandel
wichtig, doch im Sommer muss
sie nicht vor 22 Uhr eingeschaltet sein“,
sagt Kaiser. Bei 40 Läden rechnen sich
solche Aktionen. „Man muss manchmal
einfach nur mitdenken, um auf naheliegende
Lösungen zu kommen.“

Für Photo Dose war die neue Halle ein
Sprung in die Zukunft. Denn sie sollte
von vornherein nicht nur zweckmäßig
sein. „Wir wollten die Stromkosten deutlich
senken“, sagt Kaiser. „Der Neubau
hilft uns dabei.“ Stillstand wird es trotzdem
nicht geben. Das nächste Projekt hat
Kaiser schon im Kopf: Er will in Zukunft
nur noch mit Sonnenenergie heizen.

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