Diverses Lange Tarifrunde

Acht Prozent mehr Lohn - das forderte die IG Metall auch vor 30 Jahren. Der damalige Verhandlungsführer der Arbeitgeber Heinz Dürr erinnert sich.

Die Tarifrunde 1978 ist von Anfang an auf Streit angelegt. Die IG Metall hat Forderungen gestellt, die wir unter keinen Umständen akzeptieren können, denn diesmal geht es nicht um normale Lohnauseinandersetzungen, die am Ende immer mit einem Kompromiss enden. Außer um eine achtprozentige Lohnerhöhung und die Abschaffung der beiden unteren Lohngruppen geht es jetzt um die kollektive Lohnsicherung, das heißt, der Faktor Lohnsumme dividiert durch die Anzahl der Mitarbeiter soll konstant bleiben.

Ein solcher Tarifvertrag ist inakzeptabel. Das ist für mich als Verhandlungsführer in Baden-Württemberg schnell klar. Und das weiß sicher auch IG-Metall-Chef Franz Steinkühler.

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So kommt es nach den üblichen Auftaktrunden zur Schlichtung, dann zur Urabstimmung. Am 15. März 1978 treten mit Beginn der Frühschicht in 62 Betrieben rund 80.000 Arbeiter und Angestellte in den Streik.

200.000 Metaller im Ausstand

Die Arbeitgeber beschließen, die Abwehraussperrung ab 20. März 1978 um Mitternacht in allen Betrieben mit über 1000 Arbeitnehmern. Über 200.000 Metaller sind im Ausstand.

Wir verhandeln Tag und Nacht. Eine Lösung ist nicht in Sicht. „Kein Licht am Ende des Tunnels“, wie ich der Presse erkläre. Das Thema Lohnsicherung ist einfach zu sperrig. Einmal treffe ich mich mit Steinkühler in der Bank für Gemeinwirtschaft. Wir trinken viel Trollinger und essen Wurstbrote. „In den Streik zu gehen ist einfach“, sagt Steinkühler. „Aber man muss auch wissen, wie man wieder herauskommt.“

Da hat er allerdings recht. Unter vier Augen setzen wir unser Gespräch fort. Steinkühler, der mehr Trollinger intus hat als ich, meint dabei zu mir: „Dürr, Sie werden nie begreifen, dass ich Sie für einen prima Kerl halte. Aber Sie sind halt der Arbeitgeber.“ Am Ende verabreden wir den nächsten Termin.

Der Arbeitskampf zeigt Wirkung. VW beantragt Kurzarbeit, ebenso Ford, BMW, NSU und MAN. Ich mache eine Rechnung auf, dass die Auswirkungen des Arbeitskampfes die Volkswirtschaft Milliarden kosten und das Bruttosozialprodukt um ein bis eineinhalb Prozent absinken würden, wenn der Arbeitskampf über Ostern hinaus andauere. Aber wir müssen durchhalten. Bestärkt in dieser Haltung werde ich durch eine Bemerkung des früheren SPD-Finanzministers Alex Möller, den ich bei einem Empfang treffe und der mir eher beiläufig sagt: „Bei einem Streik kann Steinkühler nicht gewinnen. Das sollten Sie wissen.“

Dämpfer verpasst

Nach über zwei Wochen Arbeitskampf – die deutsche Autoindustrie ist in weiten Bereichen stillgelegt – kommt es zu der entscheidenden Sitzung. Gegen vier Uhr morgens sind sich die IG Metall und der VMI einig. Die Formulierung des gesamten Abschlusses dauert noch zwei Stunden. Dann treten Steinkühler und ich gegen sechs Uhr vor die Presse und verkünden die Einigung: Fünf Prozent mehr Lohn und Gehalt ab 1. Januar 1978 plus Einmalzahlung; die unterste Lohngruppe 1 wird auf Lohngruppe 2 angehoben, und die Arbeitnehmer werden vor Verdienstminderungen bei Abgruppierungen in niedrigere Lohn- und Gehaltsgruppen geschützt. Aber es gibt keine kollektive Lohnsicherung.

Wir hatten 25 Verhandlungstage hinter uns und 250 Stunden verhandelt. Es war geschafft: Wir hatten Steinkühler einen Dämpfer verpasst, wenngleich wir das natürlich nicht sagen durften. Schließlich darf in der Tarifpolitik keiner der Kontrahenten zufrieden sein. Ein Kompromiss ist nur dann gut, wenn beide Seiten unzufrieden sind, oder zumindest so tun.

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