Diverses Kulturgut Rasierpinsel

Männer von Welt legen Wert auf Pflege - und bevorzugen die Nassrasur. Das Familienunternehmen Hans-Jürgen Müller KG fertigt seit nunmehr 60 Jahren hochwertige Rasierpinsel und verzeichnet trotz des Trends zur schnellen Trockenrasur Erfolge – auch international. Lesen Sie mehr über die Geschichte der Nassrasur und ihre entspannende Wirkung im hektischen Alltag.

Ob industriell gefertigte Standardqualitäten aus Borste oder handgefertigte, feine Rasierpinsel aus Dachshaar mit Silberspitzen: Ines Richter heißt die Spezialistin, die bei Mühle Pinsel mit Fingerspitzengefühl bis zu 100 Unikate am Tag fabriziert. Geschäftsführer Christian Müller, der selbst noch das seltene Handwerk des Bürsten- und Pinselmachens gelernt hat, schätzt, dass „in Deutschland vielleicht noch eine Handvoll Menschen diese Kunst beherrschen“.

Der Weg zur Hoch-Kultur der Nassrasur mit Pinsel, Seife und Klinge war beschwerlich – und lang. Schon in prähistorischer Zeit sollen Männer ihre Bärte gestutzt haben, wahrscheinlich mit geschärften Feuersteinen. Und seit etwa 4.000 vor Christus wurden Rasiermessern ähnelnde Werkzeuge aus Kupfer – später Bronze – eingesetzt, um vornehme Ägypter von Haaren an Kopf und Körper zu befreien.

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Alexander der Große befahl seinen Soldaten, die Bärte abzurasieren: Dem Feind sollte im Nahkampf keine „Angriffsfläche“ geboten werden. Römische Legionäre schliffen sich ihre Bärte mit Bimsstein ab. Ovid riet in seiner vor 2.000 Jahren verfassten Schrift Ars amatoria (Liebeskunst) jungen Männern: „Stoppeln am Kinn sind gemein, so zeige dich immer gut rasiert.“ Aus dem elften und zwölften Jahrhundert sind genauere Vorschriften bekannt – für Mönche. Petrus Venerabilis, Abt von Cluny, zum Beispiel setzte die Zahl ihrer Rasurtage auf 14 fest – im Jahr.

Seither ist die Rasurgeschichte genauer dokumentiert: Vorbilder, Gesetze, religiöse Traditionen bestimmten und bestimmen das Erscheinungsbild des Mannes. Er trug Vollbart wie sein Herrscher; er
rasierte sich, weil Peter der Große eine „Bartsteuer“ eingeführt hatte; er ahmte
Präsidenten oder Schriftsteller nach, die Backen-, Schnurr- oder gar keine Bärte trugen.
Das glattrasierte Erscheinungsbild des Mannes im 21. Jahrhundert dominiert. Und
doch: Als Amisch, Sikh, Muslim oder Jude befolgt er noch heute tradierte Regeln seiner
Kulturgemeinschaft, lässt seinen Bart wachsen oder rasiert sich auf keinen Fall während der Trauerzeit für Angehörige.

Wann genau das aufgeklärte Zeitalter der Nass-Rasur einsetzte? Wahrscheinlich vor rund 250 Jahren, als französische Adelige ihre Bärte mit scharfen Klingen stutzen ließen und sich dabei die Technik durchsetzte, Seife mit heißem Wasser zu Schaum zu schlagen. Früher dienten vor allem „Schwitzbäder“ – ganz nebenbei – dem Erweichen des Barthaares vor der Rasur.

Auch in England und Deutschland blühte zur gleichen Zeit das Handwerk der Barbiere auf, schließlich waren sie dort bereits seit dem 15. Jahrhundert in Gilden oder Bruderschaften organisiert, die einfache chirurgische Tätigkeiten wie den Aderlass ausführen durften und auch die für das Bartscheren nötige Geräte besaßen.

Paris und London wurden im 18. Jahrhundert rasch die Zentren der Rasierkultur, Heimat der besten Seifen und Duftwässer. Heute noch künden davon auf beiden Seiten des Kanals Namen wie James Bronnley, Juan Flories, Roger&Gallet, House of Dorsay, Geo F. Trumper.

Dann kamen die Amerikaner: Gillette und Schick revolutionierten den Markt mit einfach zu handhabenden und billigen Wegwerfprodukten – anfangs für Soldaten, dann auch für Zivilisten. Kurzfristig erreichten sie damit auch kultivierte Abendländer. Doch im Europa des 21. Jahrhunderts besinnt man sich auf das Entschleunigen und gegen das Wegwerfen – strebt nach Vollendung beim Tanz von Pinsel und Klinge auf der Haut.

Zum Einseifen, Rasieren selbst und zum „After Shave“ bestehen allerdings die unterschiedlichsten Auffassungen, fast erinnern sie an Glaubenskriege: Ist ein großer Pinsel besser als ein kleiner? Sind Seifen Cremes vorzuziehen? Soll Mann beim Schaumaufschlagen Keramikschalen benutzen oder einfach die eigene Handfläche? Wird der Rasierer zuerst an der Oberlippe oder besser an der Wange angesetzt? Ist von einer Rasur „gegen den Strich“ abzuraten?

Letztlich muss das jeder durch Erfahrung selbst ermitteln. Unverzichtbar sind vorzügliche Utensilien – und Gelassenheit. Nach einer entspannenden Nass-Rasur, die durchaus etwas Zeit in Anspruch nimmt, erhält die Haut einen Schimmer wie feinstes Porzellan – Selbstbewusstsein, Berufs- und Privatleben profitieren mit.

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